Unterwegs bei Tag und Nacht: Die Fahrer der Straßenmeisterei Herrenberg sorgen dafür, dass der Verkehr im Kreis Böblingen auch bei Eis und Schnee läuft. Dankbarkeit gibt’s dafür kaum.
Bei Orange sieht so mancher Autofahrer Rot. Das bestätigt sich wieder einmal, als Gerd Mühe am Kreisverkehr am Ortsrand von Deckenpfronn eine 180-Grad-Wende macht, um mit seinem Unimog weiter in Richtung Dachtel zu fahren. Aus den Autos, die eben noch in einer langen Kolonne aus Richtung Gärtringen hinter ihm hergeschlichen waren, blicken ihm einige genervte Gesichter entgegen.
„Da darf man sich nicht nervös machen lassen“, sagt Gerd Mühe. Der Mitarbeiter der Straßenmeisterei Herrenberg ist es längst gewohnt, dass er mit seinem orangefarbenen Streufahrzeug bei anderen Verkehrsteilnehmenden auf ähnlich viel Gegenliebe stößt wie holländische Fußballfans bei einer Begegnung mit deutschen Hooligans.
„Für viele Pkw-Fahrer ist man einfach nur ein Verkehrshindernis“, sagt der 54-Jährige, als er an diesem Donnerstagnachmittag seine Runden dreht. Dabei ist er es, der gemeinsam mit seinen Kollegen nicht nur an diesem Tag dafür sorgt, dass alle möglichst unfallfrei durch den südlichen Landkreis kommen.
Schon seit 13 Uhr ist er im Einsatz – nur zwölf Stunden nach dem Ende seiner letzten Schicht. Witterungsbedingt mussten er und seine Kollegen in der Nacht auf Donnerstag noch eine Extra-Runde mit ihren Streufahrzeugen drehen. „Da ging es dann ein bisschen länger“, berichtet Mühe, wie er erst um 1 Uhr morgens die Heimfahrt nach Mötzingen angetreten sei.
Derzeit müssen die Mitarbeiter der Straßenmeisterei viele Überstunden schieben. Schuld ist der Winter, der in diesem Jahr tatsächlich einmal einer ist – mit Schnee und Minustemperaturen von bis zu 15 Grad. Aus diesem Grund hat Straßenmeistereileiter Martin Mößler die Fahrer heute auch vorzeitig von ihren anderen Aufgaben abgezogen und auf die Strecke geschickt. „Wir schauen da eben auch auf Wetterapps“, sagt Gerd Mühe. „Man weiß nicht – heute soll es schneien, regnen, vielleicht glatt werden.“ Weil die Straßenmeisterei sich auch nur auf allgemein verfügbare Daten verlassen kann, geht man auf Nummer sicher und streut prophylaktisch Salz.
Salzstreuen geht vollautomatisch
„Zehn – Gramm – sechs – Meter – fünfzig – rechtsbündig“, sagt eine mechanische Frauenstimme, als Gerd Mühe einen Knopf auf dem Bedienpult neben ihm drückt. „Das ist die Salzmenge pro Quadratmeter und die Streubreite“, erklärt der Fahrer, was nun auch auf dem Display des unscheinbaren Geräts über der Mittelkonsole abzulesen ist.
Von Hand oder vollautomatisch kann er hier die Streuung ändern oder bei sehr kaltem oder trockenem Asphalt auf Salzwasserlösung umschalten – die sogenannte Sole. Immer wieder greift er ans Bedienpult – zum Beispiel, wenn die Straße sich von einer auf zwei Spuren verbreitert oder – wie hier auf dem erhöht gelegenen Waldstück zwischen Gärtringen und Deckenpfronn – die per Infrarot in Echtzeit abgelesene Bodentemperatur auf den Gefrierpunkt absinkt.
Mühe, der ursprünglich den Gärtnerberuf erlernt hat und bis vor rund anderthalb Jahren auf dem Gärtringer Bauhof gearbeitet hat, ist jetzt schon seit 75 Kilometern unterwegs. Dabei hat er fast zweieinhalb Tonnen Salz auf der Straße verteilt. Seine gesamte Tour ist rund 110 Kilometer lang. Pro Schicht fährt er sie zweimal, wenn er Überstunden macht, kommt er auch auf 300 Kilometer.
Seine Strecke führt den Familienvater von Herrenberg unter anderem über Nufringen, Gärtringen, Rohrau, Ehningen, Hildrizhausen, Mauren und die Stadtränder von Holzgerlingen und Böblingen bis nach Deckenpfronn, Dachtel, Deufringen, den Ortseingang von Gechingen und wieder zurück.
