Auf diese Inszenierung der Natur hätten der Geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stuttgarter Oper gerne verzichtet: Das Unwetter vom Montagabend hat am Littmann-Bau einen massiven Dachschaden angerichtet.
Stuttgart - Ausgerechnet die von Emil Kiemlen (1869–1956) entworfene Statue hat es erwischt: Sie ist eine der zehn vier Meter hohen Figuren, die – weithin sichtbar – den Portikus des Stuttgarter Opernhauses bekrönen und Allegorien der Künste darstellen. Kiemlens Statue verkörpert die Architektur. Der Sturm am Montagabend hat sie einen Kopf kürzer gemacht. Er wurde abgetrennt, als gewaltige Böen das halbrunde Kupferdach des Littmann-Baus aus seiner Verankerung rissen. Ein Teil des 500 Quadratmeter großen Dachs hat sich spektakulär über die Statue gerollt und sie in einen Torso verwandelt, ein anderer Teil stürzte in die Tiefe.
Marc-Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, analysiert die Lage am Morgen danach bilderreich und mit der erzählerischen Präzision eines Dramaturgen: „Das Dach wurde durch den Sturm komplett rausgetrennt – wie wenn man eine Sardinenbüchse öffnet.“ Ein Bild der Verwüstung bietet sich rund um die Oper; im Schlossgarten liegen Teile des Kupferdachs und entwurzelte Bäume. Glücklicherweise ist niemand verletzt worden. „Das war Glück im Unglück“, sagt Hendriks, während im Hintergrund eine Flex heult.
Mehrere Zehntausend Liter Wasser sind eingedrungen
Ein Unglück aber war es auf jeden Fall. Denn durch den offenen Dachstuhl sind nach den Worten von Hendriks mehrere Zehntausend Liter Wasser in das Gebäude eingedrungen. Im Foyer des Obergeschosses haben sich die Gipswände mit Wasser vollgesogen. Auch der 3. Rang ist betroffen; er kann erstmal nicht mehr benutzt werden. Die Szenerie führt vor Augen, wie dringend die Sanierung der Staatsoper ist.
Bereits in der Nacht wurde der Dachstuhl provisorisch abgedeckt. Feuerwehr, Dachdecker und Mitarbeiter der staatlichen Bauverwaltung sind am Dienstagmorgen an Ort und Stelle, um zu beratschlagen, wie es weitergeht. „Wir müssen jetzt erst mal den nächsten Sturm überstehen“, sagt der Chef der Staatstheater. Der Blick geht besorgt nach oben. Wie es mit dem Spielbetrieb in der Hauptspielstätte der Staatstheater weitergeht, ist zunächst offen. Für Hendriks ist klar: „Die Betriebssicherheit steht an oberster Stelle.“ Zugleich ist Zerknirschung herauszuhören: „Das Ganze ist für uns in höchstem Maße ärgerlich.“ Gerade mal neun Tage ist es her, dass der Spielbetrieb in einem Modellversuch wieder aufgenommen worden ist. Erst der Lockdown, jetzt das Unwetter . . .
Das Publikum rätselte, was passiert sei
Zum Zeitpunkt des Sturms fand in der Oper ein Liederabend statt. Das Konzert endete mit Liedern, in denen eine Regatta in Venedig beschrieben wird. Wenige Augenblicke später, so beschreibt es der anwesende Kritiker unserer Zeitung, wünschte man sich als Zuhörer selbst einen Gondoliere herbei, der den Konzertbesucher ans andere Ufer übersetzen möge, denn gefühlt lag das Opernhaus im Zentrum des Gewitters. Doch ehe man den Fluss überqueren konnte, in den sich die B 14 auf Höhe des Littmann-Baus verwandelt hatte, war Geduld gefragt. Wagemutige versuchten, die hölzernen Eingangstüren zu öffnen, wurden aber schnell eines Besseren belehrt. Äste wirbelten dort durch die Luft, und auf einmal hieß es: „Lebensgefahr!“ Die Rede war von heruntergerissenen Stromkabeln, die Feuerwehr habe das Verlassen des Gebäudes untersagt, auch wegen der herumfliegenden Kupferteile vom Dach der Oper.
Im Publikum herrschte Ratlosigkeit. Die Besucher rätselten, wie es weitergehen würde. Nur tröpfchenweise sickerten die Informationen durch. „Können wir dann nicht über die Bühne und den Künstlerausgang hinaus?“, wurde das Abendpersonal gefragt. Die Antwort: Nein! Dann plötzlich der ohrenbetäubende Lärm des Sicherheitsalarms. Rund 20 Minuten harrte das zusehends genervte Publikum in dieser Situation aus, bis schließlich die Feuerwehr eintraf und den Alarm beendete. Erst jetzt konnten die Opernbesucher das Haus verlassen. In Abendkleid und Anzug staksten sie vorbei an abgerissenen Ästen und umgestürzten Bäumen.
Doch das war noch nicht alles. Gegen 15 Uhr geht es am Dienstag dann von Neuem los. Wind kommt auf, die ersten Tropfen fallen, dann geht es schnell. Der Starkregen spült Pflastersteine aus Befestigungen an der B 14 und prasselt auf die provisorische Dachabdeckung der Oper. Sie bietet nur unzureichend Schutz; erneut gelangen Tausende Liter Wasser ins Gebäude. Hinterher ist klar: hier kann vor Samstag nicht gespielt werden. Bis dahin soll das Dach soweit repariert sein, dass es hält und die ursprünglich für diesen Mittwoch geplante Ballettpremiere über die Bühne gehen kann. Das Stück heißt „Höhepunkte“. Nach dem Tief der letzten Tage wäre es dafür höchste Zeit.