US-Verteidigungsminister Pete Hegseth verkauft den Amerikanern den Iran-Krieg in einer Mischung aus Machismo und Sendungsbewusstsein.
Auf die „umgehende Untersuchung” der Umstände, die am ersten Tag des Kriegs gegen den Iran zum Tod der 175 Mädchen und ihrer Lehrer in einer Grundschule geführt haben, werden die Senatoren wohl lange warten müssen. Donald Trumps Kriegsminister hat die dafür einst zuständigen Abteilungen im Pentagon längst aufgelöst. Vor allem sieht Pete Hegseth keine Notwendigkeit, auf das Schreiben der Demokraten einzugehen. Schließlich herrscht Krieg gegen ein Land „radikaler Islamisten”, das keine Gnade verdient.
Es gebe es keinen Platz für Rücksichtnahme, ließ Hegseth die Welt bei seinem ersten Presseauftritt seit vergangenem Juni wissen. Die „Rules of Engagement”, wie die US-Militärs die besondere Umsicht zum Schutz von Zivilisten bei der Zielauswahl von Einsätzen auch nennen, scheinen Vergangenheit.
Über die toten Mädchen im Süden Irans geht Kriegsminister Hegseth genauso hinweg wie über die 80 iranischen Marine-Soldaten, die an Bord ihres vor Sri Lanka versenkten Zerstörers einen, so der Minister, „stillen Tod” gefunden haben, oder die hilflosen Schiffbrüchigen eines angeblichen Drogenboots in der Karibik, die er nach US-Medienrecherchen mit einem Zweitschlag töten ließ.
Selbst für die bisher sieben US-Soldaten, die bei dem Einsatz gegen Iran ums Leben kamen, zeigt er wenig Mitgefühl. Die Presse berichte nur prominent über die Gefallenen, „um den Präsidenten schlecht aussehen zu lassen”. Diese Haltung gehört für Hegseth zum neuen „Krieger-Ethos”, das er den drei Millionen Militärs und zivilen Mitarbeitern des Pentagons vermittelt, seit er mit hauchdünner Mehrheit im Senat als Verteidigungsminister bestätigt wurde.
Bei seiner Anhörung konfrontierten Senatoren ihn mit einer langen Liste von Vorwürfen: abfällige Äußerungen über Frauen in den Streitkräften, Anschuldigungen wegen Trunkenheit im Dienst, Vorwürfe sexueller Übergriffe und Verfehlungen, eine turbulente Amtszeit als Leiter zweier Veteranengruppen und mangelnde Erfahrung für ein Amt, das die mächtigsten Streitkräfte der Welt beaufsichtigt.
In den Blick gerieten auch sein Tattoo des „Jerusalem-Kreuzes” auf der Brust und das Schwert mit dem lateinischen Spruch „Deus vult” – zu Deutsch: „Gott will es”. Beides steht für die mittelalterlichen Kreuzritter und wird von Rechtsradikalen benutzt, die sich auf eine göttliche Mission berufen. In den Oberarm ließ er sich den Schriftzug „We the People“ („Wir, das Volk“) stechen.
All das kommt in Erinnerung, seit Hegseth zum Gesicht des Iran-Kriegs in den USA wird. Kritiker wie George W. Bushs ehemaliger Redenschreiber Peter Wehner sehen sich darin bestätigt, dass dem hypermaskulinen Minister, der seine Anzüge in Donald Trumps Lieblingsfarben hauteng über seinem durchtrainierten Körper trägt, die Seriosität für das Amt fehlt. Seine Pressekonferenzen seit Beginn des Krieges ließen eine „ruhelose, geplagte Seele” erkennen.
Wehner schreibt in einem viel beachteten Beitrag in der Zeitschrift „The Atlantic“, Hegseth versuche zu sehr, das Bild eines harten Kerls zu projizieren. „Dahinter verbergen sich viele ungelöste Probleme, viel Zerbrochenes”, was sich in seinem Leben abgespielt habe. „Das wird dann gefährlich, wenn die betreffende Person zufällig der Verteidigungsminister ist.”
