Der Blick auf die lange Tafel in der Tübinger Straße beim Auftakt am Mittwochabend. Foto: jse Foto:  

In Stuttgart gibt’s was Neues: Drei Tage lang soll eine 72 Meter lange Tafel auf der Tübinger Straße ein Treffpunkt und kommunikativer Dreh- und Angelpunkt der Stadtgesellschaft sein. Am Mittwochabend wurde dort erst mal ausgiebig getafelt.

Eine 72 Meter lange Tafel auf der Tübinger Straße, ein Vier-Gänge-Menü aus geretteten Lebensmitteln, Servietten aus ausrangierten Gastrotischdecken, Schürzen aus Secondhand-Herrenhemden, gefertigt von Sinti-Frauen in Belgrad – hier kommt wirklich vieles zusammen, und vieles fällt auch aus dem Rahmen! Die Foodsharing-Tafel der Stuttgarter Bürgerstiftung, dem Lebensmittelretter Harry Pfau von Harrys Bude und der Kirchengemeinde St. Maria gehört zum Rahmenprogramm der am Mittwoch eröffneten internationalen Urban Future Conference in Stuttgart. Aufmerksamkeit erregt sie in jedem Fall. Bäckermeister Rudolf Frank, einer der Tafel-Gäste, meint anerkennend: „So etwas hat es in Stuttgart noch nicht gegeben.“

 

„Wir wollen mit dieser langen Tafel die Urban Future Conference und ihre nachhaltigen Anliegen möglichst weit in die Stadtgesellschaft hineintragen“, erklärt Irene Armbruster, die Geschäftsführerin der Bürgerstiftung. Es gehe darum, viele Menschen an einem Tisch zusammenzubringen und sie drei Tage lang zum Austausch über die Zukunft der Stadt und das Zusammenleben in Stuttgart einzuladen.

Der Gedanke des Fair-Teilens kommt auf den Tisch

Bei der Eröffnung am Mittwochabend sind es rund 200 Gäste, die an den in einer Reihe zusammengestellten und geschmackvoll eingedeckten 34 Tischen Platz nehmen. 170 Konferenzteilnehmer sowie weitere 30 Stuttgarterinnen und Stuttgarter, die sich angemeldet haben. Geschmackvoll ist in dem Fall wörtlich zu nehmen, denn die Tischdeko ist einwandfrei essbar. Das dafür verwendete Obst und Gemüse wäre andernfalls weggeworfen worden. Wie auch die Lebensmittel, die für das Vier-Gänge-Menü des Auftaktabends verwendet werden. Der verantwortungsvolle Umgang mit Lebensmitteln und der Gedanke des Fair-Teilens, wie er in Harrys Bude und dem von der Bürgerstiftung gestarteten Projekt „Supp_optimal“ beispielhaft zum Ausdruck kommt, werden hier als zukunftweisendes Thema buchstäblich auf den Tisch gebracht und bekommen damit eine breite Öffentlichkeit.

Breite Unterstützung und viele Spender

Andrea Laux, die für die Bürgerstiftung „Supp_optimal“ organisiert, eine dezentrale Essensausgabe für Menschen in prekären Lebenslagen, sieht die lange Tafel als großes Gemeinschaftswerk. Strahlend zählt sie die edlen Spender auf: „Stuttgarter Markt, der Großmarkt in Wangen, Dinkelacker, Fritz Kola, Teegut, die Untertürkheimer Weingärtner und einige Supermärkte.“ Unterstützung käme auch von den Gastronomen entlang der Tübinger Straße und von der Stadt Stuttgart, insbesondere von der Lebensmittelüberwachung, die das Projekt mit Wohlwollen begleite. Das gilt auch für eine Reihe von Unternehmen, die Mitarbeiter für die lange Tafel stellen: Porsche, die VPV Versicherungen und die Landesbank. Rund 80 Freiwillige servieren und arbeiten mit.

