Harald Marquardt im Rietheimer Werk vor einer Anlage für Elektrokomponententräger. Foto: Matthias Schiermeyer

Donald Trump legt als US-Präsident gleich hochtourig los. Was kommt da noch an Ärger auf die deutsche Industrie zu? Der Unternehmer und Südwestmetall-Vize Harald Marquardt reagiert im Interview sehr gelassen auf Trumps Amtsantritt.

Ein erheblicher Teil der deutschen Wirtschaft sieht der Amtszeit von Donald Trump skeptisch entgegen – nicht so der Mittelständler Marquardt.

 

Herr Marquardt, direkt nach der Wahl von Donald Trump haben Sie noch entspannt reagiert; wie sehr sorgt es Sie heute, dass der US-Präsident von Tag eins an seine ganze Machtfülle ausübt?

Grundsätzlich sehe ich es nicht anders. In den USA besteht eine reife Demokratie, die auch mit Unwägbarkeiten eines vielleicht manchmal etwas überehrgeizigen Präsidenten umgehen kann. Am Beispiel der angekündigten hohen Zölle werden ihm seine guten Berater – die es in den USA zuhauf gibt – sicherlich sagen, dass so etwas bei einem unveränderten Kaufverhalten der Amerikaner eine sofort importierte Inflation nach sich zöge. Dies täte der amerikanischen Wirtschaft und der Währung nicht besonders gut. Das würde Donald Trump auch erkennen. Insofern bin ich überhaupt nicht besorgt. Wir kennen auch aus anderen Regionen dieser Welt diese Machtfülle, etwa aus China. Dort ist sie noch ausgeprägter, aber ohne demokratisches Fundament. Damit müssen wir auch umgehen können. Insofern glaube ich, auch wenn es hart klingt, dass das Problem bei uns nicht Donald Trump heißt, sondern Scholz und Habeck.

Was meinen Sie damit?

Wenn wir als Europäer und Deutsche unsere Hausaufgaben machen – das haben auch schon die Präsidenten vor Trump gesagt, wenn auch nicht laut genug –, können wir wieder auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Wer sein Land und seine Wirtschaft in Ordnung hat, findet größeren Respekt in der Welt, den die Bundesregierung insbesondere in den vergangenen drei Jahren verspielt hat.

Schreckt Sie es nicht, wenn ein Techunternehmer nach dem anderen bei Trump zu Kreuze kriecht oder dass ein Elon Musk die wirtschaftspolitische Agenda der neuen US-Regierung bestimmt?

Im Grunde haben Sie sich gerade selbst in Widerspruch gebracht. Wenn ich der Meinung wäre, als Milliardär so einflussreich und erfolgreich zu sein, dann müsste ich eigentlich nicht zu Kreuze kriechen. Aber es ist tatsächlich auffällig, wie der eine oder andere jetzt sozusagen der Politik ein Tor aufmacht, obwohl sie vorher ihr eigenes Ding gemacht haben. Aber auch diese Unternehmer leben von der Globalisierung und dem, was sie weltweit erzielen. Und natürlich versuchen sie Einfluss zu gewinnen. Aber auch da gibt es Korrektive innerhalb der Regierung. Ich glaube nach wie vor an eine Gewaltenteilung in den USA. Dass Trump sie etwas einschränken will, kann Besorgnis erregen. Doch die amerikanische Demokratie ist sehr stabil und ausgewogen, fußt auf Grundwerten, hat schon ein entsprechendes Alter und wird von vielen guten Leuten unterstützt.

Trump und sein Umfeld haben eine Aversion gegen Deutschland – haben Sie dies als Unternehmer schon gespürt?

In meinem Umfeld könnte ich das an keinem Beispiel festmachen. Da muss man mal sehen, was Trumps Souffleure, die mit uns zunächst mal hart ins Gericht gehen, tatsächlich gemeint haben. Im Allgemeinen muss man auch unter Freunden in der Lage sein, auch Unangenehmes zu sagen. Ich sehe es schon selbstkritisch, dass die Amerikaner uns in vielen Dingen die letzten Jahrzehnte den Rücken freigehalten haben und dass wir die eine oder andere Zusage nicht eingehalten haben. Insofern ist es aus unserer Sicht momentan nicht schön, war aber vielleicht zu erwarten, dass es jetzt mit einer gewissen Massivität und Deutlichkeit kommt. Ganz überrascht können wir nicht sein. Insofern können wir endlich mal versuchen, uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen; dann müssen wir eben handeln, mit der neuen amerikanischen Regierung zusammenarbeiten und sehen, wo man am besten einen gegenseitigen Nutzen herauszieht – statt nur wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen, was ohnehin nicht die Art eines deutschen Familienunternehmers sein kann.

Die USA sind für uns der wichtigste Exportmarkt nach der EU. Wie abhängig ist die Metall- und Elektroindustrie vom transatlantischen Handel?

