Das Fischerstädtchen Komiza auf Split – in diesem Jahr kommen zwar mehr Touristen, aber längst nicht so viele wie vor Corona. Foto: imago images / Pixsell/Josip Regovic/PIXSELL

Im Gegensatz zu anderen Mittelmeerstaaten sind die Infektionszahlen in Kroatien niedrig. Doch trotz der Rückkehr der Touristen erholt sich die Tourismusbranche nur schwer. Wenige Wochen können über Millionenbeträge entscheiden.

Split - Hell gleißt die Sonne über den strahlend blauen Fluten. Die Dächer von Split verschwinden allmählich am Horizont. Fische springen. Eine einsame Möwe kreischt, während das Fährschiff von Kroatiens staatlicher „Jadrolinija“ gemächlich durch Dalmatiens malerische Inselwelt in Richtung Süden tuckert.

 

Corona scheint weit weg, doch ist auch an Bord der „Petar Hektarovic“ allgegenwärtig. „Tragen Sie Masken, schützen Sie sich und andere,“ so die halbstündig wiederholte Botschaft aus den knarrenden Schiffslautsprechern. Diese wird von den fröhlich schwatzenden Passagieren kaum erhört. Ob auf dem Sonnendeck oder unter Deck in der Schiffskantine: Außer dem Personal haben sich nur wenige den lästigen Gesichtsschutz übergestreift.

Viele stornieren erst im letzten Moment

„Willkommen!“ – Lächelnd wuchtet der Taxifahrer im Hafen von Vis das Gepäck in seinen Kombi. Maske trägt der Mann im blau-weiß gestreiften T-Shirt zwar nicht. Immerhin steuert er sein Gefährt in der flirrenden Mittagshitze mit geöffneten Fenstern über die Anhöhen der Insel. Weniger als das Virus beschäftigen den freundlichen Chauffeur die Aussichten für die begonnene Sommersaison. „Wir haben mehr Besucher als im letzten Jahr“, berichtet er, während er gekonnt durch die Haarnadelkurven der Serpentinen hinab zum Fischerstädtchen Komiza kurvt: „Aber so viele Touristen wie vor Corona werden auch in diesem Sommer nicht kommen.“ Unablässig zirpen im Geäst der hohen Pinien die Grillen. Leise plätschern seichte Wellen an das steinige Gestade. Kinderlachen schallt über den Strand in Komiza. Den Widerspruch zwischen dem mäßigen Gästeandrang und den fast ausgebuchten Herbergen in Komiza erklärt Olivenölverkäuferin Ivenka mit den großzügigen Coronaregelungen der Vermieter, die oft unverbindliche Reservierungen ohne die übliche Anzahlung anbieten: „Viele haben zwar reserviert. Doch selbst Engländer warten oft noch die Entwicklung ab – und stornieren ihre Buchung erst im letzten Moment.“

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Spanien und Portugal müssten eine Warnung sein

Nicht nur in Spanien und Portugal, sondern auch in der Türkei, Zypern und in immer mehr Regionen Griechenlandsschlagen die Epidemiologen angesichts steil steigender Infektionszahlen wieder besorgt Alarm. In Kroatien ist die Sieben-Tage-Inzidenz mit derzeit 14,4 zwar weiterhin niedrig. Doch trotz der Rückkehr der Touristen wird die Hoffnung auf eine Erholung der Branche auch von Sorgen getrübt: Die Angst vor der Delta-Variante überschattet den Auftakt der Sommersaison. Die Coronasorgen der Konkurrenz erfüllen Kroatiens Tourismusbranche keineswegs mit klammheimlicher Freude, im Gegenteil. Spanien und Portugal müssten für Kroatien „eine Warnung“ sein, mahnt Kristijan Stanisic, der Direktor des Tourismusverbandes HTZ, die strikte Einhaltung der Präventivmaßnahmen an: „Die Lage kann sich auch bei uns ändern.“

In Rovinji gibt es die höchste Impfrate

Es ist vor allem das erlahmte Interesse an den Impfungen, das Zagreb Sorgen bereitet. Erst 37 Prozent der Kroaten ist zumindest einmal geimpft: Die Impfquote liegt damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 53 Prozent. Tourismusministerin Nikolina Brnjac verweist indes nicht nur auf die umfassenden Präventivvorkehrungen, sondern auch auf Prioritätsimpfungen für die Branche in allen Küstenregionen. So seien im Hotelgewerbe bereits 80 Prozent der Beschäftigten geimpft: „Besucher können sich in Kroatien absolut sicher fühlen.“

Tatsächlich sind die Infektionszahlen in dem bei Besuchern besonders beliebten Istrien mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1,4 weiter extrem niedrig. In Rovinj haben sich gar über 80 Prozent der Bevölkerung impfen lassen – die höchste Rate im Adriastaat. Doch das Virus kennt kaum Grenzen. Und auf Dauer gehen Tourismus und soziale Distanz selten Hand in Hand. Spätestens im Herbst wird auch in Kroatien mit einem Wiederaufflackern der Epidemie gerechnet. Wenige Wochen früher oder später können über Millionenbeträge entscheiden. Nur wenn die Hauptsaison ohne ein Abrutschen in die rote Zone über die Bühne geht, sind die optimistischen Wachstumsprognosen der Regierung zu halten.

Wie die Saison wird, weiß niemand

Die letzten Gläser werden geleert, die leeren Teller sind bereits abgeräumt. Schon vor Mitternacht macht Wirt Boris in der „Konoba Koluna“ Kassensturz. Im letzten Coronajahr hatte der gelernte Sportpädagoge sein Freiluftrestaurant erst gar nicht geöffnet. Nun hat er sich vor dem Sommer genauso wie seine in der Küche arbeitende Mutter zwar impfen lassen. Aber dennoch blickt der Gastronom der zweiten Coronasaison auf Vis eher zweifelnd entgegen. Erst sehr spät habe er im benachbarten Bosnien Saisonkräfte anheuern können, und ob sich das auszahlen werde, wisse er nicht, berichtet er mit einem Achselzucken: „Noch im Frühjahr wusste niemand, ob die Saison überhaupt kommt. Und jetzt weiß niemand, wie sie wird.“

Einbrüche im Tourismus und Hoffnung auf bessere Zeiten

Fast jede vierte kroatische Kuna wird im Adriastaat mit dem Fremdenverkehr verdient. Die Corona-Epidemie hatte Kroatiens Tourismussektor im letzten Jahr hart getroffen. Gegenüber dem Rekordjahr 2019 schrumpfte der Umsatz der Tourismusbranche im ersten Coronajahr 2020 um satte 54 Prozent, die Zahl der Gäste sank gar um fast zwei Drittel: Nicht zuletzt wegen der Einbrüche im Tourismus wurde der EU-Neuling 2020 von einem Minuswachstum von 8,4 Prozent getroffen.

Der Auftakt der Sommersaison lässt Kroatiens Gastronomen erneut auf bessere Zeiten hoffen. Über 600 000 ausländische Touristen sind bereits im Land, fast doppelt so viele wie 2020 – die meisten kommen aus Deutschland, Slowenien, Tschechien, Polen und Österreich. Wenn sich der Trend fortsetze, sei mit 60 Prozent des Vorkrisenumsatz von 2019 zu rechnen, sagt Zagreb Tourismusministerin Nikolina Brnjac. Sie ist optimistisch, sofern alle epidemiologischen Maßnahmen befolgt werden.