US-Präsident Joe Biden hält seine lang erwartete Rede. Foto: dpa/Evan Vucci

Der Verbleib von Joe Biden im Amt erschwert es Kamala Harris, ihre eigene Vision zu verkaufen, kommentiert Washington-Korrespondent Thomas Spang.

Joe Biden findet sich in einer merkwürdigen Situation wieder. Eben noch Präsidentschaftskandidat der Demokraten, ist er nach seiner Rückkehr aus der Covid-Quarantäne jetzt eine super-lahme Ente. Das liegt nicht nur an der fehlenden Mehrheit im Kongress, Gesetz zu beschließen, sondern selbstverständlich auch an seinem Verzicht auf eine zweite Amtszeit.

 

Die Amerikaner warteten seit dem Rückzug mit Spannung auf eine Erklärung, was ihn dazu bewegt hat und wie er sich seine Rolle in den verbleibenden fünf Monaten vorstellt. Am Mittwochabend lieferte er sie zur besten Sendezeit in elf Minuten aus dem Weißen Haus. Eine Mischung aus vorgezogener Abschiedsrede und Wahlempfehlung für Kamala Harris. In getragenen Ton sagte der Präsident, die Zeit sei gekommen, den Stab an die neue Generation zu übergeben. Die Zukunft liege nun in den Händen des Volkes. Es gehe um die Verteidigung der Demokratie. Er selbst wolle die verbleibende Amtszeit nutzen, seine politischen Projekte zu Ende zu bringen.

Dass Biden noch im Amt bleibt, schafft für Harris eine eigene Dynamik

Das waren die Worte eines großen Staatsmanns, der eine ähnlich produktive Amtszeit hatte wie Lyndon B. Johnson. 1968 hatte der auf eine weitere Kandidatur verzichtet. Wie dieser verfügt Biden nicht über das Charisma, Menschen mitzureißen. Umso mehr bewies er Geschick, Gesetze mit knappen Mehrheiten durch den Kongress zu bekommen. Die Infrastrukturreform, die Grüne Wende und das Ankurbeln der heimischen Halbleiterproduktion haben die USA mehr verändert als noch so rauschende Worte. Dasselbe gilt für die historischen Verdienste, die sich Biden in der Ukraine erworben hat. Mit ruhiger Hand steuerte er die Nato durch eine der größten Herausforderungen des Bündnisses. Sein physischer und mentaler Abbau ließ sich zuletzt nicht mehr übersehen – und drohte den Retter der Demokratie zu einer tragischen Figur zu machen, die mit Sturheit dem Möchtegernautokraten Donald Trump die Schlüssel zum Weißen Haus auf dem Silbertablett überreicht. Am Ende tat Biden das Richtige. Dass er noch im Amt bleibt, schafft für Harris eine eigene Dynamik. Einerseits hat sie die Chance, sich ganz auf den Wahlkampf zu konzentrieren, während Biden sich um die Regierungsgeschäfte kümmert. Andererseits macht er es ihr schwere, ihre eigene Vision zu verkaufen.

Wie der US-Besuch von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zeigt, muss sie den Spagat zwischen Loyalität in ihrer Rolle als Vizepräsidentin und die Neuerfindung als Kandidatin der Demokraten hinbekommen. Die Republikaner werden das ihre tun, Harris als Biden-Klon zu verkaufen. Die schwierige Aufgabe im Wahlkampf wird für Biden sein, Harris den Raum zu lassen, sich nicht bloß als Erbin seiner Politik zu empfehlen, sondern sie eigene Akzente setzen zu lassen.