Unternehmer-Initiative Firmen fordern Bleiberecht für beschäftigte Flüchtlinge

Von Thomas Thieme 

Bei Trigema in Burlardingen setzt man auch auf die Kompetenzen von Flüchtlingen, wie sie beispielsweise der aus Pakistan stammende Näher Wahmeed Ahmeed hat. Foto: Horst Haas
Bei Trigema in Burlardingen setzt man auch auf die Kompetenzen von Flüchtlingen, wie sie beispielsweise der aus Pakistan stammende Näher Wahmeed Ahmeed hat. Foto: Horst Haas

40 Unternehmer aus dem Südwesten fordern, dass gut integrierte Flüchtlinge, die bei ihnen beschäftigt sind, nicht abgeschoben werden sondern aus dem Asylverfahren genommen werden und ein Bleiberecht erhalten.

Stuttgart - Gottfried Härle versteht die Welt nicht mehr. Wieso muss ein junger Mann aus Gambia, der seit fast drei Jahren in seinem Unternehmen arbeitet, mittlerweile fest angestellt, hoch motiviert und gut integriert ist, ausgewiesen werden: „Wir brauchen solche Leute wie ihn“, sagt der Brauereichef aus Leutkirch. Dem 23-jährigen Gambier droht nach der Ablehnung seines Asylantrags die Abschiebung. Der Familienunternehmer will nicht tatenlos zusehen und unterstützt seinen Schützling beim Einspruchsverfahren und dem Gang vor das Verwaltungsgericht.

Vier von 33 Mitarbeitern sind Flüchtlinge

Härle beschäftigt insgesamt 33 Mitarbeiter, vier davon sind Flüchtlinge: drei aus Gambia und einer aus Kamerun. Sie arbeiten als Hilfskräfte in der Flaschenabfüllerei und im Lager, verdienen 11,50 Euro die Stunde. Zwei der Männer hat der Chef eine Wohnung auf dem Werksgelände zur Verfügung gestellt, einem weiteren ein Zimmer vermittelt. „Wir brauchen nicht nur Facharbeiter, sondern auch Mitarbeiter, die Kästen auf das Rollband setzen, Flaschen sortieren und sie kontrollieren, wenn sie aus der Waschmaschine kommen“, erklärt Härle. Auf dem leer gefegten deutschen Arbeitsmarkt finde er solche Kräfte schon lange nicht mehr, daher hat er – trotz unsicherer Bleibeperspektiven – auf die jungen Afrikaner gesetzt.

Mit seinem Unverständnis für die gegenwärtige Lage ist der Brauereichef nicht allein. Viele Unternehmer, aber auch Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern (IHK) wünschen sich eine sicherere Bleibeperspektive für Menschen, die einen Job gefunden haben. Sie sind auf die Arbeitskräfte angewiesen. Um den Druck auf die Politik zu erhöhen, hat Härle zusammen mit der Inhaberin des oberschwäbischen Outdoor-Ausstatters Vaude, Antje von Dewitz, eine Initiative gestartet. Sie wollen mit dem baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) ins Gespräch darüber kommen, „wie Geflüchtete in Arbeit einen gesicherten Rechtsstatus erhalten können“. Rund 40 Unternehmen haben sich der Initiative angeschlossen, darunter neben kleineren Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben aus dem Bodenseeraum auch die EnBW und Würth.

IHK Bodensee-Oberschwaben unterstützt Initiative der Unternehmen

Die IHK Bodensee-Oberschwaben unterstützt die Initiative der Unternehmen. In der Region würden sich zahlreiche Betriebe für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt engagieren. „Die Unternehmen investieren Geld, Zeit und Engagement in diese Menschen“, sagt der IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Jany. Diese Firmen stünden aber durch die Abschiebepraxis und damit verbundener Unklarheiten für die betroffenen geflüchteten Menschen, aber auch für das Unternehmen selbst, oftmals vor großen Herausforderungen und fühlten sich hierbei allein gelassen, kritisiert der Kammervertreter.

