Ein Fall für den Analytiker: Die Schafhauser Straße in Aidlingen gehört zu den Gefahrenstellen für die Müllabfuhr. Foto: factum/Bach

Ein Ingenieurbüro untersucht, wie Rückwärtsfahrten beim Abholen des Abfalls vermieden werden können. In den vergangenen zwölf Monaten gab es bundesweit acht tödliche Unfälle, als die Müllabfuhr rangieren musste.

Böblingen - Die Müllautos sollen im Kreis Böblingen nicht mehr rückwärts fahren. Rund 1800 Straßen werden deshalb von einem Ingenieurbüro begutachtet. Umbauten oder Parkverbote sowie genaue Fahrvorschriften sind mögliche Konsequenzen für die jeweiligen Gefahrenstellen. Allein die Untersuchung kostet rund 100 000 Euro. Sie wird sich bis zum Jahresende hinziehen. „Die Angelegenheit ist ernster, als wir denken“, betont Roland Bernhard die Notwendigkeit dieser umfangreichen Gefahrenanalyse. Im November 2016 war ein 84-jähriger Mann in Waldenbuch von einem Müllwagen überfahren worden. Laut dem Landrat kam es deutschlandweit in den vergangenen zwölf Monaten zu acht tödlichen Unfällen mit Lastwagen von Abfallentsorgern. Aber in der Region Stuttgart geht kein anderer Kreis so akribisch wie Böblingen vor.

Der Ingenieur muss fasst 1000 Straßen besichtigen

Genau genommen nimmt sich der Ingenieur Dieter Oelgemöller vom Institut für Abfall, Abwasser und Infrastruktur-Management 1875 Straßen vor. Die Liste hat der Abfallwirtschaftsbetrieb (AWB) erstellt. Bei der Hälfte davon sei die Situation eindeutig, erklärt der Ingenieur: Kartenmaterial und Satellitenfotos reichen für eine Einschätzung aus. Die andere Hälfte muss er besichtigen. Mit der Tour hat er im Frühsommer begonnen. Das Risikopotenzial hängt unter anderem von der Länge der jeweiligen Straße, ihrer Breite, vom Gefälle und den Gehwegen ab. Jede Stelle erhält nach einer bestimmten Systematik eine Einstufung. Bei fünf bis zehn Prozent der Straßen lässt sich nach Einschätzung von Dieter Oelgemöller die Gefahr durch Umwege oder Umbauten bannen. Mit Parkverboten will er Wendemöglichkeiten schaffen. Außerdem empfiehlt er dem AWB den Kauf eines Engstellenfahrzeugs. Als weiterer Punkt stehen spezielle Schulungen im Katalog möglicher Maßnahmen.

In der Römerstraße in Holzgerlingen weist der Ingenieur beispielsweise auf ein Firmengelände hin, das die Müllwerker eventuell als Wendeplatte nutzen können, um die Rückwärtsfahrt zu vermeiden. In Böblingen, wo die Wilhelm-Maybach-Straße eine Sackgasse ist, würde er mit einem Parkverbot Platz für einen Wendehammer schaffen. In der Schafhauser Straße in Aidlingen hält er neben einem Parkverbot den Einsatz eines Engstellenfahrzeugs für sinnvoll. Manche Kreisbewohner werden künftig ihre Mülltonne allerdings zu einer Abholstation schieben müssen. „Ich gehe davon aus, dass in wenigen Einzelfällen Behälterabstellflächen eingerichtet werden müssen“, kündigte Wolfgang Bagin an. Um wie viele Straßen es sich dabei handelt, kann der Werkleiter des Abfallwirtschaftsbetriebs noch nicht sagen. Auch die Anschaffung von Rückfahrassistenzsystemen wird beim AWB in Erwägung gezogen. Bisher teilweise vorhandene Rückwärtsfahrkameras reichen dafür nämlich nicht aus. Bislang gibt es dafür jedoch nur ein Gerät auf dem Markt, das noch bis Ende des Jahres den Zertifizierungsprozess durchläuft. Die Aufrüstung kostet pro Fahrzeug zwischen 15 000 und 20 000 Euro.

Eine Notwendigkeit für mehr Rechtssicherheit – und Sicherheit

„Dass die Maßnahmen Geld kosten, ist klar“, sagt Wolfgang Bagin, „aber es ist eine Notwendigkeit.“ Dadurch soll nicht nur Rechtssicherheit geschaffen werden, sondern das Rückwärtsfahren „tatsächlich sicherer“ gestaltet werden. Andere Kreise können sich die aufwendige Gefährdungsanalyse vor allem deshalb sparen, weil sie die Müllabfuhr an Privatunternehmen vergeben haben wie es in Ludwigsburg, Esslingen und Göppingen der Fall ist. „Wobei auch die von uns mit der Sammlung beauftragten Entsorgungsunternehmen mit größter Sorgfalt solche straßenspezifischen Gefährdungsbeurteilungen erstellen“, teilt Annegret Kornmann vom Landratsamt Ludwigsburg für die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft (AVL) mit.

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