Immer montags taucht Mascha Mayer aus Sindelfingen ab: In ihrer Freizeit spielt die 40-Jährige nämlich Unterwasserrugby. Ein außergewöhnlicher Sport, der weniger an Rugby und mehr an den Zauberer-Sport Quidditch aus den Harry Potter-Büchern erinnert.
Rugby – das hört sich zunächst einmal nach Gehirnerschütterung und blauen Flecken an. Grölende Zuschauermengen am Spielfeldrand und brutales Tackling, um den Gegner aufzuhalten, könnten allerdings nicht weiter von dem entfernt sein, was bei seinem Verwandten unter Wasser passiert: Unterwasserrugby. Der Wasserwiderstand nimmt die Brutalität aus dem Spiel – und macht diese Sportart zur perfekten Freizeitbeschäftigung.
Eine Stunde Schwerelosigkeit
Eine Stunde in der Woche schwerelos sein – das gefällt Mascha Mayer am besten an dem Sport, den sie bereits seit 17 Jahren in der Tauchsportabteilung des VfL Sindelfingen mit ihrer Mannschaft Rugby Ducks betreibt. „Man spielt unter Wasser in alle Richtungen“, erklärt Mascha Mayer. Ganz ähnlich wie bei Quidditch – dem Sport der Zauberlehrlinge, bei dem die angehenden Magier in den Harry Potter-Büchern auf Besen versuchen, mit einem großen Ball (dem Quaffel) Tore zu schießen. Ohne fliegende Besen müssen Nicht-Magier wohl oder übel auf das Element Wasser zurückgreifen, um genauso schwerelos durch den Raum zu gleiten.
Rund vier Meter unter der Oberfläche ist beim Unterwasserrugby Action angesagt. Oberhalb ist nur ab und zu ein Prusten aus den Schnorcheln zu hören, wenn die Spielenden Luft holen, oder das Schlagen der Flossen, wenn sie wieder abtauchen.
Der Ball ist mit Salzwasser gefüllt
Sechs Spieler versuchen Tore zu schießen mit einem Ball, der mit Salzwasser gefüllt ist. Die Tore, die an Müllkörbe erinnern, stehen auf dem Boden des Schwimmbeckens. Neben Flossen und Schnorcheln tragen die Spielenden eine Brille und einen Ohrenschutz. Ziel des Spieles ist es, den Ball ins gegnerische Tor zu bringen. Berührt werden dürfen dabei nur diejenigen, die den Ball in der Hand haben. Die Spielenden stoßen den Ball mit Wucht ihren Mitspielern zu, versuchen ihre Gegner zu blocken, treten mit den Flossen in Richtung des Tors – alles Dinge, die anstrengend sind und Ausdauer benötigen. All das leisten die Spielenden ohne das zur Verfügung zu haben, was beim Sporteln in der Regel in größeren Mengen gebraucht wird: Sauerstoff.
Was, wenn die Luft ausgeht?
Was passiert, wenn ein Spieler während eines wichtigen Spielzugs die Luft ausgeht und er an die Wasseroberfläche muss? „Alles kein Problem“, sagt Mascha Mayer und lacht. Jede der drei Positionen (Tor, Sturm, Verteidigung) ist doppelt besetzt. So können die Spielenden abwechselnd Luft holen, wann immer es nötig ist. Nicht mal ein spezielles Atemtraining ist für Unterwasserrugby nötig. Die Fähigkeit, die Luft etwas länger anzuhalten, werde automatisch besser, sagt Mascha Mayer. Der Wechsel zwischen den Spielenden erfordert allerdings viel Taktik und ein gutes Zusammenspiel – etwas, was der 40-Jährigen besonders viel Spaß macht.
Nur der Spieler in Ballbesitz darf angefasst werden
Doch für ein gutes Zusammenspiel braucht es Kommunikation. Ein schneller Zuruf ist unter Wasser nur schwer möglich. Deshalb klopfen oder zwicken die Spieler, um auf sich aufmerksam zu machen. Sobald ein Spieler in Ballbesitz ist, muss er schnell in Richtung des gegnerischen Tors schwimmen, bevor er von seinen Mitspielern gestoppt wird. Mit aller Kraft versuchen die Schwimmer den Ball aus den Fingern des Torjägers zu zerren – auch Festhalten ist erlaubt. Etwas, das Mascha Mayer anfangs Unbehagen eingeflößt hat. Unter Wasser festgehalten werden? Nichts für klaustrophobisch angehauchte Zeitgenossen. Doch mittlerweile macht es ihr nichts mehr aus. Alles Gewöhnungssache, sagt sie.
Das Tor wird hart verteidigt
Wenn dann einer der Spieler in Tornähe kommt, begeben sich Torwart und Verteidigung in Position: Eine Person liegt vor dem Tor, die andere legt sich einfach quer über den Torkorb und versucht so, sämtliche Torchancen zunichte zu machen. „Deckel-Dackel“ heißt diese Form der Verteidigung im Unterwasserrugby-Jargon.
Bei Mascha Mayer ist der Sport mittlerweile beinahe zur Familiensache geworden: Ihre beiden Kinder kommen montags immer mit zum Training, wobei die beiden noch eher planschen als Rugby spielen, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Momentan nimmt die Gruppe in Sindelfingen an keinen Wettkämpfen teil. Das Team, das sich auch über die Corona-Pandemie treu geblieben ist, sieht sich als reine Freizeitgruppe.
Wird aus der Freizeittruppe mehr?
Doch nicht nur in Sindelfingen gibt es ein Team, auch die SV Böblingen kann mit Unterwasserrugby aufwarten. Die beiden Gruppen tauschen sich regelmäßig aus und im Sommer treffen sie sich zu gemeinsamen Spielen im Freibad. Vielleicht wird eines Tages ja doch noch mehr draus? Und wer weiß: Vielleicht schaut beim nächsten Training ja auch ein Harry Potter-Fan vorbei und macht seine kühnsten Quidditch-Träume wahr: Unterwasserrugby macht’s möglich.