Krebsfälle bei Mitarbeitern der Hochschul-Mensa haben Behörden auf den Plan gerufen. Ein Gutachten ergab eine Schadstoffbelastung, die als ungefährlich gilt – doch es bleiben Fragen.
Hinter den Kulissen der Mensa an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg brodelt es. Nicht in den Kochtöpfen, sondern unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das rund 20-köpfige Team macht sich Sorgen um seine Gesundheit, seit ein Gutachten erhöhte Schadstoffwerte in einem Büro und in den Umkleiden ergeben hat – auch wenn die Werte als ungefährlich eingestuft wurden.
Das Finanzministerium, zu dem der für die PH zuständige Landesbetrieb Vermögen und Bau gehört, hat aufgrund der Messergebnisse Sofortmaßnahmen ergriffen, sieht aber darüber hinaus keinen akuten Sanierungsbedarf. Das zuständige Studierendenwerk betont zudem, dass andere Mensaräume nicht betroffen seien, und warnt ausdrücklich vor Spekulationen über einen Zusammenhang von Schadstoffwerten und Krankheiten.
Wie viele Mitarbeiter sind schwer erkrankt?
Wie unsere Redaktion aus Mitarbeiterkreisen erfahren hat, habe bereits Mitte Februar der Gastronomieleiter verkündet, dass ein Büro umgehend geschlossen werden müsse und die drei Umkleiden nur noch kurzzeitig betreten werden dürften. Außerdem müsse ab sofort verstärkt gelüftet und geputzt werden. Einen Grund dafür habe er zunächst nicht genannt – was die Gerüchteküche anheizte.
Denn offenbar sind zwei Mensa-Mitarbeiter im letzten Jahr innerhalb von acht Monaten an Krebs erkrankt. Über diese beiden Erkrankungen habe das Studierendenwerk Ende vergangenen Jahres Vermögen und Bau informiert, bestätigt Sebastian Engelmann, der Pressesprecher des Finanzministeriums. Deshalb habe man umgehend ein unabhängiges Schadstoffgutachten in Auftrag gegeben.
Laut Informationen dieser Zeitung sind aber nicht nur zwei Mitarbeiter an Krebs erkrankt, sondern insgesamt vier Männer – einer sei nur wenige Jahre in der Mensa beschäftigt gewesen, die anderen 13, 29 und 35 Jahre. Zwei seien inzwischen nicht mehr am Leben. Ob es einen Zusammenhang mit den erhöhten Schadstoffwerten gibt, ist nicht bekannt.
Diese weiteren Fälle sind Engelmann laut eigener Aussage nicht bekannt. Melanie Westphal, die Sprecherin des Studierendenwerks, will aus Gründen des Datenschutzes weder zur Art der Erkrankungen noch zur Zahl der Fälle Auskunft erteilen, verweist aber darauf, dass sich „die im Raum stehenden Krankheitsfälle über einen längeren Zeitraum von mehr als zehn Jahren erstrecken“.
Kein akuter Sanierungsbedarf
Anders als von den Mitarbeitern zunächst vermutet, wurde laut Engelmann bei der Untersuchung keine Asbestbelastung nachgewiesen, obwohl das Material an der PH verbaut wurde. Doch in zwei Räumen im Erdgeschoss, die ausschließlich von den Beschäftigten genutzt würden, habe man erhöhte Werte von polychlorierten Biphenylen (PCB) gemessen – also giftige Chemikalien, die früher als Isolierflüssigkeit oder Weichmacher in Baustoffen verwendet wurden und im Verdacht stehen, krebserregend zu sein.
Die PCB-Belastung in den Mitarbeiterräumen liege „mit 385 Nanogramm bzw. 410 Nanogramm pro Kubikmeter Raumluft über dem sogenannten Vorsorgewert, jedoch deutlich unter dem sogenannten Maßnahmen- oder Eingriffswert von 3000 Nanogramm“, betont Engelmann. Ein akuter Sanierungsbedarf bestehe demnach nicht, und Vorsorgemaßnahmen wie verstärktes Lüften und Reinigen seien sofort angeordnet und umgesetzt worden. Zudem sei das betroffene Büro „vorsorglich verlegt worden“.
