Die Industrie im Kreis Esslingen steht vor Veränderungen. Unsicherheiten und eine schwache Inlandsnachfrage belasten die Unternehmen. Wandelt sich die Region zum Ruhestandsparadies?
Die Stimmung in vielen Unternehmen im Kreis Esslingen ist weiter negativ. Vor allem die für den Standort so prägende Industrie schätzt ihre Lage mit knapper Mehrheit als negativ ein. Bekannte Firmen im Kreis Esslingen beschreiben anhaltende Unsicherheiten im Markt, die Auswirkungen auf die Absatzzahlen haben – und damit auch auf die Beschäftigungspläne von Betrieben. Die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Esslingen-Nürtingen, Vanessa Bachofer, sieht den Wirtschaftsbereich entsprechend vor großen Veränderungen, die aber auch Chancen bieten können. Und entwirft ein mögliches Szenario für die Region: Könnte die sich vom Industriezentrum in ein Ruhestandsparadies entwickeln?
Die vor einigen Wochen erschienene IHK-Konjunkturumfrage hatte für das verarbeitende Gewerbe im Kreis Esslingen einen neuen Tiefpunkt in der Lageeinschätzung gebracht. „Die Rückmeldungen unserer Unternehmen im Kreis sprechen eine eindeutige Sprache“, sagte Vanessa Bachofer. „Von einer Kehrtwende sind wir weit entfernt.“ Die IHK-Bezirkskammer forderte in diesem Zusammenhang klare wirtschaftspolitische Reformen, die Investitionen und Wachstum ermöglichen und die strukturellen Defizite im Land angehen. Und formulierte eine enttäuschte Hoffnung, die mit dem Regierungswechsel in Berlin verbunden war.
Industrie im Kreis Esslingen bekommt schwache Inlandsnachfrage zu spüren
Mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Lage gehört Bachofers eigenes Unternehmen Mack und Schneider – ein auf Kunststofftechnik spezialisierter Betrieb in Filderstadt – eigenen Aussagen noch zu denjenigen, die ihre Geschäftssituation als zufriedenstellend bewerten. „Wir bewegen uns seit drei Jahren seitwärts, wobei in diesem Zeitraum mit Wachstum geplant war.“ Grund sei der verzögerte Hochlauf der Elektrofahrzeuge, vor allem bei deutschen Herstellern. Wachstumsimpulse kämen eher aus anderen Weltregionen.
Ähnliche Aussagen treffen andere Unternehmen aus dem Kreis Esslingen: Im asiatisch-pazifischen Raum sei die Entwicklung positiv, in Amerika stabil, teilt der Neuhausener Sensorspezialist Balluff auf Anfrage mit. Eine schwächere Entwicklung verzeichnet das Unternehmen dagegen in Europa. Pilz konstatiert einen seit über zwei Jahren anhaltend schwachen Auftragseingang im Maschinenbau und damit einen Umsatzrückgang für Automatisierungsunternehmen wie das in Ostfildern.
Unsichere Zukunft: Unternehmen im Kreis Esslingen pessimistisch
Auch mit Blick auf die kommenden Monate sind die Prognosen der befragten Unternehmen eher verhalten bis pessimistisch. „Planungsunsicherheiten und damit verbundene schwankende Kundenabrufe werden auch künftig anhalten“, teilt die Pressestelle des Esslinger Automobilzulieferers Eberspächer mit.
Diese schwächelnden Absätze in vielen Industriebetrieben haben auch Auswirkungen auf die Beschäftigungspläne. Laut der IHK-Konjunkturumfrage vom Herbst erwarten 41,7 Prozent der Befragten Industriearbeitgeber, dass sie künftig weniger Personal haben als bislang. Die Firma Balluff hatte bereits im Januar bekannt gegeben, mehr als 200 Stellen in Neuhausen abzubauen. Eberspächer hat in diesem Jahr mit den Esslinger Beschäftigten einen Ergänzungstarifvertrag abgeschlossen, der betriebsbedingte Kündigungen nur im gegenseitigen Einvernehmen möglich macht, zugleich Einschränkungen des Urlaubs- und Weihnachtsgeldes sowie eine Steigerung der Arbeitszeit vorsieht. Und bei Pilz gibt es weiter Kurzarbeit, außerdem einen Einstellungsstop. Durch natürliche Fluktuation, Vorruhestand sowie ein Freiwilligenprogramm sollen „Stellen in einem niedrigen Umfang reduziert werden“.
Für bestimmte Bereiche suchen einige der befragten Unternehmen aber dennoch weiterhin Nachwuchs und bilden aus. Mack und Schneider beispielsweise im Formenbau. Dennoch hält Vanessa Bachofer es für wahrscheinlich, dass die Industrie ihre Bedeutung zumindest in der jetzigen Form verlieren wird und damit auch Veränderungen im Arbeitsmarkt wahrscheinlich sind. „Damit meine ich, dass die Fertigung großer Stückzahlen in der Region vermutlich verschwinden wird und Platz macht für hochspezifische Produkte und Prozesse, die mit Massengeschäft – und allen Konsequenzen für die Zulieferbetriebe, Dienstleistungs- und Beratungsfirmen – nichts mehr zu tun haben werden.“
Ein mögliches und positives Szenario sieht sie darin, dass die Region zum Forschungslabor, Entwicklungsdienstleister und Manufakturbetrieb werden könnte – und das womöglich „mit einem Schuss Florida“, wie die IHK-Präsidentin sagt. „Wobei ‚Florida’ bedeutet, dass sich der Standort in Richtung Gesundheitswirtschaft und Ruhestandsparadies entwickeln könnte.“ Das biete mit Blick auf die demographische Entwicklung und ihre Folgen für den Arbeitsmarkt auch Chancen. „Dies ist ein mögliches Szenario, welches aus meiner Sicht unter den gegebenen Umständen nicht abwegig erscheint“, sagt Bachofer.