Ursula Kuttler-Merz hört den Leuten im Ort zu, wenn sie etwas zu erzählen haben – und schreibt es nieder. So entsteht aus biografischen Splittern ein wertvolles Stück Rottenburger Heimatgeschichte.
Rottenburg - Wenn die Schriftstücke und die Steine schweigen, wenn die Archive und die Archäologie nichts mehr zu bieten haben, dann kann nur die menschliche Stimme das Vergangene vor dem Vergessen retten. Manchmal auf den letzten Drücker, kurz vor dem Tod. 70 Jahre lag Bruno Teufel aus Obernau ein Drama auf dem Herzen, das er als Zehnjähriger erlebt hatte. „Mit dem gang i scho lang om“, sagte er schließlich zu Ursula Kuttler-Merz. Da war er an der richtigen Adresse.
Die Rottenburgerin ist 82 Jahre alt. Ihre Augen lassen nach, das Gehen ist beschwerlich, und da sind noch diverse gar nicht so harmlose Grunderkrankungen. Ja, der Tod ist ein Thema – aber anders, als man jetzt denken mag. „Mir sterben die Leut weg“, klagt Ursula Kuttler-Merz. „Und ich will doch noch so viel wissen, muss noch so viel fragen.“
So wie sie vor seinem Ableben noch Alfons Uttenweiler interviewen konnte, der von sich sagen konnte: „I han scho Gott ond Welt end Unterhose gseah.“ In fünfter Generation führte er eine Herrenschneiderei. Das Porträt, das Ursula Kuttler-Merz über ihn schrieb, führt in eine längst geschlossene Welt, in der der Meister im Schneidersitz auf dem mit Stecknadeln und Kreiden bestückten Riesentisch für Geschäftsleute und Beamte elegante Anzüge aus englischem Kammgarn und purpurne Soutanen für die Rottenburger Bischöfe schneiderte. In eine Welt, in der Alfons Uttenweilers Vater Bischof Sproll noch mit Exzellenz anredete, seine Hand küsste und vor ihm niederkniete. In der als Zusatzservice für einen Weihbischof einhundert Wende-Papierkragen beschafft wurden.
Im Garten explodiert eine Granate
Das hat vielleicht ein bisschen den Flair der guten alten Zeit. Aber Ursula Kuttler-Merz hält auch andere Geschichten fest. Wie die von der zehnjährigen Brunhilde Müller. Am 20. April 1945 flüchtete das Mädchen in den heimischen Keller. Rottenburg hatte das Pech, dass deutsche Soldaten noch südlich des Neckars waren und die anrückenden Franzosen beschossen. Die feuerten zurück, im Müllerschen Garten explodierte eine Granate. Ein Splitter durchschlug das Kellerfenster und traf das Herz des Mädchens. Es verblutete auf der Kellertreppe.
Hunderte solcher Geschichten hat Ursula Kuttler-Merz gesammelt. Über Handwerker, Friedhofs-Mesner, Franziskaner-Brüder – und über Elisabeth Tränkner, die 112 Jahre alt wurde. Ursula Kuttler-Merz hat sich in Generationen hineinrecherchiert, Genealogien aufgestellt, die Geschichte von Häusern mit menschlichen Schicksalen gefüllt.
Oral History heißt diese Methode, die vor allem ein Ziel hat: Das Leben derjenigen zu dokumentieren und in der Erinnerung zu halten, die nicht so im Blickpunkt der Geschichtsschreibung stehen. „Die kleinen Leute sind auch wichtig – und manchmal ganz große Persönlichkeiten“, sagt Ursula Kuttler-Merz. „Geschichte von unten ist manchmal viel spannender. Die Akten sind das eine. Aber Gespräche mit denen, die die Zeit noch erlebt haben, sind ganz, ganz wichtig.“
Gespräche mit Zeitzeugen
Sie bieten etwa einen Blick in religiöse Alltagskultur, die nicht in der offiziellen Geschichtsschreibung auftaucht. Wie das Begräbnis des Küfers Josef Ehing, der am 15. Oktober 1945 in Wurmlingen überfahren wurde und starb. Der katholische Ortsgeistliche verweigerte dem Katholiken eine kirchliche Beerdigung, weil die letzte Beichte fehlte.
Den Hintergrund hat Ursula Kuttler-Merz aus Gesprächen mit Zeitzeugen erfahren. Jener Josef Ehing hatte einmal, viele Jahre vorher, gebeichtet und war dabei vom Priester in die Mangel genommen worden: Warum er nur zwei Kinder habe? Warum er sich habe evangelisch trauen lassen? Warum die Kinder evangelisch getauft seien? Als Buße gab der Priester ihm den Auftrag mit auf den Weg, die Kinder katholisch taufen zu lassen und die Ehe katholisch umschreiben zulassen. Wutentbrannt lehnte der Küfer ab: „Du kriagsch mi nemme fort zom Beichta!“
Für die vom Tod geschockten Angehörigen war die Vorstellung eines nicht kirchlichen Begräbnisses kaum zu ertragen. Die zehnjährige Tochter überreichte dem katholischen Dekan eine Bittschrift, aber auch er blieb hart: „Wo der gute Wille fehlte, hat auch der Heiland bei all seiner Barmherzigkeit keine Milde walten lassen können.“ Es war letztlich Rottenburgs evangelischer Pfarrer, der mit einer berührenden Rede am Sarg noch einen religiösen Rahmen ermöglichte.
Stimmt die Geschichte überhaupt?
„Da muss man sich doch an den Kopf langen!“, kann Ursula Kuttler-Merz sich heute noch über solche Verhältnisse empören. Wohl ein Erbe ihrer Mutter, die nach dem Ersten Weltkrieg bei den Soldatenräten mitmachte.