Laut Melanie Westphal sind in keinem anderen Mensa-Bereich erhöhte PCB-Werte festgestellt worden. „Sowohl die Küche als auch der große Gastraum wurden vom Gutachter ausdrücklich als unbelastet eingestuft. Der Betrieb der Mensa kann daher uneingeschränkt fortgesetzt werden“, teilt sie mit. Die Raumluftuntersuchung sei zudem nur aus Vorsorgegründen durchgeführt worden. Und: „Die vorliegenden Ergebnisse bieten keine Grundlage für einen kausalen Zusammenhang zwischen einer möglichen Schadstoffbelastung und Erkrankungen. Vor diesem Hintergrund sehen wir von Spekulationen über entsprechende Zusammenhänge ausdrücklich ab.“
Fest steht: Das Umweltbundesamt hat im vergangenen Jahr den sogenannten Gefahrenwert für PCB gesenkt – auf 800 Nanogramm je Kubikmeter Luft. Zur Begründung hieß es, die früheren Grenzwerte entsprächen nicht mehr dem aktuellen Wissensstand und schützten nicht vor gesundheitlichen Auswirkungen – vor allem bei einem Daueraufenthalt in den belasteten Räumen. Das Finanzministerium verweist jedoch darauf, dass die PCB-Richtlinie bisher nicht geändert worden sei und deshalb die höheren Werte als Maßstab gälten.
Werte schwanken je nach Temperatur
Die genannten Messungen in den Mitarbeiterräumen fanden im Winter statt und die dabei gemessenen Werte lagen auch unter dem neuen Gefahrenwert des Umweltbundesamtes – doch dies könnte nur eine Momentaufnahme sein. Denn Wissenschaftler der Materialprüfungsanstalt der Uni Stuttgart haben schon 2005 eine Abhängigkeit der Schadstoffbelastung von der jeweiligen Raumtemperatur festgestellt: „Unter scheinbar vergleichbaren Messbedingungen schwanken die Gehalte an PCB in ein und demselben Innenraum je nach Jahreszeit zwischen 300 und 4000 Nanogramm je Kubikmeter.“
Eine Erhöhung der Temperatur um etwa fünf Grad führe in der Regel zu einer Verdopplung der Konzentration, bei dioxinähnlichen PCBs sei eine Verdreifachung möglich. Und laut einem Mitarbeiter sind die betroffenen Räume im Sommer „eine regelrechte Sauna“. Hinzu kommt: In diesen Räumen wurde auch das dioxinähnliche PCB 118 gefunden. Dieser Chemikalientyp gilt unter Experten als besonders gefährlich. Deshalb galten für PCB 118 eine Zeit lang deutlich niedrigere Grenzwerte.
Sebastian Engelmann sagt, dies sei in dem Gutachten berücksichtigt worden. Und was die Schwankungen der Messwerte je nach Temperatur betreffe, werde ein Jahresmittelwert herangezogen. Eine erste Folgemessung im Frühjahr sei bereits veranlasst, weitere würden folgen. Ziel sei es, durch regelmäßige PCB-Messungen die Wirksamkeit der beschlossenen Maßnahmen zu überprüfen und abzusichern.
„Mensa-Team wurde informiert“
Laut dem Studierendenwerk wurde das Mensa-Team am 18. Februar von der Abteilungsleitung Gastronomie „umfassend informiert“. Fragen und Sorgen seien direkt besprochen worden. Eine Woche später – zwei Tage nach der ersten Anfrage dieser Zeitung – wurde demnach zusätzlich eine große Informationsveranstaltung abgehalten, an der die Führungskräfte sowie die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Personalratsvorsitzende teilgenommen hätten, um Fragen zu beantworten.
Begründet wird dies damit, dass „die Situation bei einigen Mitarbeitenden zu Verunsicherung geführt“ habe. Doch einige machen sich immer noch Sorgen: „Erst wurde voll die Panik gemacht, und dann soll auf einmal alles halb so schlimm sein?“, so ein Mitarbeiter.
Wo kommen PCB vor?
Gebäude
Die als giftig und krebsauslösend eingestuften PCB wurden bis zu ihrem deutschlandweiten Verbot im Jahr 1989 unter anderem in Dichtungsmassen, Isoliermitteln und Kunststoffen verwendet. In Gebäuden sind sie häufig als Weichmacher in Deckenplatten oder Fensterdichtungen zu finden.
Nahrung
PCB haben sich überall auf der Erde ausgebreitet. Sie sind in der Atmosphäre, den Gewässern und im Boden nachweisbar und werden deshalb auch über die Nahrung aufgenommen.