„Sylt Fast Corona Frei!!!“ steht auf der Maske, die ein Kellner in der Friedrichstraße in Westerland trägt. Foto: dpa/Carsten Rehder

Promitreff, Familieninsel, Naturerlebnis, Sehnsuchtsort und Pendlerfrust: All das ist Sylt. Wochenlang lag die Insel in einer Art Dornröschenschlaf. Jetzt ist Sylt wieder erwacht.

Sylt - Auf dem Parkplatz an einer der wohl berühmtesten Strandhütten der Republik bildet sich an diesem Vormittag im Juni eine lange Schlange. Geduldig warten Familien mit kleinen Kindern, Radfahrer und Paare in der Sonne darauf, einen Platz in der „Sansibar“ zu ergattern. Am Eingang zum Weg durch die Dünen, der zum Lokal führt, steht eine Mitarbeiterin und regelt den Einlass.

Christina befindet sich mit ihrem Mann und der kleinen Tochter relativ weit hinten in der Schlange. Es ist 11.15 Uhr – die „Sansibar“ öffnet in einer dreiviertel Stunde. Eigentlich wollte die Hamburger Familie in den Urlaub fliegen, „aber das ging ja nicht“, sagt Christina, die ihren Nachnamen nicht nennen will. Auf Sylt seien sie oft. Es sei so entspannt hier, gerade auch mit Kindern. Für das Lokal mit dem großen Spielplatz in den Dünen stellt sie sich gerne an: „Das lohnt sich.“

Corona? Eine Katastrophe

Ein ganz anderes Bild bot sich auf Sylt in der Woche vor Ostern, als Touristen die Insel nicht betreten durften. Auf den weitläufigen Parkplätzen standen nur vereinzelt Autos, die Straße die über die Insel führt, war kaum befahren und auch die allgegenwärtigen Fahrradfahrer waren nur selten zu sehen. Wartezeit am Autozug? Fehlanzeige. Die Westerländer Fußgängerzone? Verwaist. Die Insel lagt in einer Art Dornröschenschlaf. Und zeigte ihre Schönheit. Die Dünen, die kilometerlangen weißen Sandstrände, das Meeresrauschen, die Wäldchen, die in die Landschaft gekuschelten Reetdachhäuser – in der Stille wurde noch deutlicher, wie warum Sylt für viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist.

Der „Sansibar“-Wirt Herbert Seckler, ein gebürtiger Schwabe, fährt kurz vor 12 Uhr mit seinem schwarzen Mercedes den Dünenweg hoch zum Restaurant. Jeden Tag ist er hier, auch während der Corona-Zeit, trotz seiner 68 Jahre und obwohl er „Zielgruppe Nummer eins mit Sternchen“ ist. Sein „Büro“ hat er nach draußen auf die Terrasse verlegt. „Hier fühle ich mich relativ sicher“, sagt er. Der Lockdown sei wirtschaftlich eine Katastrophe gewesen.

Von Null auf Hundert

Die Saison habe er eigentlich schon abgeschrieben. Aber: „Wenn man den wirtschaftlichen Aspekt abzieht, war das eine tolle Zeit“, sagt er. „Man sieht Dinge, die man sonst nicht sieht. Jetzt sieht man nur Menschen und Fahrräder und Fahrräder und Fahrräder.“ Um 12.01 Uhr ist das Restaurant voll. Kellner mit Masken rotieren, um die Gäste zu bedienen und die Zettel mit den Kontaktdaten einzusammeln.

Am ersten Tag der Öffnung für alle Gäste – Montag vor Himmelfahrt – zog es die Reisenden sofort wieder auf die Insel. Es war ein Wiederanfahren des Tourismus von Null auf Hundert. Bereits am frühen Morgen bildeten sich kilometerlange Staus auf den Zufahrtsstraßen zur Autoverladestation in Niebüll. Viele Autofahrer waren die Nacht durchgefahren. Die Menschen, die jetzt wieder auf die Insel dürfen, seien euphorisch, beobachtet Seckler: „Die sind sehr glücklich. Die Leute kommen und sehen das Meer. Das Glücksgefühl ist ganz stark.“

Die Strände sind weitläufig

Wer jetzt, Ende Juni, über die Insel fährt oder geht und in die Gesichter der Menschen blickt, kann das erahnen. Durch die Westerländer Fußgängerzone schlendern entspannte Paare, viele setzen sich zu einem Kaffee oder Aperol in eines der wieder geöffneten Cafés. Am Strand liegen Sonnenhungrige, einige Wellenreiter paddeln durch die Brandung. Der Abstand, auf den überall mal mehr, mal weniger dezent hingewiesen wird, kann hier am Strand leicht eingehalten werden.

Entlang der sogenannten Whiskymeile in Kampen, wo „Pony Club“ und „Gogärtchen“ beheimatet sind, cruisen Luxuskarossen. Die Plätze der Außengastronomie sind gut gefüllt. Radfahrer und Fußgänger in Windjacken oder Strandoutfits schlendern entlang der Nobelboutiquen, begutachten die durchaus kostspieligen Röcke und Kleider in den Schaufenstern, schauen den Porsches, Ferraris und Bentleys hinterher. An der Autoverladestation in Westerland wartet ein junges Paar in einem alten VW-Bulli auf den Autozug gen Festland.