Ein wichtiger Akteur ist die Gemeinde St. Maria. Steffen Vogt, Leiter der katholischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Süd, sieht die Kirche hier am richtigen Platz. „Unser Blick endet nicht in der Kirche, sondern fängt vor der Kirchentür an“, sagt er. Damit kommen Menschen ins Blickfeld, die sich schwertun, an einer Tafel Platz zu nehmen und Konversation zu betreiben, die aber genauso dazugehören: Wohnsitzlose oder die Menschen vom Paule-Club, in dem sich ehemalige Suchtkranke engagieren. Für sie alle steht am Mittwoch direkt neben der langen Tafel – und auf Augenhöhe! – eine „Lounge“ offen, in der es ebenfalls Essen aus geretteten Lebensmitteln gibt.

Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

„Wir haben schon in der Vorbereitung viel bewegen können“, sagen Armbruster, Laux und Vogt beim Aufbau der Tafel am Mittwochvormittag übereinstimmend, während gleichzeitig Jugendliche mit schwieriger Biografie Gemüse für das Menü am Abend schnippeln. Sie finden hier Halt und erfahren die Aufmerksamkeit, die ihnen häufig abgeht.

Die australische Foodsharerin Ronni Kahn geht auf den Stuttgarter Markt

Das Gemeinschaftspotenzial dieser Tafel hat sich auch bis zu den Teilnehmern der Zukunftskonferenz rumgesprochen. Ronni Kahn, weltweit eine der Vorreiterinnen der Foodsharer-Szene und Keynote-Speakerin bei der Urban Future Conference, kommt beim Anblick der Tische in der Tübinger Straße ins Schwärmen: „What a mangnificent dinner!“, sagt die Australierin. Es gehe um Wertschätzung von Lebensmitteln, um Würde, um Klimaschutz und um Gemeinschaft. So etwas dürfe keine einmalige Aktion bleiben. Bei ihr in Australien kämen einmal im Jahr 1500 Bedürftige an einer solchen langen Tafel zusammen. So etwas kann sie sich auch für Stuttgart vorstellen. Gemeinsam mit Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann und Irene Armbruster eröffnet sie am Abend die Tafel. Tags darauf sieht man sie in Begleitung von Harry Pfau an den Marktständen auf dem Schillerplatz und dem Marktplatz Obst und Gemüse sammeln.

Am Freitagnachmittag ist Ronni Kahn dann erneut Gast in der Tübinger Straße. Sie wird dort mit dem Filmemacher Valentin Thurn über das Thema gerettete Lebensmittel sprechen. Zuvor gibt es an der langen Tafel einen Malworkshop (10–15.30 Uhr) und einen Impuls zum Thema Kreislaufwirtschaft von Christoph Soukup vom Steinbeis-Beratungszentrum (8.30–9.30 Uhr).

Profiköche bereiteten das Vier-Gänge-Menü vor

Und was gab’s am Mittwochabend an der langen Tafel denn nun zum Essen: Gazpacho Andaluz mit Knoblauchbrot, Orangen-Fenchel-Salat mit gerösteten Nüssen, Romanasalat mit Blumenkohl-Couscous, Brezelknödel mit gebratenem Spargel und Rhabarberkompott, zubereitet aus geretteten Lebensmitteln von den Profiköchen Julian Schaber, Ashwin Joseph und Ronny, einem ehemaligen Obdachlosen und gelernten Koch. Den Abschluss bildete Leonhard Cohens „Hallelujah!“, angestimmt von 30 Sängerinnen und Sängern der Chöre Viva Voce (Sillenbuch) und Singebration (Esslingen). Etwas, das nachhallt – wie der gesamte Abend.

Urban Futur Conference

Konferenz
Die jährlich in wechselnden Städten stattfindende Urban Future Conference gilt als eine der größten internationalen Konferenzen zum Thema nachhaltige und urbane Transformation. Veranstalter ist die UFGC GmbH. In diesem Jahr ist die Konferenz vom 21. bis zum 23. Juni zu Gast in Stuttgart. Schwerpunkte sind die Themen Energie, Mobilität, Wohnen, Stadtgesellschaft und Kreislaufwirtschaft. Dazu gibt es ein teils öffentliches Begleitprogramm.

Weitere Infos unter: https://urban-future.org