Wanderung im Obervinschgau, den Ortler immer im Blick. Foto: Ferienregion Obervinschgau/Manuel Pazeller

Das Tal im Westen Südtirols ist eine Welt für sich. Früher arm, gilt der Vinschgau heute als kunstsinnig und erfinderisch. Nicht nur deshalb lohnt sich ein Urlaub.

Das rund 70 Kilometer lange Tal zwischen Reschenpass und Meran ist vor allem im oberen Teil durch die Nähe zum Schweizer Engadin geprägt. Viele Orte haben rätoromanische Namen. Die Bewohner haben sich ihren Eigensinn bewahrt. Fünf Dinge, die Ferien im Vinschgau besonders lohnenswert machen.

 

1. Eine Runde wandern

Wer Kassian Winkler zuhört, wie er Wanderwege plant, glaubt sofort, das sei der beste Beruf der Welt. Zuletzt hat der vitale 74-Jährige den 360-Grad-Wanderweg im oberen Vinschgau geplant. 110 Kilometer, unterteilt in neun Etappen. Die Idee: Von jedem der vier Hauptorte im oberen Vinschgau (gleich hinter dem Reschenpass) können Wanderer die einzelnen Etappen absolvieren und am Abend wieder in ihrem Hotel sein – mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Der gesamte Rundweg mit schönen Einkehrmöglichkeiten führt von Prämajur zunächst Richtung Norden, dann unter anderem über die Zielorte Schluderns, Prad am Stilfserjoch, Glurns und Taufers wieder nach Prämajur. Die einzelnen Etappen sind für Freizeit-Wanderer gut zu bewältigen.

Den Ortler muss man dabei also nicht erklimmen, kann aber auf dem Weg immer wieder imposante Blicke auf den höchsten Berg Südtirols genießen: Wand in Sicht. Der 360-Grad-Wanderweg überrascht an markanten Punkten mit Installationen wie einem überdimensionierten Kuhglocken-Spiel. Oder einer vier Meter hohen Riesenschaukel.

Wem Laufen zu anstrengend ist, für den ist der obere Vinschgau auch ein idealer Ausgangspunkt für eine komfortable Radtour, bei der es fast immer sanft abwärts geht – bis nach Meran. Am Bahnhof Mals gibt es Räder zu mieten, die man am Bahnhof in Meran (oder auch früher) wieder abgeben kann, um mit der Bahn bis nach Mals zurückzufahren.

2. Ein Dorf sieht weiß

Oberhalb von Laas wird der reinste Marmor der Welt abgebaut. Er ist deshalb international begehrt bei Baumeistern und Designern. Spektakulärstes Projekt der letzten Jahre: Der spanische Star-Architekt Santiago Calatrava orderte in Laas Marmor für seinen Bau der neuen U-Bahn-Station am Ground Zero in New York.

Die renommierte Laaser Berufsfachschule für Steinbearbeitung lockt Schüler aus halb Europa an. Das alltägliche Geschäft sind eher Grabsteine. Was Thomas Mayr, Junior eines traditionsreichen Laaser Steinmetz-Betriebs, Sorgen bereitet. „Wer sich die Entwicklung der Bestattungskultur ansieht, weiß: Grabsteine sind aus dem vergangenen Jahrhundert.“

Deshalb setzt der 45-Jährige auf neue Produkte. Und hat zum Beispiel zusammen mit audiophilen Tüftlern den Prototyp eines Lautsprechers gebaut – mit schneeweißem Marmor-Gehäuse. „Schwer und schwingungsarm“ nennt Mayer als Vorzüge seines Modells. Wer mehr über Marmor erfahren will, kann eine von vielen Führungen buchen. (www.marmorplus.it, www.marmorfuehrung.com)

3. Schöner brennen

Whisky war lange nichts, was man mit Südtirol in Verbindung brachte: Vielleicht steht die erste reine Whisky-Brennerei Italiens gerade deshalb nun im Vinschgau. Denn die Vinschgauer gelten innerhalb Südtirols nicht nur als besonders kunstsinnig, sondern auch als erfinderisch. In diesem Fall der Bauunternehmer und Whisky-Kenner Albrecht Ebensperger, der in Glurns die Destillerie Puni gegründet hat. Puni wie der nahe Fluss.

Nach zwei Jahren Vorbereitung brennt Puni seit 2012 Whisky. Die ersten Flaschen wurden drei Jahre später verkauft, destilliert in schottischen Kupferbrennblasen, gelagert unter anderem, je nach Geschmacksprofil, in Ex-Bourbon- oder Ex-Marsala-Fässern. Inzwischen ist das Sortiment deutlich gereift und mehrfach prämiert.

Bei Puni kommen aber nicht nur Whisky-Trinker auf ihre Kosten, sondern auch die Freunde guter, moderner Architektur. Gebaut hat die Destillerie Werner Tscholl, vielfach ausgezeichneter Architekt aus dem Vinschgau, zu dessen Kunden unter anderem die Bergsteiger-Ikone Reinhold Messner zählt. Tscholl hat zahlreiche Wohn- und Gewerbebauten entworfen, die wie schöne Skulpturen in der Südtiroler Landschaft stehen.

Die Puni-Destillerie ist ein sehr markanter, 13 Meter hoher Würfel. Die ziegelrote Fassade, die den Gebäudekern umschließt, greift mit ihren schachbrettartig angeordneten Öffnungen die traditionellen Vinschgauer Scheunenfenster beispielhaft auf.

