"Der reichste Mann ist immer der, der die mächtigsten Freunde hat" – diesen Spruch postete Nermin Culum, Bruder des Rotlicht-Bosses Armin Culum, auf Instagram. Doch die mächtigen Freunde halfen ihm offenbar nicht in jeder Lebenslage. Und nun?
Villingen-Schwenningen - Als im August für Nermin Culum an der Grenze zwischen Kroatien und Bosnien die Handschellen klickten, ging es für den Rocker aus Villingen-Schwenningen hinter Gitter.
"Brüder, wir stehen zusammen. Wir fallen zusammen." Noch im Januar 2017 zeigten sich die bosnischen Brüder unzertrennlich auf einem Bild bei Instagram. Heute muss Nermin da wohl erstmal alleine durch.
Ein Leben in Saus und Braus
Neben seinem Bruder, dem Präsident der zwischenzeitlich verbotenen Gruppierung United Tribuns, zählt Nermin Culum zu einem der einflussreichsten Köpfe der gefürchteten Gang – er gilt als "Welt-Präsident" der United Tribuns. 13 Jahre lang waren die Culum-Brüder untergetaucht. In ihrem Heimatland Bosnien-Herzegowina hatten sie sich der deutschen Justiz bis dato erfolgreich entzogen.
Währenddessen führten sie offenbar ein Leben in Saus und Braus. Ihre Accounts in den sozialen Medien sprechen Bände: Nermin Culum wie er – den Schriftzug "Tribuns" einmal stattlich über den ganzen Bauch tätowiert – Gewichtscheiben hebt und die Brustmuskeln zucken lässt. Zwischen teuren Karossen vor der Villa in seiner bosnischen Heimatstadt posierend. An Bord einer Luxusjacht. Am Steuer dicker Autos, den Fokus der Handykamera bei rauschender Fahrt und Tempo 287 auf den Tacho gerichtet – eine austauschbare Szene, einhändig auf dem Sattel seines Motorrads oder auf dem Jetski. Culum, wie er ein lebendes Babykrokodil fast wie sein Haustier präsentiert. Champagnerflaschen en masse, goldene Armbanduhren, schöne Frauen, Partys.
Zu einer überraschenden Wendung kam es im August 2022: An der Grenze zu Kroatien, dem Grenzübergang Hrvatska Dubica, gerade einmal eine Autostunde von seinem Wohnort Sanski Most entfernt, wurde Nermin Culum festgenommen. Ein internationaler Haftbefehl, den die Schweiz angestrengt hatte, führte die Fahnder offenbar zum Erfolg. Nermin Culum landete in Auslieferungshaft in Zagreb.
Neue Möglichkeiten für die Ermittler
Brisant ist diese Festnahme auch vor dem Hintergrund der Ereignisse in den vergangenen zwei Wochen in Deutschland: Hier wurde zur Zerschlagung des Reichs der United Tribuns ausgeholt – Durchsuchungen, weitere Festnahmen bis hin zum Verbot der Rockergruppierung durch die Bundesinnenministerin Nancy Faeser und der Beschlagnahmung des Vereinsvermögens. Für die Ermittler geht die Arbeit damit erst richtig los: Auf einmal sind Vernehmungen im ganz großen Stil möglich, Puzzleteile können aneinander gefügt werden, um ein Bild dessen zu ergeben, wofür die United Tribuns während mehr als einem Jahrzehnt bekannt gewesen sind. Das Dickicht schien bislang undurchdringlich – Drogenhandel, Zwangsprostitution, Menschenhandel, jede Menge Gewalt, getragen von einem Netzwerk der Rockergruppierung im Untergrund, über Staatsgrenzen hinweg.
Seit 34 Tagen hinter Gittern
Können nun auch Resultate aus Nermin Culums Festnahme in diese Arbeit einbezogen werden? Wie groß die Sorge vor möglichen weiteren Hintermännern auch nach Zerschlagung der United Tribuns noch immer ist, wird im Zuge der Recherche deutlich. Die Schweizer Behörden geben sich trotz des bisherigen Ermittlungserfolgs zugeknöpft.
Der Mediensprecher der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau, Adrian Schuler, bestätigt auf Anfrage unserer Redaktion lediglich, "die weiterhin andauernde Haft" von Nermin Culum. Folglich sitzt dieser nun seit 34 Tagen in Haft. Ob er zwischenzeitlich angesichts des von dort angestrengten Haftbefehls an die Schweiz übergeben worden ist, wollte der Mediensprecher aber "aus sicherheitstechnischen Gründen" nicht bestätigen. Es gelte, Fluchtmöglichkeiten zu minimieren, "aber auch Schutz der beschuldigten Person selbst" beizutragen, lässt Schuler wissen.
Hand in Hand gegen internationales Verbrechen
Die internationale Zusammenarbeit ist komplex, es gibt sogar eine eigene Bundesbehörde, das Bundesamt für Justiz, Abteilung internationale Rechtshilfe, kennt die Abläufe bei Auslieferungsfällen. Die Auslieferung, also die "zwangsweise Übergabe einer gesuchten Person" zum Zweck der Strafverfolgung oder der Strafvollstreckung, ist an viele Voraussetzungen geknüpft. Wird die Person im Ausland verhaftet, kann um ihre Auslieferung "ersucht" werden, damit die Strafuntersuchung zu Ende geführt werden kann und sich die Person vor Gericht für ihre Delikte verantworten muss. Trotz internationaler Zusammenarbeit aber richtet sich das Auslieferungsverfahren im Ausland nach dem jeweiligen Landesrecht.
Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist die Schwere des Delikts. Das Europäische Auslieferungsübereinkommen sieht beispielsweise eine Auslieferung dann vor, wenn die Tat mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr Freiheitsentzug bedroht ist. Zudem muss die Handlung des Täters in beiden Staaten strafbar sein. Wird ein Straftäter gleich von verschiedenen Staaten gesucht, kann die Auslieferung an alle Staaten bewilligt werden – ob gegen Nermin Culum neben dem internationalen Haftbefehl, den die Schweiz veranlasst hat, noch weitere Fahndungen liefen, wollten die Behörden in der Schweiz sowie in Deutschland aus ermittlungstaktischen Gründen nicht preisgeben.
Neue Identitäten
Öffentlich geworden war lediglich der internationale Haftbefehl gegen seinen Bruder Armin Culum. Dieser war ergangen, nachdem sich der Rotlichtkönig aus VS im Jahr 2009, kurz vor einer Razzia der Behörden in seinen Räumen und Bordellen, ins Ausland abgesetzt hatte. Doch die deutschen Behörden dürften in ihrem Ansinnen nicht die einzigen sein, die danach dürsten, die United-Tribuns-Präsidenten und ihr Gefolge auf Anklagebänke in ihren Gerichtssälen zu sehen: Laut internationalen Medienberichten, unter anderem in den Niederlanden, sollen Armin Culum (auch Almir Culum genannt) und sein Bruder Nermin mit dem Drogen-Kartell "Tino und Dino" und damit einem der größten weltweit kooperieren – die Drogenspur reicht bis nach Südamerika, und mittels in Bosnien beschaffter neuer Identitäten als Denis und Damir sollen sogar die beiden Boxer-Brüder aus VS 2018 dorthin gereist sein. Die Drug Enforcement Administration aus den USA, Europol und die Justizbehörde der Europäischen Union sollen an den Ermittlungen um das Drogenkartell beteiligt sein, das für etwa ein Drittel der südamerikanischen Kokainimporte nach Europa verantwortlich sein soll.