Jeder findet, was er braucht

Warum ziehen diese 99 Quadratkilometer Land in der Nordsee seit Jahrzehnten so viele Menschen in den Bann? Warum kaufen sich Menschen ein Millionen Euro teures Häuschen in Kampen oder schlagen ihr Zelt auf dem Campingplatz auf? „Sylt kann man nicht erklären. Das spürt man oder nicht“, sagt Seckler. Ihn hat es vor 43 Jahren aus dem Südwesten auf die Insel gezogen. Manche Gäste kämen vielleicht, weil sie Promis gucken wollen, sagt Seckler. Aber vor allem habe Sylt im Vergleich zu anderen Feriendestinationen einfach eine super Infrastruktur. „Hier oben kriegt jeder jedes. Egal, hier gibt es alles.“ Man könne für drei Euro essen oder im Sternerestaurant.

Am Roten Kliff in Kampen fotografiert ein Mann seine Partnerin auf der Aussichtsplattform. Im Hintergrund der Strand, die Wellen, einzelne Strandkörbe. Heute sei ihr letzter Urlaubstag, erzählt das Paar, das in Schleswig-Holstein in der Nähe von Hamburg lebt. Neun Tage waren sie auf Sylt. „Wir haben es unendlich genossen, mal wieder rauszukommen“, sagt sie. Alles sei ganz entspannt, sogar besser als gedacht. Anstrengend sei es manchmal nur, wenn man essen gehen wolle. Aber es sei ja Urlaub, da nehme man auch mal Wartezeiten in Kauf.

Neue Nachhaltigkeit

Während sich die einen freuen, dass sich die Insel wieder füllt und die finanziellen Sorgen abnehmen, werden nicht nur in den sozialen Medien die Stimmen von Gästen und Insulanern lauter, dass sich etwas ändern, die Taktung langsamer werden muss. „Uns ist schon seit längerer Zeit bewusst, dass unsere Gäste einen nachhaltigen Tourismus zu schätzen wissen“, sagt Jutta Vielberg von Sylt Marketing. Das Handeln sei darauf ausgerichtet – „und wir tun das nicht nur für unsere Gäste, sondern auch für die Insulaner und die Insel selbst“.

Eine Insel, an deren Substanz die Naturgewalten nagen. Jedes Jahr steckt die schleswig-holsteinische Landesregierung viele Millionen Euro in den Erhalt der Substanz und in Küstenschutzmaßnahmen wie Sandvorspülungen. Das Problem des Plastikmülls in den Meeren ist hier auf der Nordseeinsel sichtbarer als anderswo. Verschiedene Initiativen setzen sich für nachhaltigen Konsum, weniger Plastik und mehr Umweltschutz ein.

Pendler im Stress

Sylt ist eben nicht nur Polo und Beachparty, Destination für den Familienurlaub und Radfahrer, sondern auch eine Region im ländlichen Raum mit Problemen wie anderswo – nur noch konzentrierter. Wohnraum ist knapp und teuer, viele Tausend Menschen pendeln daher täglich vom Festland über den Hindenburgdamm mit der Bahn zu ihrem Arbeitsplatz auf Sylt. Überfüllte und verspätete Züge bedeuten schon zu normalen Zeiten Stress. Jetzt, wo das Corona-Virus zirkuliert und die Züge auch mit Urlaubern immer voller werden, kommt noch die Sorge vor einer Ansteckung hinzu.

Der Tourismus ist für viele Insulaner Fluch und Segen zugleich, Sylt ohne Urlauber indes nicht vorstellbar: Die Insel lebe zu hundert Prozent vom Tourismus, erklärte kürzlich Nikolas Häckel, der Bürgermeister der Gemeinde Sylt. Nach der Walfängerzeit war es der Fremdenverkehr, der der Insel Reichtum brachte.

Insel der Schönen und Reichen

Schon in den 1920er Jahren kamen Schriftsteller, Maler und Künstler nach Sylt, um sich von der Natur inspirieren zu lassen. Später kamen prominente Gäste wie Gunter Sachs und Brigitte Bardot, die am legendären Strandabschnitt „Buhne 16“ in Kampen feierten und das Image der Insel der Schönen und Reichen mitbegründeten. Noch heute treffen sich an der „Buhne 16“ jährlich zu Pfingsten Partylustige, um zu feiern. Auch dieses Jahr kamen – trotz des Verbots von Tagesgästen auf der Insel und Abstandsregeln – mehr Menschen zusammen, als eigentlich erlaubt waren. „Pfingsten war an einigen Stellen schon fragwürdig“, sagt „Sansibar“-Wirt Seckler. Er ärgere sich, „dass die mein Leben aufs Spiel setzen“.

Und auch wenn die Infektionszahlen in Schleswig-Holstein sehr niedrig sind, zeigen Ausbrüche wie der im Kreis Gütersloh, dass Corona noch nicht vorbei ist. „Man darf nicht fahrlässig werden“, sagt Jutta Vielberg von Sylt Marketing. Trotz Urlaub, trotz Sylt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: