Niemand erzählt so schön von den kleinen und großen Dramen des Alltags: Elizabeth Strout. Foto: Yoon S.Byun/Strewnwonder.com

In ihrem neuen Roman kehrt Elizabeth Strout nach Crosby zurück – und zeigt, wie man eine in sich zerfallene Gesellschaft mit Geschichten verbinden kann.

Landläufig gilt das Ungewöhnliche als Stoff der Literatur. Aber vielleicht sind die besten Geschichten doch im Gewöhnlichen enthalten. Belegen ließe sich das mühelos mit dem Erzählkosmos, den die amerikanische Autorin Elizabeth Strout in einer Reihe von Romanen über eine Zeitspanne entfaltet hat, die die Lebenszeit ihrer Figuren ebenso umfasst wie die ihrer Leser und Leserinnen. Während jene unaufhaltsam immer älter werden und wie die raubauzige ehemalige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge irgendwann in einer Seniorenresidenz landen, erleben diese erfüllte Momente, die sich dem allgemeinen Vergehen entziehen.

 

Im Zentrum stehen die Bewohner des fiktiven Städtchens Crosby und des Nachbarorts Shirley Falls im US-Bundesstaat Maine. Die Provinz ist die Mitte des Lebens. Jeder hier hat seine kleinen und großen Verbrechen begangen, seine kleinen und großen Freuden erlebt, Hoffnungen haben sich nicht erfüllt, und was der Tod nicht geschieden hat, scheidet das Leben. Zuletzt hat es die Schriftstellerin Lucy Barton in die Gegend verschlagen, vor der Pandemie ist sie mit ihrem Ex-Mann William aus New York an die Küste von Maine geflohen. Wie ihre Ehe auseinanderbrach und beide trotzdem wieder zusammengefunden haben, hat der vorige Roman „Am Meer“ erzählt. 

Küstengegend in Maine, USA, wo Elizabeth Strouts Romane spielen. Foto: imago/Pond5 Images

Nun geht es weiter: „Erzähl mir alles“. Und wollte man auf den kürzesten Nenner bringen, was genau, so wäre es die Probe auf die erwähnte These, wonach sich das Erzählenswerteste im Alltäglichsten verbirgt. Zum Beispiel in der Geschichte über die unglückliche Ehe ihrer Eltern, die die mittlerweile über neunzigjährige Olive Kitteridge dem von ihr ansonsten eher skeptisch beäugten scheuen „Mäuschen“ Lucy Barton erzählt, möglicherweise könnte die Schriftstellerin sie irgendwann für eines ihrer Bücher gebrauchen.

Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, hier würde das Auf und Ab des Lebens idyllisiert: in dieser Geschichte bläst sich der eine sein Gehirn mit der Schrotflinte aus dem Kopf, während das der anderen ein bösartiger Tumor zerstört. Wie eine Psychoanalytikerin erkundet Lucy Barton die hinter den tragischen Ereignissen wirkenden Kräfte, in diesem Fall die geisterhafte Intervention eines unverarbeiteten früheren Beziehungsverlusts. Auf langen Spaziergängen bespricht sie das Gehörte mit dem befreundeten Rechtsanwalt Bob Burgess.

Eine Geschichte entwickelt sich aus der anderen

Alles entwickelt sich aus Erzählkonstellationen. Zum einen könnte aus dem Austausch zwischen den beiden sich immer näher kommenden Seelenverwandten tatsächlich das werden, was Olive Kitteridge ohnehin von vornherein vermutet. Zum anderen setzt sich der mit einer Pastorin Verheiratete mit anderen Mitteln als seine Freundin für die Belange derer ein, die das Leben ohnehin schon gestraft hat. Aktuell hat er den Fall des unter Mordverdacht stehenden Matthew Beach übernommen, eines Einzelgängers mit eigenwilligen Vorlieben und unerwarteten Gaben. Er soll seine Mutter in einem See versenkt haben, zumindest würde eine ehrgeizige Staatsanwältin ihn nur zu gerne dessen überführen.

