1829 kommt ein US-Präsident an die Macht, der sich als raubeiniger Gegner der Eliten inszeniert und auf Etikette wenig gibt: Andrew Jackson. Die Parallelen zu Donald Trump sind verblüffend.
Washington, 4. März 1829: Die Überraschung über den Wahlausgang war groß. Erstmals in der Geschichte der noch jungen Vereinigten Staaten zog mit Andrew Jackson (1768-1845) ein Präsident ins Weiße Haus ein, der nicht aus dem Umfeld des wohlhabenden politischen Establishments der Ostküste stammte, sondern ein Mann von der „frontier“, wie die Amerikaner den Grenzraum zwischen den bereits besiedelten Ostküstengebieten und den noch unerschlossenen Weiten des Westens bezeichneten.
Jacksons Amtsantritt markierte einen Epochenwechsel. Mit ihm, der mehr Volkstribun als Staatsmann war und als Ahnherr der heutigen Demokratischen Partei gilt, begann die Ära der Jacksonian Democracy, in der die Selbstbestimmung des amerikanischen Volkes erweitert und der Einfluss der Staatsorgane auf die Wirtschaft beschränkt wurde.
Mit Talent und Verbissenheit ins Präsidentenamt
Jackson, der zwei Amtsperioden (1829-1837) lang regierte und sich als Vertreter der einfachen Bevölkerung präsentierte, ist ins politische Bewusstsein der Amerikaner zurückgekehrt, seit Donald Trump deutlich gemacht hat, dass er in Jackson ein Vorbild sieht. Nicht von der Parteizugehörigkeit her, sondern wegen des autoritären Führungsstils. Am kommenden Montag wird Donald Trump für seine zweite Amtszeit als US-Präsident vereidigt.
Jackson wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf und arbeitete sich mit Talent und Verbissenheit nach oben. Früh verlor er seine Eltern, geriet im Zuge des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs 1781 in britische Gefangenschaft und ging danach nach Tennessee (seit 1796 Gliedstaat der USA), wo er nach einer juristischen Ausbildung den Weg in die Politik fand – und ins Militär.
Jackson glaubt an Wahlbetrug – wie später Trump
Als Kommandant der Miliz von Tennessee, später in der regulären Armee, machte er sich einen Namen als Kämpfer gegen die Indianer. Zum Nationalhelden wurde Jackson, als er 1815 die Briten bei New Orleans schlug.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Selfmademan durch Landspekulationen, meist mit Land, das den Indianern gehörte, und durch die Gewinne aus den Erträgen seiner von Sklaven bewirtschafteten Plantage bereits zu Reichtum gelangt.
1823 wird er Senator seines Heimatstaates und kandidiert im Jahr darauf bei den Präsidentschaftswahlen. Obwohl er unter den vier Bewerbern die meisten Stimmen erhält, verfehlt er die absolute Mehrheit im Wahlmännerkollegium, sodass gemäß der Verfassung das Repräsentantenhaus entscheiden muss. Dort wird der Zweitplatzierte, Quincy Adams, zum Präsidenten bestimmt. Jackson schäumt vor Wut, spricht – wie später Donald Trump – von Wahlbetrug und bezeichnet das Ganze als „corrupt bargain“, als Kuhhandel der politischen Elite. Das Klima ist vergiftet.
Jackson sieht Missachtung des kleinen Mannes
1828 tritt Jackson erneut an und erringt einen überwältigenden Sieg. Vorausgegangen ist ein äußerst schmutziger Wahlkampf. Der raubeinige Underdog geht mit den etablierten Washingtoner Regierungskreisen hart ins Gericht, wirft ihnen Abgehobenheit und Missachtung der Interessen des kleinen Mannes draußen im Land vor und verspricht, Filz und Korruption in den Institutionen den Garaus zu machen.
Die attackierte Elite ihrerseits keilt zurück, diffamiert den Konkurrenten als grobschlächtigen Rabauken, Esel und Dummkopf, dem sie die Befähigung für das Präsidentenamt abspricht. Doch den so Geschmähten ficht das nicht an. Statt beleidigt reagiert der einstige Kriegsheld amüsiert und macht sich den Esel kurzerhand zu eigen: Fortan prangt ein Langohr auf seinen Wahlplakaten, den er zum inoffiziellen Symbol der von ihm gegründeten Demokratischen Partei macht.
Der gemeine Mann aus dem Westen erweist sich als ein äußerst gewiefter und durchsetzungsstarker Politiker, der sich als Anwalt des Volkes gegen die Macht der Institutionen stilisiert und gezielt Ressentiments schürt, indem er die Ängste und Nöte der unteren Mittelschicht – Farmer, Handwerker, Arbeiter – anspricht. Das politische Klima in Amerika beginnt rauer zu werden, ein Prozess, den die Münchner Historikerin Hedwig Richter als „Vulgarisierung der Politik“ bezeichnet.
Im Wahlkampf wettert Jackson gegen das Washingtoner Establishment, machte Stimmung gegen die indigene Bevölkerung und verspricht Siedlern neues Land. In diesem Geiste bahnt sich „Old Hickory“ (alter Nussbaum), wie Jackson von seinen Truppen wegen seiner Stärke und Sturheit genannt wurde, seinen Weg durch Washington.
Jackson stärkt die Macht der Exekutive
Kaum im Amt, entlässt der neue Präsident eine beträchtliche Zahl von Bundesbeamten und besetzt die vakant gewordenen Stellen mit seinen Anhängern, ein bis auf den heutigen Tag praktiziertes Patronage-System, das persönliche Loyalität über politische Eignung stellt.
Jackson verbessert die Infrastruktur des Landes, treibt den Ausbau des Eisenbahnnetzes voran und stärkt die Macht der Exekutive. Zum Beispiel bei der Zerschlagung der Nationalbank: Als 1832 die Verlängerung der Lizenz auf der politischen Agenda steht, legt Jackson dagegen sein Veto ein. Seine Begründung: Dieses marktbeherrschende, von Finanzoligarchen dominierte „Monster“ bereichere sich auf Kosten der vielen. Jackson ist der erste US-Präsident, der seine Machtbefugnisse als Präsident unter Missachtung des institutionellen Regelwerks bis an die Grenzen des verfassungsrechtlich Machbaren ausnutzt.
Den Eliten verhasst, vom Volk geliebt
Dem äußerst tatkräftigen Agieren im Innern steht eine eher reaktive Außenpolitik gegenüber, die militärische Einsätze zwar prinzipiell nicht ausschließt, längere Interventionen im Namen abstrakter politischer Prinzipien jedoch ablehnt. Jackson gehört einer Denkschule an, die nur das Schwert erhebt, wenn zentrale amerikanische Interessen tangiert sind.
Die dunkelste Seite seiner Biografie stellt die gewaltsame Vertreibung der Indianer in der Indian Removal Act von 1830 dar. Die Ureinwohner wurden aus ihren angestammten Gebieten im Süden unter zahlreichen Todesopfern in das öde Oklahoma umgesiedelt.
Den Eliten verhasst, vom Volk verehrt, ging Andrew Jackson als erster Populist im Weißen Haus in die Geschichte ein. Sein Aufbegehren gegen das Establishment und seine Verachtung gegenüber den politischen Institutionen machten den politischen Quereinsteiger zum Vorbild für Donald Trump, in dessen erster Amtsperiode (2017-2021) ein Porträt Jacksons im Oval Office hing.
Journalisten erklärte er warum: „Jackson war der Erste, der die arrogante Elite herausforderte und niederrang. Kommt Ihnen das bekannt vor?“