Der Maybach der Landesregierung vor der alten Villa Bolz: Links der Chauffeur, rechts von ihm Eugen Bolz Foto: Archiv/StN

Beitrag zur Erinnerungskultur: Ein Text des ersten baden-württembergischen Ministerpräsidenten Reinhold Maier (1898–1971) über den staatlichen Maybach, mit dem einst die Staatsregierung befördert wurde. Darunter auch Eugen Bolz (1881–1945).

Stuttgart - Auch nach 1918 erhielt sich die Württembergische Staatsverwaltung ungeschmälert den Grundsatz der Sparsamkeit. Mit gefüllten Staatskassen, mit vermehrten Staatsvermögen und praktisch schuldenfrei haben die Nationalsozialisten das Land im Jahr 1933 übernommen. Für die Zwecke des Staatsministeriums war im Jahr 1925 nach eingehender Prüfung durch den Finanzausschuss des Landtags ein staatlicher Maybach-Wagen angeschafft worden. Er wurde wie ein Schatzkästlein behütet hauptsächlich dadurch, dass man ihn möglichst wenig benutzte.

Sein Verwendungszweck bestand in erster Linie darin, dass mit ihm die Minister zu den im Allgemeinen wöchentlich einmal stattfindenden Sitzungen des Staatsministeriums in der bei der Geroksruhe gelegenen Villa Reitzenstein, dem Sitz des Staatsministeriums, gefahren wurden. Diese Sitzungen begannen meistens um 9 Uhr morgens.

Um 8 Uhr 45 meldete Betriebsassistent Metzger: „Herr Minister, der Wagen ist da.“ Pünktlichkeit, Nicht-warten-Lassen war ein allseits beachteter Grundsatz. In wenigen Augenblicken stieg ich in den vor dem Wirtschaftsministerium Lindenstraße 4 stehenden Wagen, in welchem schon der Herr Finanzminister saß. Dr. Dehlinger saß rechts im Fond des Wagens, ich links im Fond. Der Wagen fuhr weiter zum Justizministerium am Schillerplatz. Hierbei fanden schon kurze Gespräche mit diesem Sparsamsten der Sparsamen statt. Es ging meistens um das liebe Geld.

Jeder Kilometer kostete 500 Mark

Eines Morgens hatte ich gerade eine zweitägige Rundfahrt mit Reichsernährungsminister Dr. Schiele hinter mir. Die Geldmittel für die Landwirtschaft, hauptsächlich für die Milchwirtschaft, flossen damals von Berlin reichlich. Wir waren mit dem Reichsminister von Crailsheim nach Heilbronn und über den Milchhof Stuttgart nach Wangen im Allgäu gefahren. (. . .) Kaum war ich im Auto, fragte der Finanzminister: „Wie ist es gestern gegangen?“ Beamte des Wirtschaftsministeriums hatten unter Führung von Regierungsrat Dr. Schefold (. . .) sich den Spaß gemacht, zu errechnen, dass pro gefahrenem Autokilometer die Gabe des Reichs der Summe von 500 Mark gleichkomme. Ich antwortete: „Jeder Kilometer hat (das Reich) 500 Mark gekostet.“

Dr. Dehlinger erblasste und hauchte ein seufzendes, entsetztes, trauriges, lang gedehntes: „Ach, wa-a-s.“ Nachdem ich aber den Zusammenhang erklärt und die hohe Summe des Reichszuschusses genannt hatte, verklärte sich seine Miene und ein erleichtertes, freudiges: „Ach so-o“ war der Widerhall.

Am Schillerplatz stieg mit größter Pünktlichkeit der Justizminister ein. Nach dem bewährten Grundsatz: „Bitte meine Herren, ganz zwanglos unter Beachtung der Rangordnung“ musste Dr. Dehlinger seinen Ehrenplatz im Fond dem dienstälteren Kollegen Dr. Beyerle räumen. Dr. Beyerle Fond rechts, Dr. Dehlinger Fond links, ich als der Dienstjüngste Vordersitz, und zwar eigentlich rechts. Ich setzte mich aber auf den linken Sitz, denn ich wusste, was nach wiederum 200 Metern Fahrt sich ereignen werde.

Dr. Bolz war immer pünktlich

Am Innenministerium wartete der Innenminister, Staatspräsident Dr. Bolz, der Pünktlichste der Pünktlichen und noch Sparsamere der Sparsamsten, meistens schon vor der Tür. Dr. Bolz nahm den Platz Fond rechts, Dr. Beyerle Fond links. Dr. Dehlinger kletterte zum Vordersitz rechts. Nur ich allein brauchte mich bei diesem Anlass nicht zu derangieren und verblieb auf Vordersitz links. Vorn neben dem Chauffeur wurde noch einer der Herren Ministerialdirektoren oder Ministerialräte untergebracht. Die übrigen Herren wurden auf die Straßenbahn verwiesen.

