Im Schlossgarten laufen die Aufräumarbeiten und die Bestandsaufnahme nach dem Unwetter am Montagabend. Dabei sind die Baumexperten auch auf der Suche nach einem alten Bekannten – dem Juchtenkäfer.
Stuttgart - Im Vergleich zum Dienstagmorgen sieht der Schlossgarten zwei Tage später schon recht aufgeräumt aus. Doch noch immer sind die Zeichen der zerstörerischen Kraft des Unwetters vom Montagabend an jeder Ecke sichtbar. Es türmen sich Berge der abgeschnittenen Äste auf. Und links und rechts des Weges Material, das noch genau da ist, wo es nach dem Bruch beim Sturm gelandet ist. Überall sind Arbeiten im Gange, zum Teil durch die Parkpfleger der Wilhelma, zum Teil sind auch Fremdfirmen mit dabei.
„Die Bäume, die hier liegen, sind zum Teil über 100 Jahre alt gewesen“, sagt Gisela Splett (Grüne), die Staatssekretärin im Finanzministerium. „Das heißt, dass manche zwei Weltkriege überstanden haben und nun dem Sturm zum Opfer gefallen sind.“ Es bedeute auch, dass „keiner, von uns hier erleben wird, dass nachgepflanzte Bäume so groß werden wie die nun umgeknickten.“
Die Zahl der entwurzelten Bäume steigt auf rund 20
Das Finanzministerium ist für den Schlossgarten, den Rosensteinpark und weitere kleine Landesflächen wie den Stadtgarten zuständig. Eine erste Bilanz zeigt, wie viele Bäume es auf diesen Flächen erwischt hat: Die am Dienstag gemeldete erste Zahl von 15 umgeknickten oder entwurzelten Bäumen musste nach oben korrigiert werden. Es sind nun etwa 20, die umgestürzt sind.
Gleich im Oberen Schlossgarten am Rand des Eckensees liegen mehrere der Zeugen des vergangenen Jahrhunderts. An der Seite zum Gebäude des Kunstvereins hat es eine Kastanie erwischt, die innen schon hohl war. „Kaum ein Baum in diesem Alter hat keinen Schaden“, sagt Clemens Hartmann, der Leiter des Baummanagements in der Abteilung Parkpflege der Wilhelma. Ein Todesurteil ist so eine Höhle im Inneren, die bei diesem Baum ein Loch bis ins Erdreich gebildet hat, aber noch lange nicht. „Die äußeren Schichten stabilisieren den Baum. Die Wurzeln sind weit ausgestreckt und halten ihn“, erläuterte der Fachmann. Doch beim Sturm gab es kein Halten mehr. Ein paar Schritte weiter hat es eine wesentlich jüngere Kastanie erwischt – sie ist nicht entwurzelt, sondern abgeknickt. Am Ufer des Eckensees zeigt Hartmann, dass auch die stehen gebliebenen Bäume nicht mehr das sind, was sie mal waren. „Hier sind rund 40 Prozent aus der Krone herausgebrochen“, sagt er am Fuße einer stattlichen Platane. Schätzungsweise fehlt dem Baum nun sogar mehr als die Hälfte. Denn bei der Pflege des verletzten Baumes wurden schätzungsweise weitere 15 Prozent des Materials aus der Krone herausgeschnitten. Angebrochene Äste müssen raus, da sie sonst herunterfallen könnten und eine lebensbedrohliche Gefahr für Passanten darstellen. Ein Ast hat der Schicksalsgöttin am Brunnen neben der Oper das linke Handgelenk gebrochen – er liegt noch auf der Bruchstelle.
Bäume werden auf Juchtenkäferlarven untersucht
Die Bäume werden nicht gleich zerlegt und abtransportiert. Zuvor untersuchen die Fachleute der Parkpflege sie. „Es geht hier auch um Artenschutz“, sagt Splett. Denn auch im Schlossgarten können ältere Bäume mit morschem Material ein Lebensraum für den durch Stuttgart 21 zur Berühmtheit gewordenen – und geschützten – Juchtenkäfer sein. „Bis jetzt haben wir noch keine gefunden, aber wir schauen immer nach“, sagt Clemens Hartmann. Die Platanen nahe dem Ferdinand-Leitner-Steg, die im Zuge der S-21-Bauarbeiten eingezäunt wurden und ein Juchtenkäferhabitat sind, haben dem Sturm standgehalten. Doch nicht nur dem Käfer beziehungsweise seinen Larven fehlen die alten Bäume mit ihren Löchern und Höhlen. „Sie sind auch Lebensraum für Vögel und Fledermäuse“, sagt Thomas Kölpin, der Wilhelmachef.
Der Sturm und der dadurch verursachte Schaden hat für Gisela Splett eine Bedeutung über den Tag hinaus. „Wir sind hier mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert“, sagt die Staatssekretärin. Extreme Wetterereignisse würden häufiger vorkommen, und heiße, trockene Perioden den Bäumen schaden.
Die Aufnahme aller Schäden laufe noch, aktuell wisse man von rund 300 Bäumen, die Schäden haben. Dazu zählen etwa die Platanen vor der Oper, in deren Wipfeln Baumkletterer sich von Ast zu Ast hangeln und angeknackste Äste entfernen. Im Oberen Schlossgarten stehen 280 Bäume, im Mittleren 680, im Unteren 1200. Dazu kommen 1600 im Rosensteinpark. Kastanien, Platanen, Eichen und Ahornbäume sind es vorwiegend. Um jeden einzelnen beschädigten Baum sei es schade. „Gerade die Altbäume prägen ja auch das Bild des Parks“, sagt Splett.