Und schon ist man in einer weiteren Geschichte, die wie eine Matrjoschka zahlreiche weitere in sich birgt, denn auch von Matthews anderen Familienmitgliedern gibt es einiges zu erzählen.

Elizabeth Strouts neuer Roman ist in jeder Hinsicht eine Summe, nicht nur weil er aus vielen einzelnen Geschichten besteht, die sich die Akteure in wechselnden Situationen wechselseitig erzählen, sondern weil sich die Pulitzer-Preisträgerin darin auf der Höhe ihrer Kunst zeigt. Wie die florentinischen Edelleute in Boccaccios „Dekameron“ gegen die Bedrohung der Pest anerzählen, tun es die Bewohner Crosbys gegen das Gefühl, ihr Land steuere auf einen Bürgerkrieg zu und die ganze Welt spiele verrückt.

Zu dem menschlichen Panorama der Kleinstadt zählen „Sündenträger“, die die Vergehen ihre Nächsten auf sich nehmen, Mütter, deren Kinder in paramilitärische Sommerfrischen ziehen, gefallene Erfolgsmenschen oder Frauen wie Charlene Bibber: Von einem Immobilien-Makler um ihr Eigentum gebracht, muss sie nun in der Seniorenresidenz von Olive Kitteridge putzen, sie engagiert sich in der Obdachlosenhilfe, bis sie auf einer dubiosen Politikplattform jemand kennenlernt, der allen Formen tätiger Nächstenliebe grundsätzlich ablehnend gegenübersteht. „Und so wurde der Riss, der durch das Land ging, immer tiefer.“

Der Wunsch nach Verbundenheit

Armut, Angst und Einsamkeit treiben die Leute auseinander. „Alle sind wir so hochkompliziert, und wir finden für einen Moment mit jemandem zusammen, weil wir uns mit ihm verbunden glauben. Aber auf gewisse Weise sind wir nie verbunden. Weil niemand den anderen bis in den hintersten Winkel seines Wesens kennt.“ Diese desillusionierte Einsicht Lucy Bartons überführt der Roman, indem er sie darstellt, zugleich in ihr Gegenteil. In dem kunstvoll alles miteinander verknüpfenden Erzählgespinst erfahren die je auf ihre Weise gebrochenen und isolierten Figuren jene Verbundenheit, die die Wirklichkeit ihnen vorenthält.

In schlichter Sprache entfaltet der Roman den ganzen Reichtum „unbeachteter Leben“ und liefert seine eigene Poetologie gleich mit. Was daraus entsteht, bekommt Olive Kitteridge am Ende von Lucy Barton erzählt: Eine Geschichte, die der ruppigen alten Dame so ans Herz geht, dass sie darüber weinen muss, auch wenn die rührselige Szene einmal durch einen Toilettenbesuch unterbrochen wird, bei dem ihr Darm die fürchterlichsten Geräusche macht.

Je gewöhnlicher der Stoff, desto ungewöhnlicher die Literatur. Wie Elizabeth Strout das Menschliche mit dem Allzumenschlichen vergesellschaftet, ohne etwas zu beschönigen, legt einen Hoffnungsschimmer über das Bild einer an unversöhnlichen Widersprüchen laborierenden Gesellschaft. Oder wie Olive Kitteridge über den allgemeinen Weltzustand sagt: „Ich kann drei Kreuze machen, wenn ich tot bin – vermissen werde ich es doch.“

Elizabeth Strout: Erzähl mir alles. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand Literaturverlag. 400 Seiten, 25 Euro.

Info

Autorin
Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Sie zählt zu den großen amerikanischen Erzählstimmen der Gegenwart. Sie lebt wie manche ihrer Romanfiguren in Maine und in New York City.

Werk
Ihre Bücher sind internationale Bestseller und preisgekrönt. Für ihren Roman „Mit Blick aufs Meer“ erhielt sie den Pulitzerpreis. „Oh, William!“ und „Die Unvollkommenheit der Liebe“ waren für den Man Booker Prize nominiert. Mit „Erzähl mir alles“ stand sie 2025 auf der Shortlist des Women’s Prize for Fiction. Für ihr Gesamtwerk wurde sie mit dem Siegfried Lenz Preis ausgezeichnet.