SAP-Chef Bill McDermott gibt in Walldorf die Marschroute vor: Der Konzern sucht sein Heil im Geschäft mit der Miet-Software Foto: dpa

Geschäftssoftware von SAP soll künftig häufiger im Abo zu mieten sein. In der Jahresbilanz 2014 steuerte das sogenannte Cloud-Computing allerdings erst rund eine von knapp 18 Milliarden Euro zum Umsatz bei. Die wichtigsten Fragen und Antworten, wie SAP seine Zukunft plant.

Stuttgart - Am Dienstag gab SAP die Jahresbilanz 2014 bekannt. Was war die wichtigste Nachricht?
SAP will bis 2020 auch in der Cloud der weltweit größte Anbieter von Firmen-Software sein. Beim Cloud-Computing können die Kunden ihre Geschäftsprozesse gegen eine Abogebühr über SAP-Rechner laufen lassen. SAP stellt sich damit darauf ein, dass die Geschäftssoftware künftig weniger häufig gekauft wird. Dem großen Ziel ordnet SAP alle Arbeitsprozesse unter und verzichtet auf höhere Gewinne.
Warum drängen so viele Unternehmen ins Cloud-Computing?
Weil es derzeit die Art, Geld zu verdienen, radikal verändert. Wer hier nicht dabei ist, könnte künftig außen vor bleiben. Viele Verbraucher kennen das aus eigener Erfahrung: Seit einiger Zeit können sie für eine niedrige Monatsgebühr auf eine riesige Auswahl von Musik- oder Filmtiteln zugreifen, Spotify und Netflix sind zwei der bekanntesten Anbieter. Das macht natürlich CD- und Filmverkäufern zu schaffen. Dieser Trend hat auch Geschäftssoftware erfasst. Auch sie wird weniger oft gekauft, weil es für die Kunden günstiger und billiger ist, diese nur zu mieten. Das entlastet die eigene IT-Infrastruktur, die Ausgaben sind besser zu planen – auch weil die Wartung meist inklusive ist.
Was bedeutet der Trend zur Mietsoftware für SAP?
Europas größter IT-Konzern muss seine Geschäftssoftware einfacher, flexibler und individueller gestalten. Der Internetriese konkurriert dabei mit jungen, wendigen Firmen, die in der Cloud-Welt groß geworden sind, wie dem US-Unternehmen Salesforce.com.
Wie hat SAP bisher reagiert?
Der Konzern hat sich durch Zukäufe vergrößert und verjüngt. 2014 übernahmen die Walldorfer für 8,3 Milliarden Dollar (7,2 Milliarden Euro) Concur. Das US-Unternehmen hat eine Plattform entwickelt, die Firmen und Hotels aus der Geschäftsreisen-Branche vernetzt. Schon in den vergangenen Jahren hat SAP für Milliarden-Beträge Successfactors – einen Anbieter von Personalsoftware – und die Handelsplattform Ariba übernommen. Der Kauf von Concur ist mit ein Grund, dass das Betriebsergebnis 2014 im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent auf 4,33 Milliarden Euro zurückging. In den nächsten Jahren will SAP deshalb aus eigener Kraft seine Position ausbauen und keine größeren Cloud-Unternehmen zukaufen, betonte Finanzvorstand Luka Mucic.
Was sind die Ziele von SAP?
Der Umsatz mit dem Cloud-Geschäft soll sich in diesem Jahr von zuletzt 1,1 Milliarden Euro auf rund zwei Milliarden Euro nahezu verdoppeln. Bis 2020 sollen die Erlöse sogar auf bis zu acht Milliarden Euro wachsen – bei einem Gesamtumsatz von 26 bis 28 Milliarden Euro. Damit würde der Anteil des Cloud-Geschäfts von rund 6 Prozent auf nahezu 30 Prozent wachsen. Dabei hat SAP jüngst vor allem mittelständische Unternehmen im Visier und damit auch den Südwesten Deutschlands. Allerdings sind im Mittelstand die Bedenken, ob die Daten auf den SAP-Servern auch sicher sind, immer noch groß. SAP-Chef Bill McDermott gab sich bei der Präsentation der Jahreszahlen zuversichtlich: SAP wachse im Cloud-Geschäft von allen größeren Mitbewerbern am schnellsten.
