In den USA ziert Henry David Thoreau in seinem Jubiläumsjahr eine Briefmarke. Foto: AP

Die Wirkung seines Werks reicht bis zu den Krawallen der G-20-Gegner: Vor zweihundert Jahren wurde Henry David Thoreau, der Urvater aller Aussteiger, geboren. Er übte zivilen Ungehorsam, erprobte alternative Daseinsformen und feierte die Natur.

Concord - Je komplizierter die Welt, desto aufsässiger wird der Traum vom einfachen Leben. Man träumt ihn im Urlaub, wo man sich ohne Not in frühere Stadien der Zivilisationsgeschichte bequemt, im Freien lebt wie unsere Vorfahren oder vorzugsweise an solche Orte reist, deren malerische Urtümlichkeit über die Probleme hinwegtäuscht, die es das Jahr über bereitet, vom Fortschritt links liegen gelassen worden zu sein. Unerheblich, ob man outdoor-kostümiert die Wildnis gepflegter Nationalparks durchstreift oder lieber ganzkörpertätowiert in den Reservaten des Pauschaltourismus archaische Rituale einer rauen Stammeskultur pflegt. Der dahinter stehende Wunsch ist immer der gleiche: der Welt, wie sie ist, zu entkommen, und er wird getragen vom grummelnden Grundgefühl jeder Moderne, alles werde schneller, bedrohlicher, überfordernder.

Man könnte den Urlaub aber auch einfach dazu nutzen, wieder einmal den vor zweihundert Jahren, am 12. Juli 1817, in Concord/Massachusetts geborenen Urvater aller Aussteiger Henry David Thoreau zu lesen. Denn wovon andere nur träumen, hat er auf 15 Quadratmetern für gut zwei Jahre in die Tat umgesetzt: ein Leben im Einklang mit der Natur, fern aller Zivilisation. Thoreau ist eine Art Selfmademan der frühen Kapitalismuskritik. Etwa zu selben Zeit, in der Marx das Kommunistische Manifest ausarbeitet, hämmert und bastelt Thoreau an seiner privaten Antwort auf die Entfremdungserfahrung seiner Epoche.

Im März 1845 lieh er sich eine Axt, ging in die Wälder am Waldensee unweit seiner Geburtsstadt und begann für eine Hütte ein paar hochgewachsene Weißfichten zu fällen. Hochsymbolisch zieht er am 4. Juli, dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeit, ein, kultiviert ­Gemüse, backt sein eigenes Brot nach 2000 Jahre alten Rezepten – und lebt ansonsten frei nach dem Vorbild der Puri-Indianer, von denen man sagt, dass sie für gestern, heute und morgen nur einen einzigen ­Ausdruck haben.

Eine Bibel für Weltflüchter aller Art

„Ich bin in den Wald gezogen, weil mir daran lag, bewusst zu leben, es nur mit wesentlichen Tatsachen des Daseins zu tun zu haben. Ich wollte sehen, ob ich nicht lernen könne, was es zu lernen gibt, um nicht, wenn es ans Sterben ging, die Entdeckung machen zu müssen, nicht gelebt zu haben.“ So heißt es in seinem Buch „Walden – ein Leben in der Natur“, in dem der zuweilen als philosophierender Waldschrat verspottete Harvard-Absolvent sein Selbstversorgungsexperiment protokollierte.

Man findet darin neben praktischen Hinweisen zur Bohnenzucht vor allem das Saatgut, aus dem in der Folge ein bunter Strauß an Reformansätzen sprießen wird. Sein Aufruf „Simplify!“ wird kommenden Generationen bis hinein in unsere Tage zur Maxime; „Walden“ zur Bibel all derer, die zurück zur Natur streben, Hippies, Umweltschützer – aber auch reaktionäre Weltflüchter, die sich danach sehnen, irgendetwas möge wieder so groß und schön werden, wie es niemals war. Doch auch jenseits aller ideologischen Indienstnahme lohnt es sich, darin zu lesen, allein schon wegen eines Satzes wie diesem: „Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser.“

Nach gut zwei Jahren kehrt Thoreau aus seiner Klause zurück, die freilich nah genug an der Zivilisation gelegen war, um den Pfiff der Eisenbahn zu hören und regelmäßig Besuch empfangen zu können. Nach Abzug aller Ausgaben mit dem Verdienst durch Bohnen blieb ein Defizit von 25,21 Dollar, was allerdings mit anderen Kalkulationen zu verrechnen ist, die Thoreau anstellt, derjenigen etwa, wonach der Mensch nicht mehr als sechs Wochen im Jahr darauf verwenden sollte, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Wohl dem, der sich derartige Enthaltsamkeit leisten kann.

