In Kroatien brummt die Sommersaison – und es mehren sich die Corona-Sorgen. In Dalmatien steigen die Fallzahlen bedenklich an. Was Touristen jetzt wissen müssen.
Belgrad/Split - Selbst der Regen vermochte die sonnenhungrigen Adriatouristen nicht zu stoppen. Kilometerlange Staus und zum Teil stundenlange Wartezeiten vermeldete Kroatiens Verkehrspolizei am Wochenende von den Grenzübergängen, Mautstationen und in den Fährhäfen des Landes.
Selten löste die Rückkehr der schier endlosen Blechkarawanen zur Hauptreisezeit soviel Zufriedenheit im Gastland aus. Die Auslastung der Inselfähren liege bereits bei 68 Prozent des Rekordjahres von 2019, berichtete erleichtert Jelena Ivulic von der staatlichen Reederei „Jadrolinija“ in Split: „Die Fähren sind voll, wir arbeiten rund um die Uhr. In Anbetracht der Umstände und epidemiologischen Lage können wir zufrieden sein.“
Der Beginn der Saison läuft vielversprechend
Doch die Freude über die Rückkehr der Besuchermassen paart sich mit zunehmenden Corona-Sorgen: Wegen steigender Infektionszahlen in Dalmatien hat die EU-Gesundheitsagentur ECDC Kroatiens gesamte Küste Ende letzter Woche unerwartet früh von der grünen in die orangene Zone abgestuft. Sie sei „geschockt“, reagierte bestürzt Barbara Markovic von Kroatiens Verband der Privatunterkünfte in Split auf den überraschenden Abschied aus der grünen Zone: „Ich hatte erwartet, dass das Mitte August, aber nicht so schnell geschehen würde.“ Der Saisonbeginn sei „vielversprechend, besser als gut“: „Aber was jetzt kommt, ist ungewiss. Wenn sich die epidemiologischen Zahlen nicht verbessern, werden wir die Nachsaison nicht erleben.“
Dubrovniks Bürgermeister ist verärgert
Es sind die traumatischen Erfahrungen der ersten Corona-Saison, die Kroatiens Tourismusbranche und Bürgerväter so besorgt reagieren lassen. Auch 2020 war das Sommergeschäft besser als erwartet angelaufen. Doch als im August die Infektionszahlen auch wegen der laxen Befolgung der Regeln nach oben schnellten, rutschte Kroatien rasch in die rote Zone: Schon Mitte August packten die Gäste die Koffer und die Saison war praktisch beendet.
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„Schlachtet nicht wegen eines Schnitzels die Kuh!“, fordert Dubrovniks Bürgermeister Mato Frankovic die Gastronomen zur strikten Einhaltung der Vorsichtsmaßnahmen auf. Ein erheblicher Teil der Infektionen in der „Adria-Perle“ sei einem Klub mit Livemusik zuzuschreiben. Er kündigte verärgert „rigorose Strafen“ an. Im Vorjahr hätten die Nachtklubs Kroatien „die Saison gekostet“: „Das werden wir in diesem Jahr nicht zulassen.“
Istrien hat eine sehr niedrige Inzidenz
Verärgert über das Abrutschen in die orangene Zone sind vor allem die Bürgerväter und Gastronomen in dem bei Touristen aus Mitteleuropa besonders beliebten Istrien. Denn auf der Halbinsel sind nicht nur die Impfraten höher als im Rest des Landes, sondern auch die Infektionszahlen weiter ausgesprochen niedrig. Die Siebentage-Inzidenz liegt in Istrien bei nur 1,44 Prozent, die Zahl der aktiven Fälle beträgt im Moment nur zwei. Am vergangenen Sonntag wurden gar null neue Infektionsfälle vermeldet.
Es gehe nicht an, dass Istrien die Folgen der „Unverantwortlichkeiten“ anderer Regionen auszubaden habe, ärgert sich in Pula der Vorsitzende der Regionalverwaltung Boris Miletic. Tatsächlich sind es nicht nur die Nachtklubs auf der dalmatinischen Party-Insel Pag, sondern auch Hochzeiten und Familienfeiern, die von Epidemiologen misstrauisch beäugt werden.
Touristen importieren das Risiko
In Zadar war es im Juni ein von mehreren tausend Zuschauern besuchtes Basketballspiel, das der Stadt schon früh den Anstieg der Infektionszahlen bescherte. In Sinj durfte der nationalistische „Thompson“-Barde am Wochenende gar vor 5000 Zuschauern trällern: TV-Teams, die die Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen überprüfen wollten, wurde bei dem umstrittenen Konzert der Einlass verwehrt.
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Noch scheint Kroatiens Siebentagesinzidenz mit 18,8 relativ niedrig. Doch in vier dalmatinischen Regionen ist sie bereits auf über 40, in Zadar gar auf 99,3 geklettert, Tendenz steigend. Außer heimischen Infektionsherden machen dem Küstenstaat auch die mit dem Tourismus importierten Risiken zu schaffen: Vor allem den Folgen des britischen „Tags der Freiheit“ sehen Epidemiologen, Gastronomen und Medien mit zunehmender Sorge entgegen.
Die Angst vor den britischen Touristen geht um
„Wird uns die Ankunft der Briten in die rote Zone der Corona-Karte treiben?“, fragt sich beunruhigt das Webportal „index.hr“ in Zagreb. London habe während der EM fast keine Ausländer einreisen lassen „und wir lassen nun massenhaft die Briten zu, obwohl auf der Insel die Delta-Muntante tobt“, blickt die Zeitung „Slobodna Dalmacija“ in Split argwöhnisch der in dieser Woche stark erhöhten Zahl von Flügen aus Großbritannien entgegen.
Sommersaison und Impfquote
Touristenzahl
An der Adria klingeln nach dem mageren Corona-Vorjahr endlich wieder die Kassen – und brummt die zunächst zögerlich angelaufene Sommersaison mittlerweile selbst besser als erhofft. 730 000 Touristen sind derzeit im Land – rund 75 Prozent des Rekordjahrs 2019.
Impfquote
Die geringe Impfquote im Adriastaat, in dem erst 38,5 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft sind, lässt die Branche eher düster dem Restsommer entgegenblicken. Der Tourismus mache über 20 Prozent von Kroatiens Sozialprodukts aus „und wir in Dalmatien leben von nichts anderem“, so Stipe Jelicic vom Verband der Gastronomen: „Ich verstehe nicht, warum die Leute sich nicht impfen lassen. Wir können schnell zur roten Zone werden.“