Wie schon 1923 alles anfing mit der Hitlerei: Jessica Glause besorgt im Stuttgarter Kammertheater die Uraufführung von Olga Bachs „Im Ferienlager“ – und macht in ihrem Erzählstück aktuelle Dispute auch Jugendlichen schmackhaft.
Im Ferienlager zu sein, klingt gut. Begleitet von zugewandten, pädagogisch geschulten Erwachsenen können Jugendliche dort wertvolle Gemeinschaftserfahrungen machen.
Erst recht, wenn die Freizeit so woke ist, wie es die im Chor der jungen Urlauber vorgetragene Selbstauskunft behauptet. „Das Heim duldet keine Bevorzugung, verletzende Sprache, Missbrauch, Ausgrenzung und kein beleidigendes Verhalten wegen Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, Glaube, Liebesleben, Klasse, Behinderung oder Alter“ – und so weiter mit der Heimordnung, die zu woke ist, um wahr zu sein.
Von wegen keine Ausgrenzung!
Und wahr und wahrhaftig ist sie auch nicht. In der Umsetzung des hyperkorrekten Verhaltenskodex tun sich Abgründe auf. Ein „Safe Space“ ist das „Ferienlager“ der 34-jährigen Olga Bach nur für jene, die im Kollektiv mitspielen, mithüpfen, mitsingen, aber nicht für einen wie Emil, dessen Individualismus den anderen ein Dorn im Auge ist. Er zieht nicht mit, er legt lieber Karten und singt auf Englisch, was alle anderen mit Abscheu quittieren. „Damit fühlen wir uns nicht wohl“, lautet der Standardsatz der Gruppe, wenn sie Missliebiges ahndet. „Kulturelle Aneignung“ gehört dazu. Und Emil lädt Schuld auf sich, wenn er „Break My Soul“ von Beyoncé singt. Von wegen keine Ausgrenzung! Am Ende bleibt dem Außenseiter nichts anderes übrig, als sich den übereifrigen Deutschtümlern anzupassen – und doch bangt man weiter um sein Leben, das gebrochen wurde wie seine Seele. Unter der sanften Wokeness-Fassade des von Herrn Heinrich geleiteten Heims brodelt nackte Gewalt.
Aber halt! Wokeness? Den Begriff gab’s eher noch nicht im Jahr 1923, in dem das im Stuttgarter Kammertheater uraufgeführte Drama spielt. Bewusst streut die Jungdramatikerin Sprach-Anachronismen in den Text, um ihrem Zielpublikum – und das sind Jugendliche – im historischen Gewand aktuelle Debatten unterzuschieben. Dabei gelingt ihr das Kunststück, auch geübte Theaterbesucher für ihre Themen zu interessieren: autoritäre Strukturen, Rechtspopulismus, Demokratiefeindlichkeit, gespeist aus Querdenkertum, Esoterik, Anthroposophie und Völkischem, getarnt mit Achtsamkeit, Heimatliebe, Naturverbundenheit, praktiziert von einer edlen Gemeinschaft, die sich gesunden Leibesübungen und deutscher Sangeskunst hingibt – und grausigen Verbrechen, die nach und nach ans Licht kommen.
Die Freizeit findet auf einem Bauernhof nahe Mannheim statt. 1923, Inflation, die verhasste französische Besatzung, der gescheiterte Hitler-Putsch in München, Stichworte, die im Stück fallen. Und zum Inszenierungsstart fällt auch ein transparenter Gaze-Vorhang mit liegendem Frauenkopf zu Boden, dahinter Heimleiter Heinrich, der in der Stadt eine Zigarettenfabrik besitzt. Er begrüßt die neue Chorleiterin Luise. Und schon hier stattet Sebastian Röhrle seinen Heimleiter mit der exaltiert leutseligen Dämonie eines Zirkusclowns aus, die Schlimmes ahnen lässt für die arglose Luise der auch sängerisch überzeugenden Silvia Schwinger. Sie fragt, was aus ihrer Vorgängerin geworden sei. Der Manegenboss bleibt die Antwort schuldig, der Vorhang hat sie bereits gegeben: Die „andere Luise“ liegt vermutlich tot im Wald.
Das „Ferienlager“ entfaltet die Regisseurin Jessica Glause in ihrem Erzähltheater so ökonomisch, wie Bach es geschrieben hat. Dabei wirft sie mit der „anderen Luise“ nur einen Blick auf den vergangenen Mord, jetzt geht es um einen verstümmelten „Franzmann“. Nachdem sich Emil – der Laienspieler Oskar Marx – der neuen Luise anvertraut hat, wird sie widerwillig zur Schnüfflerin, angestachelt von der „Investigativjournalistin“ Ruth: Mit nassforscher Schnauze erspielt sich Celina Rongen (neben Röhrle) die stärkste Präsenz auf der offenen Bühne von Jil Bertermann, auf der ein Jungen- und Mädchenchor immer wieder lemurenhaft hinter einer Halbkugel-Konstruktion hervorbricht.
Schwarzer Military-Look für die Kids
Uniformiert sind sie dabei alle. Die kurzbehosten Kids steckt der famose Kostümbildner Florian Bruder in einen schwarzen Military-Look mit Cheerleader-Accessoires, die Erzieher in blaue, geometrisch gemusterte Kostüme im Stil der Zeit: eine Sekte, die in ihrer Kugelblase finsteren Ritualen folgt, bald zur „Bewegung“ anschwillt und bei der Machtübernahme, wie wir heute wissen, nicht mehr scheitert wie anno 23.
Bach und Glause tauchen in eine Zeit und Atmosphäre ein, die den Keim für die Katastrophe legt – und obwohl weder Stück noch Inszenierung ästhetisch der große Wurf ist, langweilt man sich im „Ferienlager“ nicht. Das Stück leidet weder an Überlänge noch an Unterkomplexität und bietet 85 schnelle Minuten, die man zwar nicht gucken muss, aber gut gucken kann.
Im Ferienlager: Aufführungen am 13. , 19. Januar sowie am 14., 15. und 18. März im Stuttgarter Kammertheater. Empfohlen ab Klasse 9.
Doppelbegabung
Autorin
Olga Bach ist Autorin und Juristin, die neben dem Schreiben Rechtsberatung für Flüchtlinge in Palermo anbietet. 2017 war sie „Nachwuchsautorin des Jahres“.
Regisseurin
Jessica Glause hat in Stuttgart bereits Anne Leppers „Life can be so nice“ uraufgeführt, ebenfalls mit einem Chor, der sich wie jetzt aus Statisterie und Spielclub des Staatstheaters rekrutierte.