Die Staatskarosse setzte sich in Bewegung und erreichte über Charlottenstraße, Alexanderstraße, Gerokstraße die Heinestraße (seit 1955 Richard-Wagner-Straße), an welcher die Villa Reitzenstein gelegen ist.

Auf der Fahrt dort hinauf unterhielten sich Dr. Bolz und Dr. Beyerle über Zen­trums-Interna. Dr. Dehlinger und ich sprachen über andere Dinge. Zum Beispiel sagte Dr. Dehlinger: „Da kommt heute in der Zeitung, dass Professor Soundso gestorben ist. Da fällt auch eine Pension mit 7000 Mark jährlich weg. Oder nach einer Weile: Da lebt immer noch die Witwe von Ministerpräsident . . . Sie bezieht eine Pension von 14 000 Mark jährlich und ist schon 82 Jahre alt“ (. . .)

Die Minister kamen pustend oben an

Am großen Eingangstor machte das Auto halt. Hier stiegen die Herren Minister aus. Obwohl ein Fahrweg vom Tor durch den Garten bis zum Hauseingang zur Verfügung stand, fuhr man an gewöhnlichen Arbeitstagen nicht hinauf. Dies geschah nur bei ganz großen, seltenen Anlässen (Besuch eines Reichskanzlers u.a.). Sonst „sparte“ man dieses Stück.

Die Minister nahmen – wiederum streng nach der Rangordnung – den Weg über eine große Anzahl von Staffeln und kamen – es waren außer mir, der ich 40 Jahre alt war, sämtlich 10 bis 15 Jahre ältere Herren – pustend oben an (. . .)

Ein echtes Stück, besser gesagt, ein Überstück schwäbischer Sparsamkeit, hat sich das Staatsministerium bei der Auswahl des Fahrers des Wagens geleistet. Nach heftiger Auseinandersetzung im Landtag und in der Öffentlichkeit war das Prunkstück des Maybach-Wagens, eines der teuersten Automobile der damaligen Zeit, einmal da. Man brauchte demgemäß einen Chauffeur. Da bot sich in den (sehr bescheidenen) Beständen des Staatsministeriums ein Mann an, der nicht voll „ausgelastet“ war. Er war auf einem eigentümlichen Weg ins Land gekommen. Der Württembergische Gesandte in Berlin, ein Landedelmann, hatte bei einem Gardekavallerieregiment gedient. Er nahm seinen Burschen später zunächst in seine privaten Dienste. Das war die Vorstufe zur späteren Aufnahme in das staatliche Personal.

Jede Fahrt war ein kleines Abenteuer

Der hagere, hochblonde, aus Pommern stammende Kavallerist konnte trefflich mit Pferden umgehen, auch vom Bock aus kutschieren. Was lag näher, ihm auch Automobile anzuvertrauen. Das war ein pflichtbewusster Mann. Fahren aber hat er nie richtig gelernt. Das ging noch mit den einfacheren Wagentypen jener Zeit.

Dem Maybach-Wagen war er nicht gewachsen. Jede dieser Fahrten von der Stadt zu der Höhe der Villa Reitzenstein war ein kleines Abenteuer. Eine Überlandfahrt zur Stadterhebungsfeier nach Tailfingen machte seinem Amt ein Ende. Um ein Härchen Haar warf er (das Auto) auf der Steige nach Hechingen hinunter beinahe um. Ich sehe heute noch das erbleichende Gesicht von Dr. Bolz. Daraufhin rückte der Chauffeur zum Parkwärter in den Anlagen vor, welches Amt er zuverlässig versah.

Politische Wechselfälle auf der Rückbank

Als ich am 20. Januar 1950 zur Vereidigung als Minister abgeholt wurde, war ich in ein persönliches Gespräch mit ihm gekommen. Dabei erzählte er im Jargon seiner pommerschen Heimat: „Zuerst fuhr ick den Blos (Staatspräsidenten Wilhelm Blos 1919), dann den Hieber (Staatspräsident Dr. Hieber 1920), dann den Bazille (Staatspräsident Bazille 1924) und jetzt fahr ick den Bolz.“ Der Bericht war von äußerster Sachlichkeit und völliger Unberührtheit von den politischen Wechselfällen, die seine prominenten „Herren“ jeweils getroffen hatten. Der in Auszügen veröffentlichte Text stammt aus dem Privatbesitz des ältesten Bolz-Enkels, Eugen Rupf-Bolz.

Er ist Teil der Aufsatzsammlung „Neue schwäbische Kunde, 2. Folge – Vom lieben Geld und vom bösen Auto und von anderem“ von Reinhold Maier. Anlass für die Veröffentlichung ist die baldige Fertigstellung des Neubaus des Staatsministeriums neben der Villa Reitzenstein, der infolge unserer Berichterstattung nach Eugen Bolz benannt wird. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat diese Lösung einem Erhalt der Villa vorgezogen. Für diesen Mittwoch hat er zu einem (nicht öffentlichen) Baufest geladen. (jan)

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