Entfallene Stunden bedeuten für betroffene Schüler nicht nur eine schlechtere Vermittlung des Schulstoffs, sondern auch viel freie und gleichzeitig unbeaufsichtigte Zeit. Eine Familie berichtet, wie sie ihren Alltag organisiert.
Stuttgart - Als berufstätige Mutter hat es Edith Wolf bisher immer geschafft, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Seit einiger Zeit ist die 47-Jährige jedoch mit wachsenden Schwierigkeiten konfrontiert, die den Alltag ihrer Familie erschweren: der Unterrichtsausfall an der Schule ihrer Kinder. „Seit Schuljahresbeginn fallen an dem Gymnasium meiner Tochter in jeder Woche vier Stunden aus“, sagt Edith Wolf. Ihre Tochter Karolin geht in die siebte Klasse des Johannes-Kepler-Gymnasiums (JKG) in Leonberg. „Für Physik und Biologie gibt es am JKG bisher schlichtweg keine Lehrer, deshalb fand in diesen Fächern von Anfang an kein Unterricht statt“, weiß Wolf.
Das Problem ist nicht neu: Nach Aussage des Regierungspräsidiums Stuttgart konnten zwar alle Stellen an den Gymnasien besetzt werden, jedoch gebe es in einigen Fächern einfach zu wenig Lehrer. Die angespannte Situation würde an manchen Schulen noch durch viele längerfristige Krankheitsausfälle, Mutterschutz und Elternzeiten verschärft werden, so eine Sprecherin des Regierungspräsidiums.
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Ein Brief der Elternvertreter informierte die Betroffenen vor einigen Tagen über die aktuelle Situation am JKG und schilderte die Schwierigkeiten und Bemühungen des Schulleiters Roman Peters, vor Schuljahresbeginn geeignete Lehrkräfte zu finden. Darin heißt es, zwei Pädagogen hätten der Schulleitung kurz vor Beginn des Schuljahres abgesagt. „Wir wissen, dass die Leitung sehr bemüht ist, neue Lehrer zu finden. Aber wenn einfach keine Lehrer da sind, ist der Versuch aussichtslos“, sagt Wolf.
Das Betreuungskonzept
Für ihre Tochter Karolin bedeutet der Unterrichtsausfall eine suboptimale Vermittlung von Lehrplaninhalten und eine Menge freie Zeit, die die Zwölfjährige meist nicht in der Schule verbringt. Die Konsequenzen für die Familie sind immens: Die Großeltern übernehmen die Betreuung jeden Montagnachmittag, an den restlichen Wochentagen kommt von 16.30 Uhr an eine Kinderfrau ins Haus der Familie. Abends gegen 18.30 Uhr findet sich die Familie dann wieder zusammen. „Mein Mann und ich arbeiten beide Vollzeit. Wenn unsere Kinder früher als geplant aus der Schule nach Hause kommen, sind sie völlig ohne Aufsicht, bis die Großeltern oder die Kinderfrau kommen“, sagt Wolf.
Mit der Gewissheit, dass die Kinder eine Zeit lang alleine zu Hause seien, stelle sich ein ungutes Gefühl ein, betont die 47-Jährige. „Man fühlt sich als Berufstätiger damit einfach nicht so wohl“, beschreibt Wolf ihre Sorgen. Tagtäglich stelle sich einem die Frage, „ob das gewählte Modell das Richtige ist“. Auf die Frage, ob sie jemals daran dachte, im Beruf zurückzustecken, antwortet Edith Wolf entschlossen aber auch reflektiert. „Für mich persönlich ist das ein No-Go. Ich finde das Teilzeitmodel für die Karrieremöglichkeiten einer Frau eher schädlich. Daher war das nie eine Option und wird auch nie eine werden. Aber die Zweifel, ob man als Elternteil das Richtige tut, sind auf jeden Fall da.“
Kein klassisches Ganztagesangebot
Roman Peters, der Schulleiter des Johannes-Kepler-Gymnasiums, bietet an seiner Schule zwar ein offenes Ganztagesangebot an, dieses sei mit einem klassischen Ganztagesgymnasium aber nicht zu vergleichen: „Wir haben am JKG eine beaufsichtigte Hausaufgabenbetreuung von Montag bis Donnerstag, jeweils von 14 bis 15.30 Uhr. Eltern können ihre Kinder anmelden und haben dann die Gewissheit, dass ihr Kind bei uns gut aufgehoben ist.“
Der Oberstudienrat kennt das Problem Unterrichtsausfall und Lehrermangel. „Vor allem in den sogenannten MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, ist es sehr schwierig, überhaupt Lehrer zu finden“, weiß Peters. Obwohl der Start in dieses Schuljahr schwierig gewesen sei, sei seine Schule mittlerweile gut aufgestellt. „Wir haben jetzt auch Lehrer für Biologie und Physik gefunden“, so Peters.
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Karolin geht, im Gegensatz zu ihrem zehnjährigen Bruder, nicht in die Hausaufgabenbetreuung. „Wenn bei mir etwas ausfällt, ist das zu unflexibel. Dann muss ich beispielsweise von 12 bis 14 Uhr in der Schule warten, bis die Betreuung überhaupt mal anfängt. Ich mache meine Hausaufgaben dann lieber zu Hause“, erläutert die Schülerin ihre Gründe.
Ihre Mutter sieht die Landesregierung in der Pflicht. Der Lehrerberuf müsse „dringend attraktiver gestaltet werden“. Es sei wichtig „neue Anreize für junge Menschen zu schaffen, sich für das Lehramtsstudium zu entscheiden“. Was ihrer Meinung nach fehlt, sei die Wertschätzung dieses Berufes – auch in der Gesellschaft. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sucht in ihrem Kampf gegen den Lehrermangel nach einem erfolgsversprechenden Mittel, gefunden hat sie es bis jetzt nicht. Im Interview mit unserer Zeitung sagte die Ministerin, es dauere noch zwei, drei Jahre, bis der aktuelle Mangel korrigiert sei.
Kein Ersatz für ausfallende Lehrer
„Meine Französischlehrerin geht bald in den Mutterschutz, für sie gibt es aktuell noch keine Nachfolgerin“, sagt Karolin. Die Lehrerin habe die Klasse informiert, dass „in nächster Zeit mehr ausfallen wird, weil es an der Schule nicht sehr viele Lehrkräfte für dieses Fach gibt“. Nach den Herbstferien solle eine feste Kraft die bald fehlende Französischlehrerin ersetzen. Ob oder wie der Französischunterricht bis dahin gehalten wird, weiß die Zwölfjährige bisher nicht.