„Sie schneidet dir den Kopf ab, und du merkst nicht einmal, dass du blutest“, hat ihre Tochter Alexandra einmal über Nancy Pelosi gesagt. Die neue Sprecherin des Repräsentantenhauses ist wortstark – doch nicht sehr populär.
Stuttgart - Das Urteil klingt drastisch. Aber es ist positiv gemeint. „Sie schneidet dir den Kopf ab, und du merkst nicht einmal, dass du blutest“, hat ihre Tochter Alexandra gerade über Nancy Pelosi gesagt. Im Sender CNN war die Filmemacherin gefragt worden, ob es die neue Sprecherin des Repräsentantenhauses – die am Donnerstag von 220 der insgesamt 435 Parlamentarier erwartungsgemäß gewählt wurde – wohl mit dem Wut-Präsidenten Donald Trump aufnehmen könne. Offenbar hegt sie daran keine Zweifel. Die neue demokratische Mehrheit im Parlament sieht das ähnlich.
Nach den Wahlen im November hatte es anfangs Widerstand vor allem junger Abgeordneter gegen die erneute Wahl der 78-Jährigen auf den einflussreichen Posten gegeben, den sie schon 2007 bis 2011 bekleidete. Doch Pelosi schlug die Revolte mit einer Mischung aus Härte und Versprechen nieder. „Sie wird in der Fraktion mehr gefürchtet als bewundert“, schreibt die „New York Times“. Dabei speist sich der Nimbus der Kalifornierin nicht nur aus ihrem Ruf als erstklassige Spendensammlerin und Netzwerkerin. Ihr gebührt auch das unzweifelhafte Verdienst, seinerzeit die Gesundheitsreform Obamacare durch den Kongress gepeitscht zu haben. Für die Verjüngung der Demokraten steht Pelosi ebenso wenig wie für die neue Blutzufuhr aus der Anti-Trump-Graswurzelbewegung.
Als Millionärin und Besitzerin eines Weinguts gehört sie zum Establishment. Doch eine zwingende Alternative zu ihrer Person ist nicht in Sicht. Und dass im Metoo-Zeitalter eine Frau dem offen sexistischen Präsidenten, der seine Geliebten mit Schweigegeld bezahlte, gegenübertritt, das hat eine tiefere Symbolik. „Ich musste keine Glasdecke, sondern eine Marmordecke durchbrechen“, hat die Großmutter von neun Enkelkindern ihren politischen Werdegang beschrieben.
„Pinkelwettbewerb mit einem Stinktier“
Als Sprecherin des Repräsentantenhauses ist Pelosi nun die mächtigste Gegenspielerin von Trump und die wohl einflussreichste Frau in der US-Politik. Dass sie dem Präsidenten die Stirn bieten wird, hält nicht nur ihre Tochter für sicher. Ihr erstes Gespräch im Weißen Haus zur Haushaltssperre vor drei Wochen beschrieb sie respektlos als „Pinkelwettbewerb mit einem Stinktier“, und sie lästerte, die Mauer zu Mexiko sei für Trump wohl „so eine Männlichkeitssache“. Donald Trump hat umgekehrt früh gelästert, er freue sich auf die Wahl von Pelosi, weil sie ihm neue Unterstützung bringe. Tatsächlich kämpft die Vorsitzende der Demokraten mit schlechten Beliebtheitswerten, und in republikanischen Kreisen gilt sie als ein regelrechtes Hassobjekt.
Alleine die Nennung ihres Namens reicht bei Kundgebungen Trumps für ein Pfeifkonzert von dessen Anhängern. „Die Republikaner haben 130 Millionen Dollar für verleumderische Anzeigen und Spots ausgegeben“, kontert Pelosi: „Weshalb wohl? Weil ich ihnen als Gesetzgeberin und Spendensammlerin zu erfolgreich bin. Sie mögen mein Feuer nicht.“
Die Demokratin macht sich wenig Hoffnungen auf eine reibungslose Zusammenarbeit mit den Republikanern in den kommenden zwei Jahren. „Wir machen uns keine Illusionen, dass die Arbeit leicht sein wird oder dass wir alle in dieser Parlamentskammer immer einer Meinung sein werde“, sagte Pelosi in ihrer Antrittsrede nach ihrer Wahl. Sie rief die Abgeordneten auf: „Lasst uns zusichern, dass wir uns gegenseitig respektieren und die Wahrheit respektieren, wenn wir verschiedener Meinung sind.“ Das konnte als Seitenhieb gegen Trump verstanden werden, dessen Aussagen oft Halb- oder Unwahrheiten enthalten und Respektlosigkeit gegenüber Gegnern vorgeworfen wird. Zugleich bot sie den Republikanern Zusammenarbeit an: „Wir werden uns darum bemühen, über den Gang in dieser Kammer und die Spaltungen in unserer Nation hinweg die Hand auszustrecken.“