Geburtstag in Corona-Zeiten. Foto: Zeichnung Peter Ruge

Der Dialekt stirbt aus? Kann schon sein. Aber nicht überall. Auf den Tag genau seit elf Jahren pflegt unsere Zeitung die Mundart in Form einer täglichen, preisgekrönten Kolumne. Der Leser-Zuspruch zeigt: Schwäbisch lebt!

Stuttgart - Am 3. April 2009 ist die erste Folge von „Auf gut Schwäbisch“ erschienen. Es war ein Versuch mit ungewissem Ausgang. Niemand ahnte, welches Schleusentor geöffnet würde. Tatsächlich ergoss sich ein Strom von Leser-Geschichten, -Anekdoten, -Gedichten und -Erinnerungen. Für unsere Redaktion war das Anlass, den ­Leserinnen und Lesern der Stuttgarter Nachrichten und ihrer Partnerzeitungen ein tägliches Forum für die Mundart ­anzubieten.

Albrecht Hartmann aus Schwäbisch Gmünd, „Auf gut Schwäbisch“-Fan der ersten Stunde, führt darüber dankenswerterweise Buch. Folgendes weiß er zu berichten: Mit dem heutigen Tag sind exakt 3324 „Auf gut Schwäbisch“-Kolumnen erschienen. Geht man davon aus, dass in jeder Schwäbisch-Spalte durchschnittlich vier Beitragsschreiber zu Wort kommen, ergibt das die stattliche Anzahl von rund 13 300 veröffentlichen Leserbeiträgen. Die Zahl der Einsendungen insgesamt liegt bei mehr als 20 000.

In Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Belser-Verlag sind daraus neun „Auf gut Schwäbisch“-Kalender hervorgegangen sowie acht „Auf gut Schwäbisch“-Bücher mit einer verkauften Gesamtauflage von mehr als 55 000 Exemplaren. Das jüngste Buch ist im Oktober erschienen. Es trägt den Titel „Die Schwaben und die Welt“. In Zeiten der Corona-Krise eine geradezu exotisch anmutende Lektüre.

Das Bonner Haus der Geschichte ist auf den „Kippensammlerblues“ aufmerksam geworden

Elf Jahre sind eine lange Zeit. Das zeigt auch die Schlagzeile, die am 3. April 2009 auf unserer Titelseite stand: „Ab Frühjahr 2019 wird Stuttgart 21 gebaut“. Den Tiefbahnhof und unsere Dialektspalte verbindet eines: Beide sind noch nicht abgeschlossen. Von einem „Jahrhundertprojekt“ würden wir bei „Auf gut Schwäbisch“ im Unterschied zu Stuttgart 21 jedoch nicht sprechen, auch wenn Landesvater Winfried Kretschmann inzwischen eine eigene Dialektinitiative gestartet hat, bei der übrigens auch „Auf gut Schwäbisch“ Berücksichtigung findet. Das gilt auch für eine geplante Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte, die sich mit den Nachkriegsjahren beschäftigt. Die Ausstellungsmacher sind dabei auf den „Kippensammlerblues“ in „Auf gut Schwäbisch“ aufmerksam geworden; ein Manuskript davon wird bald in Bonn zu sehen sein.

Pausieren muss – Corona-bedingt – einstweilen der beliebte „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch im Zeppelinstüble des Hotels Steigenberger Graf Zeppelin in Stuttgart. Bisher 37-mal waren dort Mundartkünstler zu Gast.

Was bei alledem nicht fehlen darf, ist die Würdigung der vielen Hundert „Auf gut Schwäbisch“-Leserinnen und Leser, ohne die es die Dialektspalte nicht geben würde. Was noch weniger fehlen darf, ist die Erinnerung an jene, die die heutige 3324. Kolumne nicht mehr lesen können.

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