Der Kommandeur der US-Garnison Stuttgart Matthew Ziglar: „Wir sind eine Gesellschaft, die auf Freundschaft aufbaut.“ Foto: Stefanie Schlecht

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind US-Soldaten in der Region Stuttgart stationiert. Wegen der russischen Invasion in der Ukraine steht ihre Präsenz wieder stärker im Fokus. Es geht um Bündnisverteidigung.

Einfach reinspazieren oder hineinfahren geht nicht. Wer Zugang zur Böblinger Panzerkaserne möchte, braucht einen Termin, muss sich bei der Ausweiskontrolle fotografieren lassen und erhält einen Besucherausweis, den der bewaffnete Sicherheitsdienst bei der Einfahrt genau prüft.

 

Untergebracht ist in der Böblinger Panzerkaserne die US-Army-Garnison Stuttgart, die mit ihren rund 700 überwiegend zivilen Beschäftigten die fünf Militärstandorte in der Region Stuttgart verwaltet, darunter das Europa-Kommando Eucom in den Patch Barracks und das für Afrika zuständige Africom in den Kelley Barracks. Dabei kümmert sich die US-Garnison ähnlich wie eine deutsche Stadtverwaltung darum, dass die Soldaten, Zivilbediensteten und ihre Familien wie in einer US-Stadt Wohnungen, Schulen und Kindergärten, Banken, Post und Fitnessstudio finden. Klein-Amerika hinter dem Zaun. „Wir möchten den Mitgliedern der Militärgemeinde in Stuttgart ein Zuhause fernab der Heimat schaffen“, sagt John Campbell, der Sprecher der US-Standortverwaltung.

Im Herzen der Panzerkaserne, einer ehemaligen Wehrmachtskaserne, in Gebäude 2949, empfängt der US-Oberst Matt Ziglar im Flecktarn mit breitem Lächeln und festem Händedruck. An den Wänden seines Büros hängen Erinnerungsstücke früherer Einsätze: Gerahmt von Fotos vom Afghanistaneinsatz 2009 hängt eine Notfallnotiz, ein „blood chit“, mit der im Ernstfall unter anderem auf Paschtunisch, Dari oder Arabisch im Gegenzug für Hilfe eine Belohnung in Aussicht gestellt wird. Zudem ein Stück Aufziehleine von Fallschirmsprüngen. Der 47-Jährige ist Spezialsoldat für zivil-militärische Angelegenheiten, hat in Afghanistan und im Irak um Herz und Verstand der örtlichen Bevölkerung gekämpft.

„Ich bin froh, hier zu leben“

Seine jetzige Rolle als Quasi-Oberbürgermeister für mehr als 28 000 Menschen in der Stuttgarter US-Militärgemeinde ist ebenfalls fordernd, wenngleich weit ungefährlicher. Er muss zwei höherrangige Regionalkommandos zufriedenstellen. So nimmt man dem zugänglichen Offizier ab, wenn er – wie im Echo des Mottos der Garnison „ich bin froh, hier zu leben“ – für sich und seine Familie feststellt: „Stuttgart ist einer der lebenswertesten Orte auf der ganzen Welt.“

Mit dem Krieg in der Ukraine hat Ziglar direkt nichts zu tun. Die Ausbildung ukrainischer Soldaten findet auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern statt, und die militärischen Hilfslieferungen werden von einer Planungszelle im US-Army-Hauptquartier in Wiesbaden koordiniert. „Unsere unmittelbare Aufgabe war es“, erinnert er sich an den Beginn der russischen Invasion, „die Eucom-Leute, die viele Überstunden machten, etwa mit mehr Busverbindungen und Kinderbetreuung zu versorgen.“

Großer Wirtschaftsfaktor

Das Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen hält der Oberst für gut, auch wenn es Reibungspunkte gibt: Klagen über Schießlärm, die trotz der Dämmung bis heute nicht ganz verstummt sind, oder Beschwerden über eine neue Absperrung, die Radfahrer und Spaziergänger vom US-Übungsgelände im Böblinger Wald fernhalten. Seiner Einschätzung nach hat es vor den Anschlägen vom 11. September 2001 aber mehr Nähe zwischen Einheimischen und Amerikanern gegeben. „Wir haben uns seither stark auf unsere Sicherheit konzentriert und Zäune hochgezogen. Das hat eine Kluft geschaffen“, meint er.

Er bemühe sich, den Zusammenhalt wieder zu stärken. „Wir sind eine Gesellschaft, die auf Verbindung und Freundschaft aufbaut. Das lässt sich nicht per Zoom erledigen, dazu braucht man persönliche Kontakte“, meint Ziglar mit Verweis auf Videokonferenz-Software. Im Herbst organisierte er in seiner Kaserne einen Schwäbisch-Amerikanischen Biergarten. Er trifft Bürgermeister und Bezirksvorsteherinnen und hält die US-Soldaten dazu an, sich für deutsche Wohltätigkeitsaktionen zu engagieren.

