Türkischstämmige Schüler sind bisher auf den muttersprachlichen Unterricht der Konsulate angewiesen. Foto: Symbolbild/DTF Stuttgart/Banu Aksu

Chinesisch zu lernen ist an Gymnasien in Baden-Württemberg leichter möglich, als Türkisch zu lernen. Das soll sich bessern, hat Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) angekündigt.

Stuttgart - Einmal im Jahr besucht Pinar ihre Verwandten in der Türkei. Dann lässt sie sich von der Großmutter Familiengeschichten erzählen, mit den Cousinen tuschelt sie über Männer, Mode und Musik. Die Verständigung klappt problemlos, mit ihren Eltern hat die im Südwesten aufgewachsene Studentin immer Türkisch gesprochen. Deutsch lernte sie im Kindergarten, in der Schule und im Freundeskreis. Doch türkische Zeitungen und Bücher zu lesen, fällt Pinar schwer – obwohl sie mehrere Jahre lang den muttersprachlichen Unterricht des türkischen Konsulats besucht hat. „Einmal wöchentlich etwas Türkisch – das reicht einfach nicht, um die Schriftsprache zu beherrschen“, bedauert sie.

Künftigen Schülergenerationen könnte es da besser gehen. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer hat bei der Türkeireise mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der vergangenen Woche angekündigt, zu prüfen, ob Türkisch nicht auch an Gymnasien unterrichtet werden kann. „Es ist bemerkenswert, dass bisher kein Gymnasium im Land Türkisch anbietet, andere Sprachen wie Portugiesisch hingegen sehr wohl angeboten werden“, sagte die Grünen-Politikerin.

Theoretisch wäre das längst möglich. Türkisch könnte wie etwa Chinesisch, Hebräisch oder Japanisch als so genannte „spät beginnende Fremdsprache“ in der zehnten Klasse der allgemeinbildenden Gymnasien unterrichtet werden. Doch davon macht derzeit keines der rund 400 Gymnasien Gebrauch, bestätigt das Kultusministerium. Auch lägen bisher keine Anträge vor, Türkisch als zweite Fremdsprache ab Klasse sechs oder dritte Fremdsprache ab Klasse acht einzurichten. Lediglich an drei der Schulen gebe es freiwillige Arbeits­gemeinschaften für Türkisch. Dagegen lernen lernten im vergangenen Schuljahr nach Angaben des Statistischen Landesamts rund 39.500 Schüler Spanisch, 9600 Italienisch 1750 Schüler Russisch.

Ein großes Stück weiter ist die Tübinger Universität beim Fach Chinesisch

Grund für diese Situation dürfte nicht allein die relativ geringe Zahl von türkischstämmigen Schülern an Gymnasien sein. Unter der früheren CDU-FDP-Regierung wurde ein Vorstoß von SPD und Grünen, Türkisch als Fremdsprache einzuführen, immer wieder abgelehnt. Englisch und Französisch seien die Weltsprachen und gäben auch den türkischen Schülern das Rüstzeug für Studium und Beruf, hieß es damals aus dem CDU-geführten Kultusministerium. Der heutige CDU-Landeschef Thomas Strobl befand seinerzeit, Türkisch sei keine „global relevante Fremdsprache“, man solle sich auf „wesentliche Ziele in der Bildungspolitik beschränken.“

Für Türkischunterricht spricht aus Sicht von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), dass Schüler mit der Muttersprache Türkisch ihre Sprache auch lesen und schreiben lernen. Bisher gibt es allerdings noch keine fundierte Lehrerausbildung für das Fach. Studenten, die für das Gymnasiallehramt studieren, sowie bereits ausgebildete Lehrkräfte können an der Universität Tübingen Türkisch als Erweiterungsfach studieren. „Gymnasien, die das Türkisch als Fremdsprache oder Arbeitsgemeinschaft anbieten wollten, könnten auf diese Absolventen zurückgreifen“, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

Ein großes Stück weiter ist die Tübinger Universität beim Fach Chinesisch. An diesem Donnerstag eröffnet die Hochschule einen neuen Studiengang Chinesisch, der für das Lehramt qualifiziert. Absolventen mit Hauptfach Chinesisch und einem zweiten Schulfach könnten – dank einer Ausnahmegenehmigung des Kultusministeriums – das Referendariat machen und erhielten so eine Chance auf eine Anstellung im Schuldienst, teilte die Tübinger Universität mit. „Mit dem neuen lehramtsqualifizierenden Studiengang Chinesisch kommen wir der starken Nachfrage nach interkulturellen China-Kompetenzen entgegen“, so Uni-Rektor Bernd Engler. In Marbach können Schüler Chinesisch als zweite Fremdsprache ab Klasse sechs lernen, zudem gibt es einige Arbeitsgemeinschaften an Schulen..

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