Und wie steht es eigentlich um das traditionelle Geschäft?
R/3 – das ist der etwas sperrige Name von SAPs aktueller Software, mit der der Konzern aus Walldorf seit langem die Welt der Geschäftsprozesse dominiert. Sie macht noch immer den Löwenanteil des Umsatzes aus. Zum einen kaufen Firmen Software-Lizenzen im Paket, bevor sie die Programme installieren. Das spült auf einen Schlag viel Geld in die SAP-Kasse – 2014 waren es 4,4 Milliarden Euro. Allerdings ist der Lizenz-Verkauf mit drei Prozent im Vorjahresvergleich rückläufig. Hervorragend läuft das Geschäft mit der Wartung, die die eingekauften Systeme brauchen. Hier nahmen die Walldorfer 2014 rund 9,4 Milliarden Euro ein – sieben Prozent mehr als 2013. Das Problem: Über kurz oder lang wird auch das Geschäft mit der Wartung zurückgehen, weil weniger Lizenzen verkauft werden.
Ist SAP-Software nicht zu kompliziert?
Die neue Einfachheit ist eines der wichtigsten Ziele. „Run simple“ nennt SAP-Chef McDermott das Prinzip. In puncto Nutzerfreundlichkeit wollen die Walldorfer ein klein wenig wie Apple werden: Ein Geschäftsführer soll mit Hilfe von SAP-Software und der Turbo-Datenbank Hana mit seinem Tablet in Echtzeit sein Unternehmen steuern können – und alle Daten dafür mit einigen Klicks parat haben.
Wie reagieren die Anleger auf die Zahlen?
Die SAP-Aktie im Dax fiel im Laufe des Börsentages zeitweise um mehr als fünf Prozent auf unter 55 Euro. Ein Grund ist, dass Bill McDermott einige seiner Prognosen nach unten korrigierte. So soll der Umsatz bis 2017 nur noch auf 21 Milliarden Euro steigen. Noch vor einem Jahr hatte der SAP-Chef 22 Milliarden Euro vorhergesagt. Das Betriebsergebnis werde 2017 nur noch zwischen 6,3 und 7,0 Milliarden Euro liegen. Viele Anleger wollten sich offenbar nicht auf niedrigere Renditen einstellen und machten noch rechtzeitig Kasse.
Und was bedeutet die Neuausrichtung von SAP für die Mitarbeiter?
Sie müssen sich anpassen. Denn die Forcierung des Mietmodells beeinflusst auch das Service- und Wartungsgeschäft, teilweise werden Mitarbeiter anders eingesetzt. Von den rund 17 000 Mitarbeitern in Deutschland sind etwa 300 Stellen betroffen. Ob es dabei auch betriebsbedingte Kündigungen geben wird, ist unklar. Bill McDermott sprach von einem „fortlaufenden Wandel“. Weltweit ist die Zahl der Mitarbeiter gewachsen – vor allem wegen der Übernahme von Concur. Die Zahl stieg um elf Prozent auf 74 400.
Wie amerikanisch ist eigentlich SAP?
Der Trend geht nach Amerika – nicht nur weil Vorstandschef Bill McDermott aus den USA kommt. „Silicon Valley ist für uns eine Inspirationsquelle“, sagt ein Unternehmenssprecher. Dort werden Trends in der Regel schneller geboren und umgesetzt als in Deutschland. Dort sitzen auch die größten Wettbewerber. In puncto Umsatz und Mitarbeiterzahl sind die USA nach Europa für SAP der zweitgrößte Markt.
 
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