Sogar der Ministerpräsident legt sich ins Zeug, um im nächsten Schuljahr eine bessere Unterrichtsversorgung zu erreichen. Die SPD hält seinen Brief für kontraproduktiv.
Wenn man der Beschreibung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) folgt, dann geht es um eine einfache und überschaubare Maßnahme mit großer und vor allem positiver Wirkung: Würden alle Lehrkräfte mit Teilzeitdeputat in Baden-Württemberg nur eine Wochenstunde länger unterrichten, „könnten wir damit im kommenden Schuljahr rund tausend Deputate für eine bessere Unterrichtsversorgung gewinnen.“ So steht es in dem Brief, den Kretschmann und Schopper am Mittwoch an alle rund 130 000 Lehrer im Südwesten geschrieben haben.
Zu wenige Lehramtsabsolventen
Dass Kultusminister vor dem Start ins neue Schuljahr bei ihren Lehrern um Aufstockung der Lehrverpflichtung werben, kommt nicht selten vor. Denn die Lehrerversorgung für 4500 Schulen in einem Flächenland sicherzustellen, ist auch in entspannten Zeiten ein schwieriges Geschäft. Aber jetzt ist die Lage nicht entspannt, weil es sowieso zu wenige Lehramtsabsolventen auf dem Arbeitsmarkt gibt. Außerdem wird die Bredouille verschärft, weil das Land sich auf noch mehr ukrainische Kinder und Jugendliche einstellen muss, für die nach den Sommerferien Bildungsangebote gemacht werden müssen.
So kommt es, dass erstmals alle Lehrkräfte Post von höchster Regierungsstelle bekommen haben. Es wirft ein Schlaglicht darauf, wie groß die Not bei der Unterrichtsversorgung in Baden-Württemberg mittlerweile ist, wenn nicht nur die amtierende Schulministerin, sondern auch der Ministerpräsident sich ins Zeug legt, um Teilzeitlehrer, Fast-Pensionäre und Pensionäre zu bitten, „in diesen schwierigen Zeiten mit zusätzlichen Stunden, einer verlängerten Dienstzeit oder mit Arbeit im Ruhestand mitzuhelfen, die Unterrichtsversorgung zu sichern“.
Landesregierung setzt auf Freiwilligkeit
Dass Kretschmann sich äußert, ist in Teilen der Tatsache geschuldet, dass er seine im Frühjahr ventilierte Idee zurückgezogen hat, die Mindestarbeitszeit für teilzeitbeschäftigte Lehrer zu erhöhen. Der Grund für diese Wende ist, dass die Verpflichtung nur um die hundert Deputate und damit viel zu wenig zusätzliche Kapazitäten bringen würde.
Statt Zwang setzt die Landesregierung also auch aus Effizienzgründen auf Freiwilligkeit. Es gibt weitere Themen, die aktuell Unmut schüren. Zum einen will Theresa Schopper schwangere Lehrerinnen, die wegen der Pandemie-Situation vom Unterricht freigestellt sind, wieder ins Klassenzimmer holen. Zum anderen hat sie ihre Ankündigung nicht eingelöst, Vertretungslehrer mit mehrfachen Fristverträgen während der Sommerferien nicht mehr in die Arbeitslosigkeit zu schicken.
Die Gemengelage ruft auch die Opposition im Landtag auf den Plan. Sie hat durchgesetzt, einen Bericht des Ministeriums über die aktuelle Lage rund um diese Themen im Bildungsausschusses öffentlich zu diskutieren. Übernommen hat die Aufgabe an diesem Donnerstag Schoppers Staatssekretär Volker Schebesta (CDU).
Kritik aus der Opposition
Er legte dar, dass an den Schulen im Land aktuell 18 500 ukrainische Schüler registriert sind, dass 450 Vorbereitungsklassen für Schüler an allgemeinbildenden und knapp 300 Angebote an Berufsschulen geschaffen wurden. „Wie viele ukrainische Kinder und Jugendliche im nächsten Schuljahr am deutschen Unterricht teilnehmen, ist schwer zu prognostizieren“, erläuterte er. Nach wie vor gebe es für geflüchtete Kinder auch die Möglichkeit am ukrainischen Fernunterricht teilzunehmen. Das mache die Kalkulation der benötigten Ressourcen schwierig.
Der SPD-Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei kritisierte, dass Schoppers und Kretschmanns Brief zusammen mit den anderen Kritikpunkten Verheerungen bei der Motivation der Lehrkräfte auslöse. Aus E-Mails wisse er, dass die Bitte um Hilfe fast als eine Art Nötigung aufgefasst werde. „Dabei ist die Stimmung so, dass die Zitrone schon bis an die Innenseite der Schale ausgepresst ist.“ Der FDP-Politiker Timm Kern monierte vor allem, dass Kultusministerin Schopper ihre Ankündigung, die unsittliche Praxis der Kettenverträge mit Arbeitslosigkeit in den Sommerferien nicht beendet habe. „Darauf haben Lehrkräfte sich verlassen, und die geraten jetzt in Not“, sagte er. Dagegen hielten die Koalitionsabgeordneten Thomas Poreski (Grüne) und Alexander Becker (CDU) SPD und FDP vor, die Ausschussberatung für „Fensterreden“ und eine aktuelle Debatte zu missbrauchen.
„Übliches Instrument der Schulverwaltung“
Staatssekretär Schebesta betonte, dass die Bitte an Lehrkräfte in Elternzeit oder Teilzeit, ihre Lehrverpflichtungen aufzustocken „ein übliches Instrument der Schulverwaltung“ gewesen sei, um mehr Personal zu gewinnen. Das hätten die Kultusministerin und der Regierungschef mit ihrem Brief unterstreichen wollen.