Der US-Präsident Foto: AP, Mattern

Der US-Präsident macht zuerst einen Stopp in Warschau, bevor er zum G-20-Gipfel nach Hamburg reist. Der Besuch wird von vielen Polen mit Spannung erwartet. Sie erhoffen sich Unterstützung beim Kurs ihrer Regierung in der Flüchtlingspolitik.

Warschau - Warschaus Zentrum ist zur Festung ausgebaut worden, ganze Straßenzüge wurden gesperrt. Der städtische Abschleppdienst arbeitete auf Hochtouren – kein Fahrzeug sollte den Konvoi des US-Präsidenten behindern.

Der Besuch Donald Trumps in Polen wird von der nationalkonservativen Regierung gefeiert. „Es wird ein Auftritt von weltweiter Bedeutung“, kündigte Präsident Andrzej Duda bereits im Vorfeld an. Er hatte die Einladung ausgesprochen und führt am frühen Donnerstagmorgen zunächst ein Vier-Augen-Gespräch mit Trump. Außerdem trifft der US-Präsident in Warschau zwölf europäische Staatschefs, die sich zum Forum der drei Meere (Ostsee, Schwarzes Meer und Adria) versammelt haben. Am Mittag hält der Gast aus den USA auf dem Krasinskich-Platz vor mehreren Tausend Polen eine Rede.

In den Kirchen wurde für den Besuch geworben

Polen gilt als proamerikanisch, und das Staatsfernsehen preist Trump pausenlos ohne kritische Töne als „strategischen Superbündnispartner“. Die 300 Abgeordnete der regierenden nationalkonservativen Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) wurden verpflichtet, jeweils 50 Personen zur Teilnahme an der Veranstaltung auf dem Krasinskich-Platz zu bewegen; auch in Kirchen ließ die PiS für den Präsidentenbesuch werben und bot kostenlose Busfahrten nach Warschau an.

Für die PiS unter dem einflussreichen Parteichef Jaroslaw Kaczynski und der eher blassen Premierministerin Beata Szydlo ist Donald Trump ein „Bruder im Geiste“. Die polnische Regierung, die sich wegen ihrer Weigerung, Flüchtlinge aufzunehmen, und ihrer Eingriffe ins Justizwesen und in die Pressefreiheit in einer Art Dauerkonflikt mit der EU befindet, hofft, dass Donald Trump ihr gegen Brüssel den Rücken stärkt.

Und tatsächlich wird der Gast die Polen wohl umgarnen: „Trump wird wie ein zweiter Reagan, ein Freund der Polen“, erklärte William Ciosek, der polnischstämmige Berater Trumps, vorab den polnischen Medien. Der verstorbene US-Präsident Ronald Reagan hat wegen seiner antikommunistischen Haltung an der Weichsel zahlreiche Bewunderer.

Polen will unabhängiger von Russland werden

Piotr Semka, einer der einflussreichsten Journalisten des Regierungslagers, sagte, der Besuch des US-Präsidenten sei aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. So solle die energiewirtschaftliche Zusammenarbeit intensiviert werden, was Polen von russischem Gas unabhängiger machen würde. Schon Anfang Juni kam die erste Flüssiggas-Lieferung aus den USA in Polen an. „Wichtig ist auch, dass der Vertrag der US-Truppen, die in Polen stationiert sind, verlängert wird“, betonte Semka. In dem osteuropäischen Staat sind derzeit 3500 US-Soldaten stationiert, die den östlichen Nachbarn abschrecken sollen. Die russische Annexion der Krim hat das Sicherheitsbedürfnis der osteuropäischen Nato-Mitglieder erhöht.

Ein exklusives Verhältnis mit den Vereinigten Staaten strebt die Regierung auch in Verteidigungsfragen an. Das sehen jedoch manche in Polen auch kritisch: „Polen soll sich um eine gute Verbindung zu den USA bemühen, jedoch die Sicherheitsfrage nicht bilateralisieren“, warnte Janusz Reiter, ehemals polnischer Botschafter in Washington und Berlin und Leiter des Zentrums für internationale Beziehungen in Warschau. „Die Nato ist der Sicherheitsgarant Polens – und dies geht nur zusammen mit den europäischen Verbündeten.“ Die EU dürfe nicht geteilt sein, sondern Polen müsse sich um mehr Harmonie mit Deutschland und Frankreich bemühen, forderte Reiter.

Größere Proteste werden nicht erwartet

Doch derzeit scheint es nicht danach auszusehen. Der polnische Historiker Marek Jan Chodakiewicz vom Institute of World Politics, der Donald Trump laut der Zeitung „Gazeta Wyborcza“ im Vorfeld des G-20-Gipfels beraten hat, sagte im polnischen Staatssender TVP: „Trump wird zum einen scharf Russland kritisieren sowie Berlin mit dem Finger drohen.“ Nach Harmonie hört sich das nicht an.

Mit größeren Protesten gegen den mächtigen US-Politiker und die Linie der polnischen Regierung ist in dem konservativen Land jedoch nicht zu rechnen. Lediglich einige linke und feministische Gruppierungen haben Aktionen angekündigt, doch ein großes Polizeiaufgebot soll verhindern, dass sie Gehör finden.

Stanislaw Pruszynski will gegen Trump demonstrieren

Auch der 81-jährige Stanislaw Pruszynski will protestieren. Der ehemalige Journalist und Inhaber des Restaurants „Radio Café“ schimpft: „Trump ist ein Lügner, er interessiert sich nicht für den Rest der Welt!“ Die Hoffnungen des rechten Regierungslagers, Trump werde sich mit der polnischen Geschichte vertraut machen, seien vergebens, ist er überzeugt.

Pruszynski ist keinesfalls ein Gegner der USA, ganz im Gegenteil: Er ist Amerika dankbar. Das Land finanzierte ihm im Exil ein Studium in Schottland, in den 1950er Jahren arbeitete er für „Radio Free Europe“ in München – gegen den Kommunismus in seiner Heimat. Als Reporter für eine kanadische Zeitung begleitete er den Senator Robert Kennedy und war 1968 Zeuge dessen Ermordung.

Jetzt verkauft Pruszynski T-Shirts mit englischer Aufschrift: „Donald in Polen sucht krampfhaft Liebe“, heißt es darauf, daneben ist eine Trump-Karikatur gekritzelt. Schon fünf US-Amerikaner hätten an diesem Tag das T-Shirt gekauft, erzählt Stanislaw Pruszynski mit einem stolzen Lächeln.

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