Daniela Kundt vom städtischen Jugendamt und Philip Pfeiffer, Leiter des Projekts Match, arbeiten gerne mit jungen Menschen zusammen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Projekt Match der Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft arbeitet eng mit der städtischen Jugendhilfe im Strafverfahren zusammen. Ziel ist, dass junge Straftäter Sozialstunden nutzen, um eine Perspektive für ihre Zukunft zu entwickeln.

Die Jugend von heute ist verweichlicht und faul, hat kein Benehmen, ist gewaltbereit und unhöflich, vor allem gegenüber älteren Menschen – Sätze wie diese können Daniela Kundt und Philip Pfeiffer nicht mehr hören. Kundt arbeitet im Jugendamt, und Pfeiffer ist seit 25 Jahren bei der Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft (stjg) – und beide halten nichts von dieser Pauschalisierung.

 

„Es stimmt einfach nicht“, sagt Pfeiffer, der viel mit jungen Menschen zu tun hat. „Viele von ihnen haben gute und sehr kreative Ideen, sind engagiert, empathisch und übernehmen Verantwortung.“ Zugleich würden sie aber auch ihre Rechte kennen und wissen, was angemessen sei. Daraus resultiere so mancher Konflikt mit älteren Generationen. „Wir würden uns freuen, wenn man jungen Menschen wieder respektvoller, eben auf Augenhöhe, begegnet“, sagt Kundt, die beim städtischen Jugendamt in der Jugendhilfe im Strafverfahren im Einsatz ist.

Online fehlt teils das Unrechtsbewusstsein

Die 46-Jährige begleitet jugendliche und heranwachsende Tatverdächtige im Alter von 14 bis 20 Jahren als pädagogische Fachkraft von der ersten Vernehmung bis zum Ende eines Prozesses. Die Delikte reichen vom Ladendiebstahl (19,3 Prozent) über Leistungserschleichungen wie Schwarzfahren (8,28 Prozent) bis zur Beleidigung (5,56 Prozent). Einfache, gefährliche und schwere Körperverletzungen machen zwölf Prozent aus. „Wobei schwere Fälle bei Jugendlichen in der Regel nicht der Fall sind“, sagt sie. Auch Wiederholungstäter seien eher die Ausnahme. Immer häufiger müssen sich die Gerichte dagegen mit Delikten beschäftigten, die online begangen werden. Das Problem: Hier fehle das Unrechtsbewusstsein, die Hemmschwelle sei im Netz niedriger als im persönlichen Kontakt. Stellt zum Beispiel ein 18-Jähriger in einer Chat-Gruppe mit Minderjährigen Fotos mit pornografischem Inhalt ein, macht er sich schon strafbar.

Erniedrigung kein Ziel der Sozialstunden

Kommt es zu einer Verurteilung, müssen die Jugendlichen meist Sozialstunden in einer gemeinnützigen Einrichtung ableisten. Im vergangenen Jahr waren es 2184 Personen, vier Fünftel davon waren Jungs, die „in der Pubertät oftmals ihre Grenzen austesten müssen“, sagt Pfeiffer. Ziel der Sozialstunden sei nicht, jemanden zu erniedrigen. Die Arbeit soll vielmehr einen pädagogischen Zweck erfüllen. Und genau hier kommt der 45-Jährige ins Spiel. Er leitet bei der stjg das Projekt Match, das junge Straftäter und entsprechende Einsatzstellen – rund 100 in der Landeshauptstadt – zusammenbringt. „Wir haben in Stuttgart eine breite Landschaft an Trägern, bei denen man seine auferlegten Stunden ableisten kann. Und viele von denen, wie die Schwäbische Tafel, die Mobile Jugendarbeit oder unsere Jugendhäuser, nehmen die Einbindung der jungen Menschen sehr ernst“, sagt Pfeiffer.

Philipp Pfeifer und Daniela Kundt im Jugendhaus Cann Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Das Projekt Match richtet sich in erster Linie nicht an eine 15-Jährige, die einmal in einem Drogeriemarkt einen Lippenstift stiehlt und dabei erwischt wird. „Sie kann die paar Sozialstunden meist an einem Nachmittag abarbeiten, das ist schnell erledigt.“ Anders sieht es jedoch aus, wenn man 60, 80 oder noch mehr Stunden ableisten soll. „Das stellt für die meisten Jugendlichen eine große Herausforderung dar“, sagt Kundt. Ein Schüler oder Azubi brauche dafür oft Monate, manchmal bis zu einem Jahr, weil die Stunden abends oder an den Wochenenden abgeleistet werden müssten. Darüber hinaus gelte es, Fristen zu beachten. „Wenn sie versäumt werden, dann meist nicht aus purer Bösartigkeit, sondern eher aus jugendlichem Leichtsinn.“

Oftmals schiebe man die Suche nach einem Platz vor sich her. „Aber es auszusitzen, bringt nichts. Wenn dann offizielle Post kommt, ist die Panik groß“, berichtet Daniela Kundt, die das Projekt Match ausdrücklich lobt. Der Fokus werde auf eine sinnvolle Ausgestaltung und Begleitung der Arbeitsstunden gelegt.

„Wir vermitteln die jungen Menschen dorthin, wo sie ihre Fähigkeiten und Interessen einbringen können“, pflichtet Pfeiffer ihr bei. „Uns ist auch die persönliche Betreuung wichtig. Unter anderem unterstützen wir sie beim Schreiben von Bewerbungen oder beim Meistern von Herausforderungen wie Schulden. Sobald man einen Zugang zu ihnen bekommt, denken sie nach. Das ist das A und O. Meist weiß man am ersten Tag, was sie ausgefressen haben, obwohl sie nicht verpflichtet sind, uns es überhaupt zu erzählen. Wir wollen ihnen helfen, die Sozialstunden als Chance zu nutzen und Perspektiven für die Zukunft zu entdecken. Ein Ziel ist es, ihre Lebensführung positiv zu beeinflussen.“

Ein gutes Beispiel ist ein Jugendlicher, der illegal Daten ins Netz gestellt und dafür 100 Arbeitsstunden im Stadtteilbauernhof Bad Cannstatt abgeleistet hat. Unter anderem half er beim Bau einer Treppe mit – und ist offenbar auf den Geschmack gekommen. Im Anschluss hat er eine Schreinerlehre absolviert und die Kurve gekriegt.

Hilfe in Strafverfahren

Projekt Match
Dank einer Anschubfinanzierung der Vector-Stiftung von 220 000 Euro hat das Projekt Match eine Laufzeit von 33 Monaten und läuft noch bis Februar 2026. Wenn es nach Daniela Kundt geht, soll danach nicht Schluss sein. „Stellen, die sich um Jugendliche und deren Arbeitsstunden gekümmert haben, hat es auch vor dem Projektstart schon gegeben.“ Jetzt stehe aber mit der Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft ein Träger dahinter, der stark vernetzt sei und viel Struktur hereinbringe.

Die Jugendgerichtshilfe
In Strafverfahren gegen Jugendliche und Heranwachsende wird immer die Jugendgerichtshilfe hinzugezogen. Sie ist beim städtischen Jugendamt angesiedelt und teilt Fachkräfte zu den Verfahren ein oder delegiert diese Aufgabe an freie Träger. Die Jugendgerichtshilfe hat unter anderem die Aufgabe, die Persönlichkeit, die Entwicklung und die Umwelt des Beschuldigten zu erforschen und sich zu den Maßnahmen zu äußern, die zu ergreifen sind. Ein Vertreter der Jugendgerichtshilfe nimmt auch an der Hauptverhandlung teil.