Der erste Gebäudekomplex steht schon auf dem Neubaugebiet in Kernen. Foto: Gottfried Stoppel

In Kernens größtem Neubauprojekt entstehen nicht nur Wohnungen, sondern ein neues Modell für Mobilität und Miteinander. Zwei Parkhäuser spielen dabei eine Rolle.

Das erste Gebäude steht bereits, gut zu sehen über die eigens installierte Webcam der Gemeinde Kernen (Rems-Murr-Kreis) die den Baufortschritt auf der Hangweide live dokumentiert. Doch es sind nicht nur Backsteine, die auf dem früheren Gelände der Diakonie Stetten aufeinander geschichtet werden. Es ist ein Gesellschaftsentwurf.

 

Mitten im größten Neubauprojekt des Rems-Murr-Kreises, wo gut 960 Wohnungen nach den Idealen eines „urbanen Dorfes“ entstehen, wird jetzt auch die soziale Infrastruktur gegossen: die Dorfgemeinschaft Hangweide gGmbH in Gründung – eine gemeinnützige Gesellschaft mit ungewöhnlichem Auftrag.

Mobility-Hubs: Parkhäuser mit sozialem Mehrwert für Kernen

So soll diese gGmbH, deren finale Prüfung durch das Finanzamt aktuell noch aussteht, zwei sogenannte Mobility-Hubs errichten. Was sperrig klingt, ist im Kern ein Parkhaus. Aber eines mit sozialem Mehrwert.

Die Idee: Anstatt die Parkplätze den Investoren zu überlassen, betreibt die neue Gesellschaft die Gebäude selbst, verpachtet sie an die Rems-Murr-Gesundheit (RMG) GmbH, eine Tochter der kreiseigenen Kreisbaugesellschaft – und lässt die Erträge direkt ins Quartier zurückfließen.

Neue Mobilitätskonzepte: Autoarme Zukunft für Kernen

16,6 Millionen Euro wird das kosten: Zwei Grundstücke werden der LBBW Kommunalentwicklung abgekauft, darauf entstehen 903 Stellplätze – ganz bewusst weniger als Wohnungen. Carsharing und Lastenräder sollen das Übermaß an Blech ersetzen. Das Wohngebiet bleibt autoarm, autofrei wird es nicht. Doch die Frage, wohin mit dem Auto, bekommt eine neue Antwort.

Die Hangweide in Kernen ist aktuell das größte Neubaugebiet im Rems-Murr-Kreis. Foto: Gottfried Stoppel

Die Stellplätze kosten die Bauherren Geld: 26.000 bis 28.000 Euro Ablöse pro Wohneinheit, je nach Lage. Dafür gibt’s keinen eigenen Parkplatz – nur das Nutzungsrecht im Gemeinschaftshaus. Wer wirklich parken will, zahlt zusätzlich 60 Euro monatlich. Klingt nach Abzocke? Nicht, wenn man weiß, wofür das Geld verwendet wird.

Überschüsse fließen in soziale Projekte statt Dividenden

Die Dorfgemeinschaft verfolgt keine Gewinninteressen. Überschüsse – rund 50.000 Euro jährlich je Hub – fließen zurück ins Quartiersmanagement: für Begegnungsräume, einen Dorftreff, soziale Projekte. Dividenden oder Ausschüttung an Gesellschafter gibt es keine. Stattdessen eine Rücklage für Reparaturen und ein Betrieb, der auch ohne Steuerbelastung auskommt.

Gegründet wurde die gGmbH von vier Gesellschaftern: Die Baugenossenschaft Zuffenhausen hält mit 45 Prozent den größten Anteil, gefolgt von der Gemeinde Kernen und der Kreisbaugesellschaft Waiblingen mit jeweils 24,5 Prozent. Dazu kommt die Diakonie Stetten mit sechs Prozent – eine Mischung aus Kommune, Wohlfahrt und Wohnwirtschaft.

Kooperatives Bauen: Aufsichtsrat entscheidet gemeinsam

Der Gesellschaftsvertrag liest sich wie ein Lehrbuch des kooperativen Bauens. Ein Aufsichtsrat mit je einem Vertreter pro Gesellschafter entscheidet gemeinsam über Investitionen, Strukturfragen, Personal. Geschäftsführer wird ein Vertreter der Kreisbau – ehrenamtlich, bezahlt wird nur bei Bedarf. Organisiert wird alles über einen Geschäftsbesorgungsvertrag mit der Kreisbau, welche die Buchhaltung, Gremienarbeit und technische Betreuung übernimmt.

Das erste Parkhaus (Hub II) soll bis April 2027 fertig sein, das zweite folgt, wenn das erste ausgelastet ist. Die Einnahmen wachsen mit dem Einzug der Bewohner. In Spitzenzeiten rechnet man mit Einnahmen von knapp 600.000 Euro jährlich. Genug für Pacht, Betrieb, Rücklagen und Gemeinwohl.

Mehr als Parkhäuser: Innovative Mobilitätslösungen

Die Hubs sollen mehr sein als Parkhäuser: Packstationen von DHL, Amazon & Co. sind eingeplant, ebenso wie E-Bike- und Carsharing-Angebote. Acht Prozent der Stellplätze werden direkt mit Wallboxen ausgestattet, weitere 30 Prozent vorgerüstet. Das Remstalwerk übernimmt die Ladeinfrastruktur. Die RMG, die bereits Klinik-Parkhäuser betreibt, übernimmt den Betrieb.

Und falls der Bedarf steigt? Dann bleibt die Gemeinde flexibel: Baufelder können bei Bedarf einzeln an Investoren vergeben werden, die zusätzliche Stellplätze errichten. Doch die Hoffnung bleibt: Dass die Hangweide ein Ort wird, an dem nicht nur gewohnt, sondern auch gemeinsam gedacht und gehandelt wird.