Trump wollte den Abzug

Die US-Garnison ist ein großer Wirtschaftsfaktor: Mehr als 450 Ortskräfte sind dort beschäftigt. Vor allem aber sind die Ausgaben der US-Garnison Stuttgart beträchtlich. „Im Finanzjahr 2022 beliefen sich unsere Investitionen auf mehr als 157 Millionen Euro. Das sind fast 67 Millionen Euro oder mehr als 70 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2021“, berichtet Oberst Ziglar. Dazu zählten unter anderem 70 Millionen Euro für Infrastrukturprojekte und Gebäudereparaturen, von denen ein Großteil an die lokale Wirtschaft ging. Die Amerikaner gehen davon aus, dass ihre Bediensteten mehr als 3200 Häuser oder Wohnungen in der Region Stuttgart mieten.

Und Ziglar verspricht noch mehr: „Wir planen schon weit in die Zukunft, wie wir Weltklasseeinrichtungen bekommen können“, sagt er mit Blick etwa auf die energetische Sanierung vieler älterer Kasernengebäude. Kaum zu glauben: Noch Mitte 2020 wollte der damalige US-Präsident Donald Trump fast 10 000 der rund 35 000 in Deutschland stationierten Soldaten abziehen, darunter beide Stuttgarter US-Hauptquartiere. Davon ist heute keine Rede mehr. Das hat mit US-Präsident Joe Biden zu tun und mit dem Krieg in der Ukraine.

Austausch auf Augenhöhe

Luftlinie nur wenige Kilometer von Ziglars Hauptquartier entfernt sitzt Oberbürgermeister Stefan Belz in seinem Büro am Böblinger Marktplatz. „Ich habe mit dem Colonel einen sehr guten Austausch auf Augenhöhe“, erzählt der 42-jährige Luft- und Raumfahrtingenieur. So gut, dass ihm Ziglar sogar einen Ausweis verschafft hat, mit dem Belz jederzeit Zugang zur Panzerkaserne hat. Ungeachtet aller Konflikte um Schießlärm oder Zäune im Wald sei das Verhältnis zu den Amerikanern gut, berichtet der OB. „Sie sind ein fester Bestandteil unserer Stadtgesellschaft und fühlen sich hier wohl“, meint er. Der US-Oberst ist Gast auf dem Böblinger Stadtfest oder kommt zum Neujahrsempfang der Stadt. Und auch wenn er sie nicht genau beziffern kann, weiß Belz um die wirtschaftliche Bedeutung der US-Präsenz. Grob geschätzt leben allein in Böblingen 2000 bis 3000 Amerikaner.

„Zum Glück haben wir die Nato“

Der Grünen-Politiker und ehemalige Kriegsdienstverweigerer anerkennt die gewachsene strategische Bedeutung der US-Garnison in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Lage. Vor seinem Büro hängt eine von ihm unterzeichnete Erklärung Böblingens und seiner Partnerstädte: „Für Frieden in der Ukraine, für Frieden in Europa“. Darin wird „Russlands Abkehr von kriegerischen Handlungen“ gefordert. „Zum Glück haben wir die Nato, die nach dem russischen Angriff so schnell zusammengefunden hat“, meint Belz. Dabei spielten die USA eine maßgebliche Rolle: „Die Amerikaner sorgen für Sicherheit in Deutschland und Europa.“ Der Politikwissenschaftler Stephan Bierling von der Universität Regensburg stimmt mit Blick auf die Bündnis- und Landesverteidigung zu: „Ohne die USA geht nichts.“ Bei aller „Zeitenwende“-Rhetorik hält es Bierling für unrealistisch, dass Deutschland oder Europa diese Abhängigkeit in absehbarer Zeit überwinden könnten.

Die Bürger sehen das ebenso. In einer Umfrage der Körber-Stiftung halten 81 Prozent der Deutschen die Amerikaner für die wichtigsten Garanten für die Verteidigung Europas. Das transatlantische Verhältnis befindet sich im Aufwind: Vier von fünf Befragten halten die Beziehungen zu den USA für gut oder sehr gut. Daran möchte Oberst Ziglar anknüpfen, wenn er die deutschen Nachbarn seiner Garnison am 1. Mai zum „Open House“ an den Rand der Böblinger Kaserne einlädt. „Ich bin für unsere Partnerschaft dankbar. Wir teilen viele gemeinsame Ziele.“

US-Militär in der Region

US-Garnison
Die Böblinger Panzerkaserne ist Sitz der US-Standortverwaltung. Zudem befindet sich dort das US-Marineinfanteriekommando Europa und Afrika sowie Spezialeinheiten des Heeres und der Marine. In den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen befindet sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa (Eucom). Die Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen sind Sitz des Hauptquartiers der US-Streitkräfte in Afrika (Africom). In den Robinson Barracks in Stuttgart-Zuffenhausen befinden sich Wohngebäude. Und das US-Militär nutzt einen Teil des Stuttgarter Flughafens als Stuttgart Army Airfield in Leinfelden-Echterdingen.

Open House
Am Montag, 1. Mai, lädt die US-Garnison Stuttgart zwischen 11 Uhr und 17 Uhr ein zu einem kleinen deutsch-amerikanischen Nachbarschaftsfest im „Old Firehouse“, Waldburgstraße 104, nahe der Panzerkaserne in Böblingen. Es gibt amerikanisches Fingerfood, und zu sehen gibt es unter anderem Militär- und Rettungsfahrzeuge und einen Chorauftritt.