Die Wirtschaft im Landkreis Göppingen befindet sich erkennbar auf Erholungskurs. Dennoch sind die Prognosen für das neue Jahr verhalten, denn es gibt zu viele Unwägbarkeiten.
Kreis Göppingen - Die Coronapandemie und ihre Folgen machen den heimischen Unternehmen nach wie vor zu schaffen. Die Wirtschaft befindet sich zwar auf Erholungskurs und startet mit Zuversicht ins neue Jahr, aber die Aussichten im Landkreis Göppingen für das neue Jahr sind zunächst verhalten – nicht zuletzt wegen der bangen Frage, wie sich die Infektionslage entwickelt.
„Nachdem sich im Herbst die Wirtschaft im Filstal weiter auf dem Erholungspfad befand und im dritten Quartal noch relativ robust gewachsen ist, dürfte das vierte Quartal des abgelaufenen Jahres bestenfalls eine Stagnation bringen“, bewertet Gernot Imgart die Lage. Die neuerlichen Beschränkungen vor allem in der Gastronomie und im Einzelhandel und die starke Zurückhaltung der privaten Konsumenten würden im Schlussquartal zu einem spürbaren Rückgang der wirtschaftlichen Dynamik im Kreis führen, befürchtet der Leitende Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Göppingen.
Engpässe im Welthandel belasten Mittelstand und Industrie
Der Mittelstand und die Industrie litten weiterhin unter Engpässen im Welthandel und bei den Vorprodukten. Dabei sei das Filstal wegen der großen Bedeutung der Autoindustrie und der Exportorientierung besonders stark betroffen. Im produzierenden Gewerbe seien aus der Erholungsphase Mitte des Jahres noch ausreichend Aufträge vorhanden, die den starken Einbruch beim Auftragseingang im Herbst kompensieren. Angesichts der Verunsicherung der Verbraucher und des gedämpften Konsums wird sich dieser Trend vermutlich bis ins jüngst begonnene Jahr fortsetzen. Trotz dieser Störfeuer und Engpässe befinde sich die Weltwirtschaft auf einem Erholungskurs, von dem auch die Göppinger Unternehmen profitieren werden, so der IHK-Chef. „In diesem Jahr ist also mit einer Entspannung der Lage zu rechnen, sodass die Wirtschaft im Kreis Göppingen wieder stärker wachsen kann“, sagt Imgart.
Der Göppinger Pressenbauer Schuler teilt diese Einschätzung: „Schuler geht mit einem höheren Auftragsbestand als vor zwölf Monaten in das neue Jahr. Die verschiedenen Strukturmaßnahmen, deren Einsatz das Unternehmen Schritt für Schritt schlanker und agiler gemacht haben, zahlen sich zudem auch unter dem Strich immer mehr aus“, teilt Pressesprecher Hans Obermeier mit. Die Umsatzschwelle, ab der der Göppinger Pressenbauer Gewinne macht, sei seit 2019 deutlich gesunken. „Aber darauf allein wollen wir uns natürlich nicht verlassen“, sagt Obermeier.
Bei Allgaier stehen die Zeichen auf Veränderung
„Schuler soll und kann wieder wachsen. Entsprechende Geschäftsmöglichkeiten ergeben sich unter anderem durch die zunehmende Elektrifizierung unserer Wirtschafts-, Mobilitäts- und Energiestrukturen.“ Der Pressesprecher fügt hinzu: „Neben den angespannten Lieferketten bleibt natürlich die Pandemie für die gesamte Industrie ein Unsicherheitsfaktor“, betont Obermeier.
Beim Uhinger Autozulieferer Allgaier stehen die Zeichen weiter auf Veränderung: „Die Allgaier-Group hat für 2022 die entscheidende Phase der bereits gestarteten Veränderungsprozesse vor sich“, sagt Achim Agostini, Vorsitzender der Geschäftsführung. „Alle wichtigen Optimierungsprojekte sind angestoßen und wir sind auf einem guten Weg.“ Für das erste Halbjahr erwartet Agostini, dass die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten, die durch die Chipkrise, generelle Lieferkettenprobleme und Corona entstanden sind, anhalten werden: „Für den Zeitraum danach erwarten wir eine Normalisierung der Absatz- und Beschaffungsmärkte.“
„Corona stört nach wie vor die Lieferketten
Auch die Logistikbranche startet mit gedämpften Erwartungen ins neue Jahr. „Corona stört nach wie vor die Lieferketten von Industrie und Handel. Erst wenn die Pandemie überwunden ist, besteht die Chance für einen nachhaltigen Aufschwung“, meint Dr. Micha Lege, Geschäftsführer des Geislinger Logistik-Unternehmens Wiedmann & Winz. Drei große Herausforderungen werden die Logistikdienstleister 2022 begleiten: Zum einen Kapazitätsengpässe wegen eines massiven Fachkräftemangels, zum anderen Kostensteigerungen: „Insbesondere die stark gestiegenen Kosten für Diesel und Energie treffen uns mit voller Wucht.“ Dritter Punkt sei der Klimaschutz. Der Geschäftsführer fordert einen globalen Ansatz – „für die Rettung des Klimas. Und die deutschen Unternehmen, die ansonsten im internationalen Wettbewerb unter die Räder kommen“.
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Das Software-Unternehmen Teamviewer will seine Position als globales Technologieunternehmen mit Sitz in Göppingen und führender Anbieter von Software für Fernwartung und die Digitalisierung von Arbeitsprozessen 2022 weiter ausbauen, blickt Pressesprecherin Martina Dier ins neue Jahr. Dabei liege ein besonderer Fokus darauf, die tägliche Arbeit von Mitarbeitern zu erleichtern, die nicht in Büros arbeiten, sondern in Fertigung, Logistik, Qualitätskontrolle oder im Außendienst tätig sind. Dies geschehe durch Software, die auf Mobiltelefonen, Tablets oder Datenbrillen installiert wird. „Insbesondere in diesem Bereich wird Teamviewer weiter an Innovationen arbeiten und dazu beitragen, dass viele Tätigkeiten aus der Ferne durchgeführt oder unterstützt werden können“, betont Dier.
Bankenbranche weiterhin von Umbrüchen geprägt
Aussichten
„Zum Jahreswechsel hat uns wider Erwarten die Coronakrise immer noch fest im Griff“, sagt Lukas Kuhn, Vorstandssprecher der Göppinger Volksbank. Einhergehend mit den zunehmenden stockenden Lieferketten sowie der inzwischen stark gestiegenen Inflationsrate und der von der Europäischen Zentralbank immer noch verfolgten Nullzinspolitik werde die Bankenbranche weiterhin von Umbrüchen geprägt sein, so prognostiziert er. „Die fordernden Rahmenbedingungen sind für uns mittlerweile ein ,New Normal’ geworden“, sagt der Vorstandssprecher.
Regionalität
Daher setze die Volksbank Göppingen die strategische Weiterentwicklung unter Beachtung der Geschäftspotenziale fort. „Als Genossenschaft haben für uns Regionalität, Nachhaltigkeit und das Miteinander einen hohen Stellenwert“, so erläutert Kuhn.