Ein Jahr lang schraubten die Studenten rund um die Uhr an den benzin- und elektrobetriebenen Vierrädern, die nun ins Rennen gehen. Foto: Max Partenfelder

Ein Jahr lang schraubten Studenten an benzin- und elektrobetriebenen Wagen, die nun bei internationalen Wettbewerben ins Rennen gehen. Spätestens am 17. Juli in Ungarn, wenn die Boliden Asphalt unter die Reifen bekommen, zeigt sich, ob der Einsatz gelohnt hat.

Vaihingen - Langsam verdunkeln sich die Lichter im Wilhelm-Bader-Hörsaal am Pfaffenwaldring, und das Gemurmel verstummt. Nicht etwa, weil ein prominenter Gastdozent erwartet wird, nein, stattdessen ziehen drei verhüllte Objekte die interessierten Blicke der Zuschauer auf sich.

Alljährlich präsentieren die beiden hauseigenen Rennställe der Universität Stuttgart ihre neu entwickelten Boliden, die auch dieses Jahr an vier internationalen Wettbewerben teilnehmen werden. „Roll-Out“ nennt man das Event in der Rennsportszene, auf das Motorsportfans ziemlich heiß sind. Das ist in etwa so, als würden Spieler der Nationalelf das neue Heimtrikot vorstellen, kurz bevor es auf den Rasen geht. Hier handelt es sich jedoch um drei Streitwagen aus dem Hause Rennteam- und Greenteam Stuttgart, die von Planen bedeckt, geheim gehalten werden.

Keine Zeit für Nervosität

Ein Jahr lang schraubten die Studenten rund um die Uhr an den benzin- und elektrobetriebenen Vierrädern. Nahmen dafür extra ein Urlaubssemester, währenddessen das Studium auf Eis lag. Doch von Urlaub keine Spur. „Die Müdigkeit überwiegt, und lässt kaum Raum für Nervosität“, sagt der Teamleiter des Rennteams Stuttgart, Dennis Schmid, im Vorfeld der Veranstaltung. Dann ist Showtime.

Die Planen gleiten von den Frontflügeln, und Applaus schallt durch den Saal. Neben den zwei klassischen Rennwagen die von einem Piloten gesteuert werden, ersetzt eine Kamera die Arbeit im Dritten Monocoque. „Driverless“, also kein Fahrer, nennt man die neue Disziplin der Rennserie Formula Student. „In der ersten Runde zeichnet die Kamera die Strecke auf, und gibt dem Fahrzeug somit den Weg vor“, erklärt Christian Willig, der Leiter des Greenteams. „Der Rennwagen kann sich dann autonom durch den Kurs manövrieren.“ Die Tesla-Technik aus dem Santa Clara Valley in Kalifornien ist auch in Stuttgart angekommen. „Dafür nehmen wir das elektrobetriebene Fahrzeug aus dem Vorjahr und bauen es so um, dass die notwendige Technik darin Platz findet“, sagt Willig.

Ein guter Ruf will verteidigt werden

Nach dem „Roll-Out“ ist vor dem ersten Rennen, und es gilt, einen Ruf zu verteidigen: In der vorigen Saison gewann der Benziner drei von vier Wettbewerben und landete am Ende auf Platz eins der Weltrangliste. „Das letztjährige Team hat die Messlatte hoch angesetzt. Da gilt es anzusetzen“, so Teamleiter Schmid. „Trotz eines Fahrwerkbruchs in Österreich, was zu Punktabzug führt.“

Hier geht es nämlich nicht nur um die Frage, wer als Erster die Ziellinie hinter sich lässt, sondern auch um das Wie. Konzeption, Fahrwerk, Aerodynamik, Elektronik und viele weitere Elemente, gehen in die Gesamtwertung mit ein. Der Stromer hingegen belegt Platz 5 und ist außerdem Weltrekordhalter für das am schnellsten beschleunigende Elektrofahrzeug: Von null auf 100 in 1,779 Sekunden.

Messlatte liegt hoch

Auch der fahrerlose Rennwagen landete in den vergangenen drei Jahren immer innerhalb der ersten zehn Plätze. Wem die Formel 1 zu trivial erscheint, der findet in dieser Rennserie eventuell die erwünschte Abwechslung. Anstatt sich direkt auf der Strecke zu duellieren, fahren die Piloten, je nach Qualifizierung, in der Formula Student nach einer bestimmten Reihenfolge und versuchen, das bestmöglichste Ergebnis zu erzielen.

Um die Rennfahrer zu ermitteln, die im Endeffekt das Steuer in der Hand halten, fährt jedes Teammitglied in einem Cart-Rennen gegeneinander. „Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe“, erklärt Dennis Schmid, „Es ist eine tolle Teambuilding-Maßnahme, und man ermittelt den besten Fahrer aus dem Team.“

Die diesjährige Rennsaison ist somit eingeläutet, und nun wird sich herausstellen, ob all die Zeit und harte Arbeit mit einer guten Wettbewerbsplatzierung belohnt wird. Spätestens am 17. Juli in Ungarn, wenn die Rennwagen Asphalt unter die Reifen bekommen, und der Adrenalinspiegel steigt.

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