Unterwegs muss er einige Engstellen und Anstiege überwinden, darunter die Rohrauer Steige, die Maurener Straße oder die Deckenpfronner Straße, die sich schmal und kurvig nach Dachtel hinunterschlängelt. Von vorausschauendem Fahren haben viele Menschen offenbar seit der Fahrschule nichts mehr gehört. „So, Bingo!“, sagt er in sarkastischem Tonfall, als eine unaufmerksame Autofahrerin sich in Dachtels enger Ortsdurchfahrt nur um Haaresbreite an seinem wuchtigen Pflug vorbeizwängt.
Winterdienst geht 19 Tage am Stück
Gegen 17.40 Uhr endet die erste Runde seiner Tour am Ausgangspunkt bei der Straßenmeisterei in Herrenberg. Dort stellt er seinen mit Pflug und 1700-Liter-Soletank rund 17 Tonnen schweren Unimog vor dem Salzdepot ab, wo sein Kollege Harald Schmid das Fahrzeug mit zwei Radladerschaufeln voll Streusalz wieder startklar macht.
Im Mannschaftsraum trifft Mühe seinen Schichtleiter Thomas Jurcan, der dort gerade Vesperpause macht. Der Straßenwart ist unter anderem für die Koordination der Fahrer zuständig. „Pro Schicht arbeiten fünf Mann – vier Fahrer und ein Schichtleiter“, erklärt er. Die Spätschicht geht von 13 bis 22 Uhr. Die Frühschicht beginnt um 3 Uhr früh und endet um 12 Uhr mittags. „So geht das 19 Tage am Stück, dann hat man zwei Tage frei, dann wieder 19 Tage.“ Schließlich erwartet die Bevölkerung auch am Wochenende schnee- und eisfreie Straßen.
Zwar seien die Winter mittlerweile deutlich milder, aber in diesem Jahr sei man durchaus gut beschäftigt. „Seit Anfang/ Mitte November läuft der Winterdienst bei uns durch“, sagt Jurcan.
Hinzu kommt für jeweils drei Mitarbeiter eines fünfköpfigen Schichtteams noch eine 24/7-Rufbereitschaft im Dienste des Führungs- und Lagezentrums (FLZ) in Ludwigsburg. Wenn dort das für den Kreis Böblingen zuständige Polizeipräsidium Unterstützung anfordert – beispielsweise nach einem Verkehrsunfall – müssen diese Mitarbeiter im Ernstfall ihren Winterdienst abbrechen und eine Vollsperrung koordinieren oder Ölspuren von der Fahrbahn beseitigen.
Das könnte auch Gerd Mühe passieren. Im Moment macht er sich darüber aber keine Gedanken. Stattdessen steigt er wieder in seinen Unimog und startet seine zweite Runde. Es ist kurz vor halb sieben. Draußen ist es stockfinster. Noch dreieinhalb Stunden und rund 110 Kilometer bis zum Feierabend. Dann ein bisschen schlafen, ein bisschen Zeit mit der Familie und wieder zurück auf die Piste. Für das Wochenende sagt die Wetterapp schon wieder Schneechaos voraus.
Winterdienst im Land und im Kreis
Straßenmeistereien
Laut Landesverkehrsministerium gibt es im Südwesten in 35 Landkreisen 86 Straßenmeistereien. Im Kreis Böblingen gibt es nach Abschaffung der Straßenmeisterei Sindelfingen noch die Standorte Magstadt und Herrenberg.
Personal
In Herrenberg arbeiten 20 Straßenwärter und vier weitere Mitarbeitende. Von den Straßenwärtern sind 15 in je drei Gruppen im Winterdienst eingeteilt.
Salz auf die Straße
Die Meistereien im Land decken insgesamt rund 28 000 Kilometer Straße ab. 560 Kilometer sind es im Kreis Böblingen, 280 davon im Zuständigkeitsbereich der Straßenmeisterei Herrenberg. Landesweit wurden in den letzten zehn Wintern im Schnitt rund 140 000 Tonnen Salz verstreut. Der vergangene Winter war mit nur 110 000 Tonnen vergleichsweise mild. In diesem Jahr zeichnet sich ein höherer Salzbedarf ab. Bei der Straßenmeisterei Herrenberg ist man schon jetzt bei einem Verbrauch von 1000 Tonnen, 1000 weitere Tonnen sind nachbestellt.