Die überspielte Unsicherheit könnte von der Zurückweisung seiner Mutter Penelope rühren, die ihrem Sohn einmal vorhielt, jemand zu sein, „der sich erhebt, lügt, betrügt, herumhurt und Frauen für die eigene Macht und sein Ego benutzt”. Kein schmeichelhaftes Urteil von Seiten eines Menschen, der den 45-Jährigen vielleicht am besten kennt.
Hegseth wuchs in Minneapolis auf, studierte Politik in Princeton und wurde Herausgeber des rechtskonservativen Studentenmagazins „Princeton Tory“. Früh stürzte er sich in Kulturkämpfe. Nach dem Abschluss trat er der Nationalgarde bei und diente als Infanterieoffizier – in Guantánamo, im Irak und in Afghanistan. Den Sprung in die Öffentlichkeit schaffte er als Wochenendmoderator bei Fox & Friends. Dort fiel er dem regelmäßigen Zuschauer Donald Trump mit seinen markigen Sprüchen auf. Erfahrung darin, eine Organisation mit einem Budget von knapp einer Billion (1000 Milliarden) Dollar zu führen, konnte Hegseth nicht vorweisen. Stattdessen empfahl er sich als willfähriger „America-First”-Ideologe. Wie der Oberbefehlshaber ist Hegseth dabei mehr um sein Image besorgt, als sich um seine Aufgabe zu kümmern. So versuchte er im Oktober, Reportern mit neuen Regeln für die Berichterstattung aus dem Pentagon einen Maulkorb zu verpassen. Fotografen schloss er von Iran-Briefings aus, weil ihm Bilder von seiner ersten Pressekonferenz nicht gefielen. Der Stil sei die Substanz, urteilt der „Economist“. Es werde deutlich, „dass ein spaltender Machismo im Kern der Militärpolitik der Trump-Regierung steht”. Hegseth liefert mit seinen Auftritten seit Beginn des Krieges die Beispiele dafür.
Vier Tage nach Kriegsbeginn verkündete Hegseth, Iran sei „erledigt”, seine Führer wüssten es. „Zumindest werden sie es bald wissen.” Nur Spott hat er für die traditionellen Verbündeten übrig, „die über den Einsatz von Gewalt lamentieren”. In diesem Krieg werde es „keine dämlichen Verhaltensregeln, kein Nation-Building-Schlamassel, keine Demokratieübungen, keine politische Korrektheit” geben. Und weiter: „Wir sind keine Verteidiger mehr. Wir sind Krieger, ausgebildet, den Feind zu töten und seinen Willen zu brechen.”
Dass dieser gnadenlose Kriegsminister Zeit findet, für sein Ministerium Königskrabben aus Alaska im Wert von Millionen Dollar, Hummerschwänze, einen Steinway-Flügel und luxuriöse Büromöbel zu bestellen, klingt zunächst nach einer Petitesse. Tatsächlich rundet ein investigativer Bericht der Organisation „Open the Books” das Bild eines überforderten Ministers ab, der in einem einzigen Monat – September – unglaubliche 93 Milliarden Dollar ausgegeben hat. Vieles davon für üppige Ausstattung und überflüssigen Luxus. Während der Nahe Osten in Flammen aufging, machte sich Hegseth damit zur Lachnummer der Mitternachtskomiker. Die haben ihn schon lange in eine Karikatur verwandelt, die mehr an einen Bösewicht aus einem Hollywoodfilm erinnert als an einen seriösen Staatsmann. Doch zum Lachen ist Experten wie Brett Bruen von der Organisation „Global Situation Room” nicht. Hegseth sei „nicht geeignet, die Stabilität oder Strategie zu liefern, die die USA und ihre Verbündeten brauchen”, sagt der ehemalige Mitarbeiter Barack Obamas im Weißen Haus. „Das amerikanische Volk braucht die Gewissheit, dass das US-Militär unter starker und stabiler Führung steht.”
Ob Kriegsminister, Kreuzritter oder Karikatur – viele Analysten sind sich einig, dass Hegseth in seiner Rolle ein gefährlicher Mann ist. Einer, der tiefe Unsicherheit mit Machismo überspielt. Kein beruhigender Gedanke über einen, der von Trump im Iran-Krieg freie Hand erhalten hat.