Wie in den USA: An fast jedem der Offiziershäuser im Roosevelt Village in den Kelley Barracks wehen die „Stars and Stripes“-Banner. Foto: Caroline Holowiecki

Knapp 500 Personen leben in den Kelley Barracks zwischen Möhringen und Plieningen, etwa sechsmal so viele arbeiten hier. Wie läuft der Alltag am 40 Hektar großen US-Militärstandort?

Möhringen/Plieningen - Carola Meusel dreht Runde um Runde und findet doch keine Lücke, um ihren Wagen abzustellen. „Das ist wie in der Innenstadt“, sagt sie frustriert. Typisch Stuttgart, oder? Jein. Carola Meusel kurvt zwar in der Landeshauptstadt, aber auf US-Gelände. Die Kelley Barracks auf Möhringer und Plieninger Gemarkung werden als einer von fünf Militärstandorten in und um Stuttgart von der US Army Garrison verwaltet. Aber in mindestens einem Punkt gibt es zwischen Schwaben und Amerikanern keinen Unterschied, wie Carola Meusel, die Sprecherin der Standortverwaltung, längst festgestellt hat: Die Autos sind zu groß, und die Parkplätze sind zu wenige.

 

Stationiert ist in den Kelley Barracks die Kommandozentrale der US-Streitkräfte für Afrika. 3000 Menschen arbeiten hier. Eine Tatsache, die Friedensaktivisten immer wieder Anlass für Demos gibt. Was sich aber hinter der Sicherheitsschleuse abspielt, wie der Alltag der 500 Menschen aussieht, die auf dem 40 Hektar großen Areal leben, wissen wenige. Einfach reinspazieren: ausgeschlossen. Wer in die Barracks will, braucht einen Termin, muss sich nach einer Ausweiskontrolle fotografieren lassen und einen Passierschein holen, der bei der Einfahrt genauestens beäugt wird.

Willkommen in Mischmaschhausen

Drinnen jedoch wirkt es wie im Feriencamp. Alles so schön grün hier, mit Picknick-Sitzgruppe unter stattlichen Bäumen. Die massiven Straßensperren, die im Ernstfall verriegelt werden können, fallen erst auf den zweiten Blick auf. Wenn es nicht gerade Mittag ist und Männer und Frauen in Tarnkleidung zum Schnellrestaurant strömen, um sich Sandwiches zu holen, erinnert rein äußerlich wenig an einen Militärstandort. Die Kelley Barracks sind wie eine Kleinstadt hinter Stacheldraht. Autowaschanlage, Tankstelle, Sport- und Spielplätze, 24-Stunden-Fitnessstudio, Hundeauslauf, ein Hotel mit 64 Zimmern, Bankfiliale, Kita für Kinder ab sechs Wochen plus Vorschule und Nachmittagsbetreuung. Sogar eine Art Oberbürgermeister gibt es mit dem Oberst Neal A. Corson.

Willkommen in Mischmaschhausen. Die Straße tragen Zwitternamen wie Pine Straße oder Oak Straße, die deutschen Verkehrsschilder – das Gelände ist eine Bundesliegenschaft – sind teils mit englischen Zusatzinfos versehen. Im großen Supermarkt bekommt man alles, was das US-Herz begehrt. Die langen Regale sind bestückt mit grell bunten Waren vom anderen Ende der Welt. Man wolle den Kunden ein Gefühl von Heimat vermitteln, sagt Hsiu Coe, die Leiterin. Bezahlt wird in Dollar. Deutsche Produkte muss man suchen, aber es gibt sie. Gummibärchen, Kartoffelsalat, Kekse, „auch deutsche Wurst ist sehr beliebt“, sagt Anja Reusch.

Vor vielen Häusern weht die US-Fahne

Sie arbeitet in der Bauabteilung. „Wir bauen nach deutschem Baurecht, berücksichtigen aber zum Beispiel amerikanische Sicherheitsvorschriften“, erklärt sie. So sind etwa alle Gebäude mit Sprinklern ausgestattet. Weiteres Zugeständnis: üppige Barbecue-Flächen vor jedem Mehrfamilienhaus. Für die Apartments in den Blocks der „Housing Area“ gebe es Wartelisten; kein Wunder, lebten die Familien hier doch mietfrei und müssten nur die Nebenkosten zahlen. Extra schick sind die Einfamilien-Offiziershäuser im Roosevelt Village. Vor nahezu jedem der weißen Gebäude weht die US-Fahne über englischem Rasen. Die Fluktuation in den Kelley Barracks, die 1938 von der deutschen Wehrmacht als Hellenen-Kaserne erbaut wurden, ist hoch. Aktive Soldaten bleiben laut Carola Meusel etwa zwei, drei Jahre, angestellte Zivilisten bis zu fünf Jahre. Stuttgart sei wegen der Infrastruktur, des hohen Freizeitwerts und des nahen Flughafens überaus beliebt.

In den Barracks gibt es sogar ein Theater

Doch tatsächlich gibt es nicht alles in den Kelley Barracks. Grundschule und Highschool etwa sind in der Panzerkaserne Böblingen zentralisiert. In Ermangelung einer Kapelle wird der Gottesdienst mittwochs in der Lobby des Kelley-Theaters abgehalten, erklärt Richard Roberts, der künstlerische Leiter. Seit 1981 gibt es die Spielstätte mit ihren 170 Sitzplätzen, aber bis heute ist sie vielen der 24 000 US-Bürger, die im Großraum Stuttgart zur Militärgemeinde gehören, unbekannt. „Wir haben ständig Leute, die sagen, sie hätten nicht gewusst, dass es uns gibt“, sagt der gebürtige New Yorker.

Aktuell wird „Mamma Mia“ gezeigt. Die fünf englischsprachigen Produktionen pro Jahr, die das Laienensemble auf die Beine stellt, richten sich längst nicht nur an Militärangehörige. Sie sind tatsächlich der einzige Anlass, zu dem Normalos ohne Weiteres aufs Gelände dürfen. Tickets sind nach Angabe persönlicher Daten online erhältlich. „35 Prozent unserer Gäste sind Deutsche. Viele haben Saisonkarten, manche seit 25 Jahren“, sagt Richard Roberts nicht ohne Stolz. Wie lang sie abends nach Parkplätzen suchen müssen, ist indes nicht überliefert. Aber sie kennen es ja. Typisch Stuttgart eben.