In „Unter der Weinsteige“ schildert Dieter Wieland das Stuttgart Mitte des 20. Jahrhunderts aus der Sicht eines angehenden Künstlers, der sein Leben radikal ändert.
S-Mitte - Die Szenen, die das Leben in Stuttgart-Süd beschreiben, blitzen für ein Buch, das den Titel „Unter der Weinsteige“ trägt, fast schon zu selten auf. Dabei sind es gerade diese Schilderungen, die das Lehenviertel und den Marienplatz in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf humorvolle, ehrliche Weise erlebbar machen. In „Unter der Weinsteige“ beschreibt der Theater- und Dekorationsmaler Dieter Wieland, der lange beim SWR tätig war, die ersten Schritte eines süddeutschen Bohemiens in der Landeshauptstadt. Es ist ein Lebensweg, den er selbst nur zu gut kennt.
Wie Wieland ist auch sein Protagonist Manfred Waldmann in Schwäbisch Hall geboren und aufgewachsen. Dann zieht er nach Stuttgart. Dort will Waldmann sein Leben umkrempeln: Der frühere Bankangestellte hat sich zum Ziel gesetzt, Maler zu werden. Seine Ersparnisse reichen jedoch nur für eine kleine Bruchbude unterhalb der Weinsteige am oberen Ende der Lehenstraße. Sein Geld investiert Waldmann lieber in Malkurse. Er arbeitet, um seinen Lebenshalt zu verdienen als Kontorist bei der kassenärztlichen Vereinigung in Degerloch.
Ein Schloss mit einer Armee aus Ratten
Seinen Schuppen, der er Schloss Lehen nennt, richtet er sich so gut es geht ein. Doch bald stört ein „tosendes Getrappel“ den Schlaf des Künstlers: Eine kleine Rattenarmee hat sich in Waldmanns Schuppen eingenistet. Als die Tiere sich dann auch noch über sein Holzofenbrot hermachen, hat er genug und besorgt sich beim Drogisten in der Filderstraße Rattengift. Der Drogist, ein Stuttgarter Original, weiß so gleich, worum es geht. „Das ist das ärgste Rattenloch dort oben. [...] Als Heslacher kennt man jede finstere Ecke hier im Süden“, belehrt er den Zugezogenen und lässt ihm das gewünschte Giftpäckchen einpacken.
In „Unter der Weinsteige“ reihen sich die Impressionen des Protagonisten aneinander wie Perlen auf eine Schnur – allerdings ist diese Schnur nicht immer ein roter Faden. Da fahren auf der einen Seite noch Kinder auf dem Schlitten den Berg hinab, wenige Zeilen später ist Waldmann dann bei der Familie in Schwäbisch Hall, um ein dröges Weihnachtsfest zu feiern. Er beobachtet kurz die amourösen Verwicklungen seiner Schwester mit einem amerikanischen Soldaten namens Andy, um dann über den neuen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger zu philosophieren. Der Stil kommt nahe an den eines inneren Monologs ohne berichtenden Erzähler.
Aus der Sicht von Manfred Waldmann erfährt der Leser Stuttgart auf eine ungeschönte, subjektive Weise. Von der Gaissmaier-Filiale nahe des Marienplatzes bis hin zum Wachstum des Wohngebiets an der Weinsteige lässt Waldmann an seiner Umgebung teilhaben. Vor dieser Kulisse erlebt der Leser auch, wie Waldmann sich mit Herta, einer Schulfreundin seiner Schwester, anfreundet.
Ein Abschied mit Wehmut
Zunächst träumt Manfred Waldmann noch davon, dass sich Herta ihm als Aktmodell zur Verfügung stellt, so dass der Maler in Ausbildung seine Fertigkeiten verbessern kann. Tatsächlich fragt er sie aber nie. Eines ist ihm nämlich in seinem Schloss Lehen unangenehm genug, wenn die junge Frau zu Besuch ist. „Meine Toilettenlage ist mir direkt peinlich. Ich habe, wenn auch selten genug, so sympathische Gäste, am liebsten weibliche, und muss sie auf meinen grauenhaften Donnerbalken schicken“, lässt Waldmann wissen.
Die Frau, die schließlich sein Schloss Lehen mit ihm teilt, findet Manfred Waldmann jedoch tatsächlich: Rotraud. Doch das Glück unter der Weinsteige währt nicht all zu lange. Nicht weil die beiden sich nicht verstehen. Im Gegenteil, Waldmanns Schloss Lehen steht auf wertvollem Bauland und so muss das Paar umziehen. „Diese Wände, die bald niedergerissen werden, hätten einiges zu erzählen“, verabschiedet sich Waldmann ein bisschen wehmütig.