Frances Tiafoe gilt als das größte männliche Tennistalent in den USA. Foto: AFP

Vor der Ära der „Big Three“ dominierten die US-Amerikaner über Jahrzehnte die ATP-Tour. Wo sind die männlichen Superstars der einst so übermächtigen Tennisnation? Liegt der Fehler im System? Trainerlegende Nick Bollettieri hat dazu eine klare Meinung.

New York - Wer zu Beginn der zweiten Turnierwoche im Männer-Tableau der US Open nach Lokalmatadoren Ausschau hielt, wurde – wieder einmal – nicht fündig. In John Isner und Tennys Sandgren waren am Sonntag die letzten beiden US-Amerikaner ausgeschieden – keiner der US-Boys überstand die dritte Runde beim letzten Major der Saison.

 

Zum Favoritenkreis gehörte ohnehin keiner von ihnen. Den USA, die über Jahrzehnte das Tennisgeschehen im Männertennis dominierten, fehlt seit Jahren ein Spieler, dem ein Grand-Slam-Titel zuzutrauen ist. Von Spielern der Güteklasse eines Pete Sampras, Andre Agassis oder John McEnroes ganz zu schweigen. Solche Ausnahmeathleten sind zwar weltweit eine Seltenheit – zum Selbstverständnis der USTA, dem US-amerikanischen Tennisverband, gehörten sie über Jahrzehnte dazu. 52 Grand-Slam-Titel gingen seit Beginn der Open-Ära (1968) in die USA. Das sind mehr als bei den beiden folgenden Nationen Spanien und Schweden (je 25) zusammen.

Ära der „Big Three“ beendet US-Dominanz

Seit die „Big Three“ (Federer, Nadal, Djokovic) das Tennisgeschehen dominieren, spielen die USA im Männertennis kaum mehr eine Rolle. Nimmt man Andy Murray dazu, gewannen die vier Europäer 54 der letzten 61 Grand-Slam-Turniere.

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In der Retrospektive ist der Beginn dieser Ära das Ende der US-Dominanz. Anfang 2003, dem Jahr als Roger Federer seinen ersten Wimbledon-Triumph feierte, holte Andre Agassi bei den Australian Open seinen letzten von acht Grand-Slam-Titeln, Landsmann Andy Roddick gewann im Herbst des selben Jahres die US Open – es waren die letzten US-Erfolge bei den Majors. Nun wartet auch Deutschland seit der Jahrtausendwende vergeblich auf einen männlichen Grand-Slam-Sieger. In Alexander Zverev kommt aber der amtierende Weltmeister aus Hamburg und in den USA wäre man froh, einen Spieler dieses Kalibers zu haben. Als Zverev vergangene Woche auf Frances Tiafoe (21) traf, beendete er dessen Titelträume nach einem Fünf-Satz-Krimi. Dabei ist Tiafoe der einzige US-Profi, dem Experten mittelfristig den Sprung in die Top-10 zutrauen. Aktuell liegt der 21-Jährige auf Position 45.

Sieben US-Amerikaner in den Top-100

Neben Tiafoe finden finden sich sieben weitere Amerikaner unter den Top-100. Einzig der 34-Jährige John Isner liegt als 14. in den Top-25. In Taylor Fritz (28.), Reilly Opelka (42.) und Tiafoe versuchen drei 21-Jährige, sich mittelfristig in die Top-20 zu spielen. Bislang ohne Erfolg.

Woher aber kommt der Mangel an Topspielern in den USA? Hat Tennis für die talentiertesten US-Sportler seinen Reiz verloren?

Für die US-amerikanische Trainerlegende Nick Bollettieri ist der Fall klar: „Wir erreichen nicht die Jugendlichen, die wir brauchen.“ Was der 88-jährige Ex-Coach von Tommy Haas damit meint? Kinder und Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen können sich die hochkomplexe und teure Tennisausbildung in den USA nicht leisten und spielen stattdessen Basketball oder American Football. „Sie brauchen Geld“, sagt Bollettieri. 400 000 Dollar an Eigenmittel benötige man, um es als Tennisprofi nach oben zu schaffen, rechnete der britische Tennisverband vor. Bollettieri aber sagt, wer in den USA dieses Geld habe, sei in aller Regel zu bequem, um es tatsächlich nach oben zu schaffen. Wer das Geld jedoch nicht habe, finde nur wenig Möglichkeiten, die nötigen Mittel aufzutreiben, um teure Coaches, die Ausrüstung oder gar die Turnierreisen zu finanzieren.

Tiafoe kommt nicht aus der weißen Oberschicht

Daher verwundert es nicht, dass das größte US-Talent nicht aus der weißen Oberschicht kommt. Frances Tiafoe ist das Kind einer Einwandererfamilie aus Sierra Leone, der sich und seiner Familie dank seines Talents ein besseres Leben finanzieren will. Genau diesen Ehrgeiz meint Bollettieri, wenn er den privilegierten US-Teenagern den nötigen Biss für die absolute Weltspitze abspricht. Das allerdings ist kein amerikanisches Problem – auch in Europa streben insbesondere Jugendliche aus den östlichen Staaten eine Tenniskarriere an.

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Aber selbst wenn die USTA den Talenten ihre Ausbildung bezahlen würde – entscheiden sich die besten Nachwuchssportler des Landes tatsächlich noch für Tennis? Die Zahlen an den Highschools und Colleges der vergangenen Jahre sprechen dagegen. Was ganz pragmatische Gründe haben dürfte. Wer es im Tennis nach ganz oben schafft, der hat ausgesorgt. Aber während in der Basketball-Profiliga NBA oder der Football-Liga NFL fast alle Top-100-Spieler Millionen-Gehälter kassieren, ist im Tennis selbst die Nummer 50 der Welt weit davon weg, nach zwei, drei Jahren finanziell ausgesorgt zu haben.

Auch deshalb spielen an den US-Colleges immer mehr internationale Spieler. Da sich die Colleges zum Teil über Erfolge ihrer Sportteams refinanzieren, werben sie Topspieler aus aller Welt an, um die größtmögliche Qualität auf den Courts zu haben. So spielte beispielsweise der deutsche Shootingstar Dominik Koepfer an der Tulane-Universität. Bei den US Open hatte der Schwarzwälder eine dementsprechend große Fangemeinde auf der Tribüne sitzen.

„Tennis ist mehr als den Ball zu schlagen“

„Tennis ist mehr als nur den Ball zu schlagen“, sagt Bollettieri. Damit spielt er auf die Veränderungen im Welttennis an. In den 90er-Jahren galt es, Pete Sampras, Andre Agassi und Jim Courier zu schlagen. Powertennis lautete das Motto der drei Legenden. Auch Andy Roddick und John Isner zählen in diese Kategorie Spieler, wenngleich mit weniger Touch ausgestattet als die drei US-Legenden.

Die Umstellung auf langsamere Courts, die Anpassungen in der Talentausbildung und die gleichzeitig gestiegene internationale Konkurrenz – all das macht dem US-Tennis noch heute zu schaffen. Die einstige Dominanz dürfte ohnehin nur ein Wunschtraum sein. Allerdings wäre ein neuer Grand-Slam-Sieg-Anwärter ja schon mehr, als die USA in den vergangenen Jahren hervorgebracht haben.

In unserer Bildergalerie haben wir Ihnen die größten US-Stars der Open-Ära zusammengestellt. Kennen Sie noch alle?