Aber stimmt die Geschichte überhaupt? Oral History hat ja auch seine Tücken. „Klar, man kann mir ja erst mal alles Mögliche erzählen“, sagt Ursula Kuttler-Merz. Deshalb sucht sie stets weitere Quellen – und taucht tief in Rottenburgs Archive ein, liest Korrespondenzen, wälzt Katasterpläne, schaut in Personalakten, sucht ihre Informationen so weitverzweigt wie möglich.
Ursula Kuttler-Merz betreibt klassische Historikerarbeit, hat aber nie Geschichte studiert. Hat überhaupt keine akademische Ausbildung. Als ihr Vater unerwartet an einem Herzinfarkt starb, war wegen der Miniwitwenrente der Mutter klar: „Ich musste sofort von der Oberschule runter, weil wir das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten.“ Ursula arbeitete als Industriekauffrau, blieb dann wegen ihrer Tochter zu Hause – und verlängerte ihr häusliches Engagement, um ihre Mutter zu pflegen.
Heimatkunde ist ihr Lieblingsfach
Was sie dafür hat: Ein unbändig an allem interessiertes Wesen. Als fünfjähriges evangelisches Mädchen ist sie nach Rottenburg gekommen. Und bald lösten im Taschenkalender, den sie vollmalen durfte, Madonnen und Engel, Altäre und Heiligenscheine, löste die neue katholische Welt die alten Blumen und Prinzessinnen ab.
In der Grundschule war Heimatkunde ihr Lieblingsfach. Bei den Tübinger Montanwerken Walter, wo sie als erstes Mädchen im Kammerbezirk die Ausbildung zum Industriekaufmann machte, faszinierte sie die Welt der Metallindustrie: „Ich könnte heute noch Vorträge halten über hartmetallbestückte Drehköpfe.“ Als sie in eine Gammertinger Textilfirma wechselte, zog sie in das Wohnheim der spanischen Gastarbeiterinnen: „Da hab ich Spanisch in der Küche gelernt.“
Aber auch im professionellen Historikergeschäft ist sie etabliert. Sie ist Mitglied im Sülchgauer Altertumsverein, einem der ältesten Geschichtsvereine Baden-Württembergs. Dort hat sie viele Aufsätze veröffentlicht – etwa „Bibelleser und Beatmiezen“ über die evangelische Jugendarbeit nach 1945. Wem das gelingt, der muss das Historikerhandwerk beherrschen, muss sich in den Archiven auskennen wie in der Literatur. Das hat sich Ursula Kuttler-Merz alles angeeignet – sogar Latein: „Das taucht in katholischen Akten gern auf, wenn es um heikle Dinge geht.“
Leidenschaftliche Lokalreporterin
Seit 70 Jahren ist sie auch freie Journalistin für die „Rottenburger Post“, die zum „Schwäbischen Tagblatt“ Tübingen gehört. Ihr Vater gab einst eine Zeichnung der Zwölfjährigen seinem Straßennachbarn, dem damaligen Redaktionsleiter. Die Honorarquittung über fünf Mark hat Ursula Kuttler-Merz heute noch: „Das war richtig viel Geld.“
Die Redakteure erkannten das Potenzial des Mädchens. Über die Jahre deckte Ursula Kuttler-Merz alles ab, was im Lokalen anfällt: Unzählige Begegnungen, die zur Fundgrube für unzählige Geschichten wurden. Bis heute erscheinen in der „Rottenburger Post“ ihre Reportagen aus der Stadtgeschichte, begrenzt nur durch das Format einer ganzen Zeitungsseite, mit dem sie aber schon manchmal hadert: „Es gibt so viel mehr zu erzählen, ich habe noch Stoff für die nächsten zwanzig Jahre.“
Wer tief in die Vergangenheit einsteigt, entdeckt auch ihre dunkleren Seiten. Ein Dilemma, das auch auftrat, als Bruno Teufel sich an sie wandte. Ein ehemaliger Streckenläufer der Bahn. Ursula Kuttler-Merz hat sich erzählen lassen, wie er in Sechzig-Zentimeter-Schritten Schwelle um Schwelle ablief und bei Schienenbrüchen oder Bäumen auf dem Gleis Knallerbsen auf die Schienen legte – so wurden damals die Lokführer gewarnt.
Entsetzliches Erlebnis
Am Ende seines Lebens aber redete er sich von der Seele, was er an Weihnachten 1944 erlebt hatte. Mit seinem Vater war er vor der Bescherung noch im Futterrübenlager. Dort fanden sie eine junge Frau, die sich versteckt hatte. Eine polnische Zwangsarbeiterin, die aus dem Rottenburger Steinbruch geflohen war. Sie brachten das halb erfrorene Mädchen in die Weihnachtsstube, flößten ihr Suppe ein und waren ratlos, was sie nun weiter tun sollten. Sie fragten den Bürgermeister. „Des isch doch onser Feind!“, sagte der und telefonierte einen Wachmann vom Gefängnis herbei. Die verzweifelten Schreie des Mädchens, als der Wachmann in die Stube kam, hatte Bruno Teufel sein Leben lang im Ohr.
Der Bürgermeister von damals ist schon lange tot, aber die Familie lebt noch vor Ort. „Ich möchte niemanden nachträglich in die Pfanne hauen“, ist eine Devise von Ursula Kuttler-Merz. Den Namen des Bürgermeisters hat sie in ihrer Geschichte nicht genannt – aber die Spur gelegt, er lässt sich schnell herausfinden. Nur wenn sie weitergibt, was man ihr erzählt, wird daraus Geschichte: „Wenn ich mal auf dem Friedhof liege“ sagt sie, „dann ist dieses Wissen weg.“