Widerstand gegen die Regierung

„Ich verließ den Waldensee vielleicht in dem Gefühl, dass ich noch verschiedene andere Leben zu leben hätte und für dieses eine nicht mehr Zeit aufbringen könne.“ Und in der Tat lebte Thoreau, der nur 44 Jahre alt wurde, eine ganze Reihe von Leben: In der väterlichen Bleistift-Fabrik beschäftigte er sich mit der Verbesserung der Grafitherstellung, er unterstützte die Sklaverei-Gegner als Fluchthelfer, setzte sich für die Belange der Indianer ein, war Assistent des Philosophen Ralph Waldo Emerson und vermaß das Land, dessen ungezügelte Natur er als Vortragsreisender unter die Leute brachte und in dichten Beschreibungen für die Nachwelt kultivierte.

Berühmt ist die Nacht, die er im Gefängnis verbrachte, weil er sich weigerte, einem Staat Steuern zu zahlen, der einen ungerechten Krieg gegen Mexiko führte. „Wie soll sich ein Mensch heutzutage gegenüber dieser amerikanischen Regierung verhalten?“ Diese Frage, die sich manchem auch heute wieder stellt, wirft er in seiner Rechtfertigungsschrift auf, deren Titel zugleich die Antwort ist: „Civil disobedience“ – ziviler Ungehorsam. „Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz“, schrieb er darin. Zum Thoreau-Schrifttum gehört an dieser Stelle der Hinweis auf Mahatma Gandhi und Martin Luther King, die sich auf ihn beriefen. Attraktiv jedoch ist er auch für jene, die sich vor mancher intensiv gefühlten Unsicherheit ins bergende Dickicht populistischer Regressionen zurückziehen. Und auch Hamburger Polit-Hooligans, die das nackte Austoben asozialer Triebe gerne mit dem Dienst für eine gute Sache bemänteln, fänden in ihm das geeignete Feigenblatt.

Baderummel am Waldensee

Hellsichtig analysiert er das Grundproblem moderner Lebensformen: die Verabsolutierung der Mittel über die Zwecke. Doch seine Kritik bleibt unsystematisch und taugt im Zweifel mehr als schönes Zitat denn zur tatsächlichen Veränderung der Gesellschaft. Wo der Kapitalismus seine schrankenlose Logik entfaltet, errichtet Thoreau sein Unabhängigkeitsreich innerhalb der Grenzen individueller Selbstgenügsamkeit. Er übersieht dabei, dass die freiwillige Askese eines Harvard-Absolventen gegenüber der erlittenen der zeitgenössischen Lohnarbeiter reichlich mit Privilegien abgesichert ist.

Das von Thoreau gefeierte Individuum ist in Wirklichkeit längst zum geheimen Akteur der gleichen kapitalistischen Logik geworden, von der sein eigenes Bleistiftunternehmen profitiert. Noch als nonkonformistischer Aussteiger bleibt er Teil der Welt, die seinem Verdikt verfällt. Dafür verdankt sich seinem Einsatz die Nationalpark-Bewegung, auf dass sich der im Brausen der Moderne abhanden gekommene Mensch am Busen der Natur wiederfinde.

So schillert Thoreaus Aktualität heute merkwürdig zwischen Occupy und Tea-Party im Licht des Widerspruchs. Wie der Walden-See. Denn wo Thoreau einst die Ruhe suchte, herrscht heute Massenschwimmbetrieb – und mit den Parkgebühren allein hätte der Waldmensch auf Zeit Monate seines verspielten Indianerlebens bestreiten können.

Neue Bücher zum Jubiläum:

Henry David Thoreau: Ktaadn.
Mit einem Essay von Ralph Waldo Emerson. Aus dem Amerikanischen von Alexander Pechmann. Jung & Jung. 160 Seiten, 20 Euro.

Henry David Thoreau: Wilde Früchte.
Mit 52 Illustrationen. Manesse-Verlag. 320 Seiten, 29 Euro.

Frank Schäfer: Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell.
Eine Biografie. Suhrkamp-Verlag. 254 Seiten, 16,95 Euro.

Susan Cheever: American Bloomsbury.
Ein Leben zwischen Liebe, Inspiration und Natursehnsucht. Insel-Verlag. 288 Seiten, 24 Euro.

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