4. Vom Kuh-Dorf zur Kur-Stadt

Streng genommen gehört Meran nicht zum Vinschgau. Aber ein Besuch in Meran ist für jeden Vinschgau-Urlauber ein Muss. Umgekehrt lässt sich von Meran aus auch der gesamte Vinschgau bestens erkunden, auch dank der Vinschgerbahn, die einen schnell und günstig in die Orte des Vinschgaus bringt.

Seine erste Blüte erlebte Meran als Hauptstadt Tirols. Als der Landesherr 1420 nach Innsbruck umzog, war es vorbei mit der Pracht. Kuhställe prägten die Stadt, und der Weg zu einer der berühmtesten Kurstädte Europas war noch weit.

Dazu beförderte Meran der tuberkulöse Hochadel, der die Stadt im 19. Jahrhundert für sich eroberte. Im Gefolge wie immer: Wirtschaftsführer, Künstler, Neugierige. „Schöneres wie Meran ist kaum zu denken“, notierte der Schriftsteller Stefan Zweig.

Mildes Klima, Thermalquellen, bequeme Anreise waren die Gründe, die schon damals für Meran sprachen. Die Stadt hat es geschafft, den Kur-Charakter in die Jetztzeit zu retten – aber ganz ohne Steifheit. Seit 2005 gibt es eine schicke, große Thermenanlage nicht nur für Kränkliche, zehn Kilometer Promenade an der Passer, man kann in der Fußgängerzone unter Laubengängen bummeln und Veneziano trinken, wie der Aperol Spritz hier heißt.

Die berühmteste Werbefigur Merans ist heute wie einst Kaiserin Sisi, die mehrere Monate auf Schloss Trauttmansdorff am Rande von Meran verbrachte. Der zwölf Hektar große Garten rund um das Schloss beherbergt botanische Schätze aus der ganzen Welt.

Die Vorstellung, hier auf denselben Wegen zu wandeln wie einst die Kaiserin, ist aber nur eine schöne Illusion. Der Garten wurde erst 2001 angelegt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und ist seitdem einer der Besuchermagneten Südtirols – neben dem Ötzi-Museum in Bozen.

5. Die Schnapsidee der Apfelbotschafterin

Christine Schönweger ist Apfelbotschafterin. Was putzig klingt, ist für ganz Südtirol eine ernste Angelegenheit. Zehn Prozent der gesamten europäischen Apfelernte stammen von hier. Sie sind das wichtigste Exportprodukt, werden in über 60 Länder verkauft, unter anderem auf die Malediven und in die Mongolei.

Wer will, kann sich mit Christine Schönweger auf einen Apfel-Spaziergang begeben. Der Vinschgau ist eines der Hauptanbaugebiete. Und so reiht sich eine akkurat gepflegte Apfelplantage an die nächste – was Kritiker gerne als Monokultur geißeln. „Was heißt da Monokultur?“, entgegnet Schönweger. „Nur vier Prozent der Fläche sind Äpfel. Man baut sie halt da an, wo sie besonders gut wachsen.“

Die Vinschgauer sind Meister darin, Köstliches aus Äpfeln herzustellen. Von allen Variationen des Apfelstrudels über Apfelküchle und Apfel-Tiramisu bis hin zu – Apfelbrand. Und da kommt Christine Schönweger, die in ihrer Jugend mal Miss Südtirol war, mit ihrem Hauptberuf ins Spiel: Die 50-Jährige ist Südtirols erste weibliche Schnapsbrennerin.

Einst war sie nach Mailand entfleucht, um Mode zu studieren, besann sich dann aber auf ihre Wurzeln und übernahm den elterlichen Hof. Ein geschichtsträchtiges Anwesen, in dem sich Schönweger heute dem Weinanbau und der Herstellung edler Brände widmet.

Mit großem Erfolg. Ihr Zwetschgenbrand, erzählt sie im Gewölbekeller ihrer Hofbrennerei Gaudenz, wurde gerade zum besten italienischen Steinobstbrand gekürt. Eine andere Spezialität ist der Marillenbrand. Sieben Kilo der edlen Vinschger Marillen stecken in einer 0,35-Liter-Flasche. Es gibt Führungen mit Verkostung.

Info

Anreise
Die schnellste Zugverbindung von Stuttgart nach Meran: acht Stunden mit Umsteigen in München und Bozen. Weiter geht es mit Bus oder Vinschgerbahn (www.sta.bz.it/de) in den Vinschgau, www.bahn.de.

Unterkunft
Wer es richtig abgeschieden mag, ist im Almhotel Glieshof bestens aufgehoben. Am Ende des Matscher Tals im oberen Vinschgau gelegen, bietet das Haus naturnahes Idyll und modernen Wohnkomfort in einem. Guter Ausgangspunkt für Wanderungen. Doppelzimmer mit Halbpension ab ca. 200 Euro pro Nacht (www.glieshof.it). Am Rande der Meraner Innenstadt liegt die Villa Tivoli. Das traditionsreiche Hotel verbindet Bodenständigkeit mit stilvoller Eleganz. Doppelzimmer mit sehr aufwendigem Frühstück ab ca. 215 Euro pro Nacht (www.villativoli.it).

Essen
In seinem Restaurant Flurin im malerischen Städtchen Glurns verknüpft Thomas Ortler (28) regionale Küche mit kulinarischem Witz. Die Innenausstattung ist eine sehenswerte, entspannte Mischung aus alten Mauern und neuem Design (www.flurin.it). Ähnliches Prinzip in der Blauen Traube in Algund: Christoph Huber interpretiert nach Lehrjahren im In- und Ausland die Südtiroler Küche mit neuer Raffinesse. (www.blauetraube.it)