Vaude bangt bereits um mehr als die Hälfte seiner neun Mitarbeiter mit Fluchthintergrund. Im Falle eines Jesiden aus dem Irak sei die Lage besonders kritisch, erläutert Lisa Fiedler, die beim Outdoor-Hersteller für Unternehmensentwicklung und Nachhaltigkeit zuständig ist: Er hat ­bereits einen Abschiebebescheid erhalten. Die Begründung: Er habe seine Herkunft nicht glaubwürdig anhand von Dokumenten nachweisen können. Vaude unterstützt ihn auf dem juristischen Weg, die Kosten schätzt Fiedler zwischen 2000 und 3000 Euro. Mit einem Eilantrag ist der Arbeitgeber beim Verwaltungsgericht gescheitert. Nun steht noch die Entscheidung aus, ob ein Hauptverfahren eröffnet wird. Doch unabhängig davon droht dem betroffenen Mitarbeiter bereits in wenigen Wochen der Entzug seiner Arbeitserlaubnis. „Mit dem Vorstoß für einen Dialog mit dem Innenministerium erhoffen wir uns die Schaffung von Spielräumen, ähnlich denen, die bereits bei Flüchtlingen in der Ausbildung angewendet werden“, erklärt Fiedler.

Unternehmen haben Flüchtlinge vielfältig unterstützt

Auch über die Bodenseeregion hinaus haben viele Betriebe Flüchtlinge nicht nur eingestellt, sondern sie auch beim Spracherwerb, bei der Wohnungssuche und den Behördengängen unterstützt. Dabei sind sie nicht zuletzt den Appellen der Politik gefolgt, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen. Sie tragen nun aber auch das Risiko, die neuen Mitarbeiter kurzfristig wieder zu verlieren. Wenn ein Asylantrag abgelehnt wird, gibt es zwar die Möglichkeit, dass der Betroffene eine Duldung mit Arbeitsmöglichkeit bekommt, die in der Regel auf sechs Monate begrenzt ist. Dennoch ist er jederzeit ausreisepflichtig, heißt: Ihm droht permanent die Abschiebung. „Dieser unsichere Status macht viele Arbeitgeber nervös“, sagt Christian Rauch, der Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit. Vor dem Hintergrund des vorhandenen Arbeitskräftebedarfs in vielen Branchen treffe er bei Arbeitgebern immer wieder auf großes Unverständnis: Sie fragten, warum eine dauerhafte Beschäftigung auch in Anbetracht der langen Aufenthaltszeiten in Deutschland nicht zugelassen wird, wenn der Betroffene dadurch seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann und sich ansonsten gut integriert hat. „Hier wäre es wünschenswert, wenn die Politik durch klare Regelungen mehr Sicherheit für alle Akteure am Arbeitsmarkt schaffen würde“, fordert Christian Rauch.

„Ich wäre sogar bereit, die Haftung für unsere Flüchtlinge zu übernehmen“, sagt Wolfgang Grupp, Inhaber und Chef des Burladinger Textilunternehmens Trigema. Er beschäftige 34 Flüchtlinge und habe nur gute Erfahrungen gemacht. „Die Menschen sind diszipliniert und können vor allen Dingen gut nähen. Sonst würde ich keine mehr einstellen: Ich bin Unternehmer und kein Sozialsäusler.“ Trigema wirbt damit, komplett in Deutschland zu produzieren. Jedoch: „Ich finde keine Einheimischen mehr, die sich hinter eine Nähmaschine setzen“, sagt Grupp. Darum wehrt er sich dagegen, dass einer seine Näher abgeschoben werden soll: ein Mann aus Ghana, der seit Herbst 2016 bei Trigema arbeitet.

Klare Vorstellung, wie zufriedenstellende Lösung aussieht

Brauereichef Härle erklärt, wie eine zufriedenstellende Lösung aus seiner Sicht aussehen könnte: Die Betroffenen müssten aus dem Asylverfahren herausgenommen und ihnen ein Aufenthalt ermöglicht werden. Mit auswärtigen Arbeitskräften habe man im Südwesten nicht nur in den Wirtschaftswunderjahren gute Erfahrungen gemacht. Der Unternehmer denkt noch weitaus länger zurück: „Mein Urgroßvater hat unser Brauhaus 1896 komplett mit Italienern und Kroaten erbaut“, sagt er. Immerhin: Das Gesprächsangebot habe Minister Strobl mittlerweile angenommen.

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