In Stuttgart laufen Tunnel bei Starkregen schnell voll. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Werden solche Wetter-Ereignisse wie Ende Juni künftig häufiger in Stuttgart und der Region vorkommen? Und was kann man dagegen tun?

Stuttgart - Die aktuellen Bilder aus NRW sind schockierend: Ganze Ortschaften stehen unter Wasser, Straßen werden zu reißenden Bächen. Stuttgart hatte es bereits am 28. Juni mit einem extremen Unwetter zu tun. Der Starkregen schwappte mit fast 60 Litern pro Quadratmeter in die Top 10 seit Beginn der Messungen. Inzwischen sind die Aufräumarbeiten im Kessel fast abgeschlossen. Könnte man das Ereignis also abhaken und unter „Ist-mal-passiert“ ablegen?

 

Unwetter wohl häufiger zu Gast in der Region

Dass das keine gute Idee wäre, weiß Thomas Kiwitt, Planungsdirektor des Verbands Region Stuttgart. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Thematik. Durch den Klimawandel werden heftige Unwetter die Region wohl noch öfter heimsuchen. Und im Vergleich dazu, was uns noch erwarten könnte, sind Stadt und Region diesmal glimpflich davongekommen. Experten sind sich einig, dass Starkregenereignisse in ihrer Häufigkeit und Intensität zunehmen werden.

„Das betrifft die dicht besiedelte Region Stuttgart besonders“, erklärt Kiwitt. „Die klassischen Zutaten für eine Überschwemmung sind neben starken Niederschlägen eine bewegte Topografie und ein hoher Versiegelungsgrad.“ Das Problem: Es ist fast unmöglich, Starkregen vorherzusagen. Vor allem der exakte Ort und Zeitpunkt des Gusses sind meist eine Überraschung. Wenn das Wasser schlecht abfließen kann, kommt es zu Szenen, wie sie in den vergangenen Wochen zu sehen gewesen sind. Vor allem Tunnel und Senkungen füllen sich. Das Wasser reißt Autos oder sogar Menschen mit. Für die Stadt Stuttgart würden deshalb aktuell neue detaillierte Starkregengefahrenkarten erstellt, so die Pressestelle. „Es erfolgt eine Risikoanalyse und Auswertung der Starkregengefahrenkarten sowie die Erstellung von Risikosteckbriefen.“

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Bund fördert Modellprojekt

Denn um Schäden zu verhindern, muss man genau wissen, wo ein erhöhtes Risiko besteht. Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt es mehr als zwei Millionen Euro Fördermittel für das Projekt ISAP (Integrative stadtregionale Anpassungsstrategien in einer polyzentrischen Wachstumsregion: Modellregion Stuttgart). Beteiligt sind der Verband Region Stuttgart und die Stadt Stuttgart.

Der Plan klingt vielversprechend: Bis 2023 soll ein digitales, webbasiertes Informations- und Beratungstool entstehen, auf das alle Kommunen in der Region zugreifen können. Das Tool soll dann Entscheidungshilfen für die Klimaanpassung bieten und auch Strategien und Werkzeuge für konkrete Maßnahmen. Das soll vor allem kleinen Kommunen einen Ruck geben, die sich sonst schwertun mit kostenintensiven Analysen und dem Erdenken der richtigen Schutzmaßnahmen. In Stuttgart fließen die Ergebnisse in die Fortschreibung des Klimaanpassungskonzeptes ein, dies ermögliche die Festlegung konkreter Maßnahmen im Stadtgebiet: „Das können beispielsweise bauliche Maßnahmen sein, um Wasser umzulenken oder (temporär) zurückzuhalten oder das gezielte Einstauen von Mulden“, informiert die Pressestelle. Im Rahmen des Projekts entsteht auch eine regionale Starkregenkarte – auf der könnte man dann sehen, wo man sich in der Region besonders vor den Fluten schützen muss.

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Wie das aussehen könnte, erprobt der Verband Region Stuttgart bereits in einem gemeinsamen Modellprojekt mit dem Landkreis Böblingen. Mit einer genauen Gefahrenanalyse macht man „Hotspots“ (Gefahr für extreme Hitze) und „Bluespots“ (Gefahr für Überflutung) ausfindig. Daraus entstehen für jede Kommune individuelle Karten, die durch Umwelteinflüsse besonders verwundbare Punkte aufzeigen. „Wir teilen den Gemeinden mit, wie der Siedlungsbestand saniert werden kann und wo bei Bedarf sichere, das heißt klimaangepasste, neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen können“, so Kiwitt.