Extrem abhängig. 23 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA im Umfang von 36,4 Milliarden Euro kommen aus Baden-Württemberg, besonders aus dem Fahrzeugbau. Und 16 Prozent von dem, was Baden-Württemberg insgesamt exportiert, geht in die USA – da sind die Vereinigten Staaten auf Rang zwei. Aber die Produkte werden ja nicht gekauft, weil wir Freunde sind, sondern weil sie einen Mehrwert bringen. Der wird möglicherweise geringer, wenn die Produkte überteuert sind. Insofern muss man stets sehen, inwieweit eine angekündigte Abschottung durch hohe Zölle zum Bumerang werden kann. Das sehe ich relativ entspannt.

Hat sich die Industrie auf die neue Situation vorbereiten können?

Vielleicht indem versucht wird einzuschätzen, welche Konsequenzen höhere Zölle für die Produkte hätten. Da können Sie zig Modellrechnungen machen. Sich präventiv vorbereiten, kann man wohl nicht. Viele Entscheidungen brauchen eine ordentliche Vorbereitungszeit. Neuinvestitionen in den USA oder in andere Lieferwege hätte man wahrscheinlich so oder so getätigt. Und wer etwas verändert, bevor die US-Regierung gehandelt hat, könnte möglicherweise die falschen Entscheidungen treffen. Anders ist es, wenn sich etwa energieintensive Unternehmen perspektivisch ohnehin in den USA ansiedeln wollen. Da sind wir wieder beim Thema Deutschland, hohen Energiekosten und der verschlechterten Wettbewerbsfähigkeit.

Ist der Protektionismus mit höheren Zöllen die größte Gefahr – oder wäre ein Handelskrieg zwischen den USA und China eine noch massivere Bedrohung?

Dann würden wir möglicherweise doppelt unter die Räder kommen. Es könnte der Worst Case sein. Dann wäre aber nicht nur Deutschland der Verlierer, sondern auch China und die USA. Insofern müsste man einschränken: Was bedeutet Handelskrieg ganz konkret? Und es kann dann nicht nur mit Drohungen, sondern muss auch mit Anreizen erfolgen. Das bedeutet wiederum, dass wir für den Fall, nicht mehr nach China liefern zu dürfen, Vorteile in den USA bekommen müssten. Dies wäre verhandelbar.

Für die deutsche Wirtschaft kommt hinzu, dass die Politik durch die Bundestagswahlen blockiert ist und keine Bundesregierung da ist, die etwa ein neues industriepolitisches Konzept aufsetzen kann. Oder spielt das für Sie keine Rolle?

Ja und nein. Wenn es so käme, wie viele Medien schreiben: Der Vorteil eines Bundeskanzlers Merz wäre, dass die Amerikaner ihn kennen, schätzen und sofort verorten können. Selbst wenn er dann erst mal die neue Bundesregierung aufstellen muss, wäre er sicherlich einer, der über seine jahrzehntelangen Verbindungen ein größeres Netzwerk in den USA hat als möglicherweise die amtierenden Akteure. Selbst wenn noch nicht alles etabliert ist, könnte man sehr schnell zumindest in einen Arbeitsmodus gelangen.

Gibt es in Unternehmerkreisen auch positive Erwartungen gegenüber Donald Trump?

Insgesamt ist die Stimmung relativ neutral. Wir freuen uns erst einmal, dass eine gewisse Unsicherheit zu Ende ist und dass es in irgendeiner Weise weitergeht. Je schneller jemand ins Amt kommt, desto eher kann man sehen, was passiert oder nicht passiert. Allein auf Ankündigungen lassen sich keine Entscheidungen begründen. Insofern ist es nach wie vor ein angespanntes, aber mittlerweile zeitlich begrenztes Abwarten. Ich glaube, die Unternehmen haben schon immer bewiesen, dass sie sich relativ schnell auf neue Situationen einstellen können, wenn man sie machen lässt.

Haben Sie schon Trump-Fans unter deutschen Unternehmern gefunden?

Da kann ich nicht spontan Ja sagen. Ich habe Trump-Fans, wen wundert’s, unter amerikanischen Unternehmern gefunden. Aber wenn Sie mich jetzt gefragt hätten, ob ich Kamala-Harris-Fans unter den deutschen Unternehmern kenne, hätte ich auch nicht spontan Ja gesagt.

Der Familienunternehmer

Chefwechsel
 Gerade erst hat Harald Marquardt (62) den Chefposten bei der Marquardt-Gruppe abgegeben: Seit Anfang Januar ist Björn Twiehaus (46) neuer Vorstandsvorsitzender. Marquardt bleibt Gesellschafter und zudem stellvertretender Vorsitzender beim Arbeitgeberverband Südwestmetall.

Jubiläum
 Das Familienunternehmen mit Sitz in Rietheim-Weilheim und weltweit fast 10 000 Mitarbeitern gehört zu den global führenden Herstellern von mechatronischen Schalt- und Bediensystemen für Autos und Elektrowerkzeuge. In diesem Jahr feiert es sein 100-jähriges Bestehen.

US-Standorte
 Die Marquardt Gruppe hat ihre erste ausländische Tochtergesellschaft 1981 in Cazenovia im Bundesstaat New York gegründet. In Rochester Hills bei Detroit ist sie mit einem Entwicklungs- und Vertriebsstandort vertreten. Im mexikanischen Irapuato produziert ein Werk vor allem für den amerikanischen Markt.