Die griechische Insel wird zur Drehscheibe für Flüchtlinge im östlichen Mittelmeer. Es kommen fast vier Mal mehr Menschen an als im Vorjahr. Viele Kreter trifft das unvorbereitet.
Für die Frauen und Männer der griechischen Küstenwache sind es fast schon Routineeinsätze: Am Donnerstag nahmen sie 57 Kilometer südlich von Kreta 43 Menschen aus einem Boot auf, das mit Motorschaden steuerlos im stürmischen Meer trieb. Sie brachten die Menschen zum Hafen Kales Limenes an der Südküste Kretas.
In den vergangenen Jahren brachten die Menschenschmuggler irreguläre Migranten vor allem von der türkischen Ägäisküste zu nahe gelegenen griechischen Inseln wie Lesbos, Kos und Samos. Während der Flüchtlingskrise 2015 trafen hier an manchen Tagen Tausende Schutzsuchende ein, vor allem aus Syrien. Das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos war damals ein Brennpunkt.
Wege der Flüchtlinge ändern sich
Aber in den beiden vergangenen Jahren hat die griechische Küstenwache ihre Patrouillen in der Ägäis verstärkt. Auch die Türkei sichert ihre Seegrenzen besser und geht konsequenter gegen die Schleuser vor. Im Gegensatz zu früher funktioniere die Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden jetzt viel besser, heißt es im griechischen Ministerium für Migration und Asyl.
Die Folge: Der Migrantenstrom in der Ägäis ist in den ersten fünf Monaten gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent zurückgegangen. Auch am Fluss Evros, der im Norden die Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland bildet, gingen die Zahlen um 30 Prozent zurück. Hier haben die griechischen Behörden große Teile der Grenze mit einem fünf Meter hohen Zaun und Kameras gesichert. Auch die türkische Grenzpolizei hat die Patrouillen verstärkt.
7100 Ankünfte auf Kreta
Dafür steigen die Zahlen auf der früher kaum genutzten Route zwischen Nordafrika und Griechenland stark an. Vor allem zwischen dem libyschen Tobruk und Kreta entwickelt sich reger Verkehr. Nach Angaben der griechischen Küstenwache sind zwischen dem 1. Januar und dem 25. Juni fast 7100 irreguläre Migranten auf Kreta und dem kleinen vorgelagerten Inselchen Gavdos an Land gegangen. Im gleichen Vorjahreszeitraum wurden 1968 Ankünfte gezählt – die Zahlen haben sich fast vervierfacht.
Zu 95 Prozent handelte es sich bei den Ankünften um junge Männer im Alter von bis zu 25 Jahren, heißt es. Die meisten stammen aus Ägypten. Für die lebensgefährliche Überfahrt zahlen sie den Schleusern Beträge zwischen 3000 und 4000 Dollar. Ägypter haben in Griechenland so gut wie keine Aussicht auf politisches Asyl. Viele dürften deshalb darauf hoffen, sich von Griechenland in andere EU-Länder durchzuschlagen. Vor allem Deutschland gilt als attraktives Ziel.
Umstrittene Lager auf Touristeninsel
Griechenlands größte Insel Kreta erwartet in diesem Jahr etwa sechs Millionen Touristen. Aber auf die Unterbringung und Versorgung Tausender Migranten ist man dort nicht vorbereitet. Auf Kreta gibt es keine Aufnahmelager, in denen Asylverfahren abgewickelt werden. Die Migranten werden registriert und dann zu Lagern auf dem griechischen Festland gebracht. Doch bis dahin müssen die Menschen einige Tage untergebracht werden. Als die Behörden jetzt ein Zeltlager für 500 Migranten auf einem Sportplatz in Rethymnon errichteten, kam es zu heftigen Protesten der Bevölkerung, manche feuerten Feuerwerkskörper auf das Lager. Die Migranten wurden unter Polizeischutz in ein leer stehendes Lagerhaus ohne Schlafmöglichkeiten außerhalb der Stadt gebracht.
Die Regierung bemüht sich, den Zustrom zu stoppen. Seit dieser Woche patrouillieren zwei griechische Fregatten vor der libyschen Küste – zur Abschreckung, wie es inoffiziell heißt. Wie das praktisch aussehen kann, ist unklar. Bereits in der Vergangenheit kam die griechische Küstenwache wegen angeblicher Pushbacks, dem Zurückdrängen von Migrantenbooten, in die Kritik.
Anfang Juli will Außenminister Giorgos Gerapetritis nach Tripolis reisen. Auch die italienische Regierung und die EU-Kommission machen Druck. Sie hoffen, die libysche Regierung dazu bewegen, den Schleusern das Handwerk zu legen und die Überfahrten zu stoppen.