Was ist gute Schule? Das wollen Elternvertreter öffentlich debattieren. Foto: dpa

Die Bildungspolitik im Südwesten empfinden diverse Elternverbände als rückwärtsgewandt und ideologiegetrieben. Der Hauptvorwurf trifft dabei die Kultusministerin Susanne Eisenmann.

Stuttgart - Die Eltern im Land wollen eine Grundsatzdiskussion zur Qualität von Bildung und zur Bedeutung des Leistungsbegriff in der Schule anstoßen. In einer gemeinsamen online-Petition wenden sich der Landeselternbeirat (LEB) und das Elternnetzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg gegen „populistische Parolen und schnelle Schuldzuweisungen“. Sie klagen, „bei Bildung regieren in unserem Land die Stammtische“. Die Petition wurde am Freitag gestartet. Die Elternvertreter verlangen eine offene Diskussion in einer „Zukunftswerkstatt Bildung“ und fordern auf Ebene des Landtags eine Enquete-Kommission zum „Aufbruch Bildung“.

Ulrike Felger, die Sprecherin des Elternnetzwerks sieht die Petition als „ersten Schritt zur Mobilisierung und zur Vernetzung der Eltern“. Für das kommende Jahr würden bereits weitere Aktionen geplant.

Eltern stören sich am „rüden Ton“ der Ministerin

Die Eltern stören sich an der Arbeit des Kultusministeriums und an diversen Äußerungen der Fachministerin Susanne Eisenmann (CDU). Sie greife „in immer rüderem Ton die Eltern an“, klagt der Landeselternbeirat. Die Bildungspolitik werde „leichtfertig zum Spielball von parteipolitischen Strategiespielen und machtpolitischem Kalkül“ gemacht. Das Elternnetzwerk der Gemeinschaftsschulen argwöhnt zudem, die neue Schulart Gemeinschaftsschule werde unterschwellig zur Disposition gestellt. „So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen“, meint Felger. Dem Ministerium mangle es an Tuchfühlung mit der Praxis. Es arbeite „primär oberflächlich und ideologiegetrieben. Das bringt uns nicht voran.“

Leistungskontrolle, Monitoring und Vorgaben von oben nach unten würden nicht funktionieren, sagt Matthias Wagner-Uhl vom Elternnetzwerk. Was fehle, sei die gemeinsame Diskussion über Bildungsqualität. „Dialog statt Dilettantismus“ verlangt das Netzwerk und klagt über „Stillstand und Rückschritt im baden-württembergischen Bildungsgeschehen“ sowie „lähmende Unzufriedenheit bei den Bildungsakteuren“.

Eisenmann setzt sich zur Wehr

Die Kultusministerin hält dagegen: „Wir werden künftig die Unterrichtspraxis am aktuellen Stand der Bildungsforschung ausrichten.“ Bei der Analyse zur Verbesserung der Qualität des Schulsystems würden außerdem Praktiker aus den verschiedenen Schularten und der Lehrerbildung einbezogen. „Wer behauptet, bei der Bildungspolitik regiere der Stammtisch, hat entweder einige Diskussionen verschlafen oder will Tatsachen schlicht nicht wahrhaben“, kontert Eisenmann.

Sachlichen und respektvollen Umfang verlangt die Ministerin ihrerseits von den Elternvertretern. Dass die Gemeinschaftsschulen nicht ausreichend unterstützt würden, treffe nicht zu. „Alle Schularten werden in ihrer Weiterentwicklung unterstützt“, betont die Ministerin. „Doch klar ist, es gibt keinen Grund für eine Extrabehandlung.“

Die Eltern von Gemeinschaftsschülern zeigen sich seit längerem irritiert über das Ministerium. Zu neuer Verunsicherung hat eine Debatte über die gymnasiale Oberstufe beigetragen. Das Ministerium hat Oberstufen für die Gemeinschaftsschulen in Tübingen und Konstanz genehmigt. Irritationen traten auf, weil das Ministerium eine Kabinettsvorlage zum Thema für den kommenden Dienstag zurückgezogen hat. Offenbar sind Differenzen zwischen Grünen und CDU über die Ausgestaltung der Oberstufen noch nicht ausgeräumt.

Differenzen zwischen Grünen und CDU

Die CDU will einem Sprecher zufolge, dass die zweite Fremdsprache in der Oberstufe von Gemeinschaftsschulen fortgeführt werden muss. Die Grünen wollten die Möglichkeit einräumen, dass die zweite Fremdsprache abgewählt werden kann. Das ändere aber nichts daran, dass die Oberstufe an Gemeinschaftsschulen komme, versicherte der Sprecher. Eine Debatte darüber sei unnötig. Er verwies auf den Koalitionsvertrag, in dem Grüne und CDU Oberstufen an bis zu zehn Gemeinschaftsschulen zusichern, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind.

Die SPD, die zu ihrer Regierungszeit Gemeinschaftsschulen stark gefördert hat, verlangt mindestens hundert zusätzliche Lehrerstellen für Gymnasiallehrer an Gemeinschaftsschulen. Die Dialogbereitschaft Eisenmanns bezeichnet Stefan Fulst-Blei, der Bildungsexperte der SPD, als „absolut ungenügend“.

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