Das Innenministerium hat die in Villingen-Schwenningen 2004 gegründete Rocker-Organisation verboten. Bricht das Imperium des Rotlicht-Königs Armin Culum, besser bekannt als Boki, jetzt zusammen?
Schwarzwald-Baar-Kreis - Auf manchem Video von Boki und seinem Gefolge schaut es aus, als wollten sie nur spielen: Sie präsentieren dicke Autos mit lauten Motoren, posieren mit ihren schwarz-weißen Kutten, tragen bergeweise Muskeln protzig zur Schau und filmen sich gegenseitig beim Box-Training, um die Bewunderung ihrer Fans zu kassieren.
Proletenhaft applaudiert die Menge dann in den sozialen Netzwerken – "Bester", "WTF...", "Alter, wenn das nur das Training ist..."
Alles andere als ein Spiel
Tatsächlich aber ist es alles andere als ein Spiel und auch von einer harmlosen Bruderschaft, ein Eindruck den sie gerne erwecken möchten, sind die Tribuns um den Gründer und Kopf Armin Culum aber weit entfernt – hinter den Kulissen geht es zur Sache. Seit Jahrzehnten geraten die United Tribuns als schwerstkriminelle Bande in die Schlagzeilen. Manchmal, wenn sich eine ehemalige Zwangsprostituierte unerkennbar vor die Fernsehkameras wagt oder Vertreter von Hilfsorganisationen im Hintergrund aus dem Nähkästchen plaudern, dann kommt Unglaubliches zum Vorschein: Sexsklavinnen, erniedrigt bis zum Geht-nicht-mehr, systematisch zur Prostitution gezwungen, "bis man nichts mehr reinbringt", erzählte eine von ihnen, die unerkannt bleiben wollte, im Fernsehinterview. Nicht nur in Bokis Bordell in Villingen, sondern vielerorts. Von Demütigung, Gewalt, Ausbeutung und Psychoterror bis hin zur Gehirnwäsche berichten Prostituierte, denen der Ausstieg gelungen ist und die nun mit neuer Identität in der Fremde leben.
Mit dem Kissen überm Kopf im Wald
Wer alt und verbraucht geworden war oder nicht spurte? "Dann wurdest du halt geschlagen", und dabei sollte man am besten "nicht laut sein", andernfalls sei ihnen der Mund zugehalten oder ein Kissen über den Kopf gezogen worden. Und notfalls sei man eben in den Wald gefahren worden, "da kannst Du so laut schreien wie Du willst", habe man zu ihnen gesagt. Ihrer »Pflicht« sollen die Frauen in diversen Bordellen nachgegangen sein, unter anderem sollen die Gebrüder Culum in Villingen damals das »Laufhaus« und das »La Notte« in Schwenningen betrieben haben.
Jetzt aber sind es die Tribuns selbst, die herbe Schläge einstecken müssen: Eine große Razzia in vier Landkreisen am Dienstag – nur einen Tag später, am Mittwochmorgen, ploppen weitere Meldungen über Durchsuchungen auf: In Köln, Wuppertal, Düsseldorf, Remscheid und Mettmann gehen die Fahnder in den frühen Morgenstunden gegen die Rocker, Zuhälter und Drogendealer vor. In neun Bundesländern laufen parallel Durchsuchungen. Alleine in Nordrhein-Westfalen wird am Mittwochmorgen laut Medienberichten in 40 Objekten, darunter Vereinsheime genauso wie Privatwohnungen, alles auf Links gedreht.
Jetzt: der Gegenschlag
Doch die wohl gravierendste Maßnahme kommt ganz ohne Prellbock und Türsprengung aus: Die SPD-Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat am Mittwochmorgen offenbar einen weitreichenden Beschluss gefasst, der lange schwelte, und die rockerähnliche Gruppierung "United Tribuns" verboten. Das Vereinsvermögen sei beschlagnahmt "und unterliegt der Einziehung" – der Gesamtverein sowie 13 Chapter als Teilorganisationen würden aufgelöst. 100 Mitglieder in Deutschland sollen davon betroffen sein – zwei, die es ganz sicher sind: Armin Culum und sein Bruder Nermin, die beiden Köpfe der United Tribuns, die sich vor 13 Jahren, nachdem sie Wind von einer bevorstehenden Durchsuchung bekommen hatten, in ihr Heimatland Bosnien abgesetzt und der Deutschen Justiz entzogen hatten. Ende August ging Nermin Culum den Fahndern an der Grenze zu Kroatien und damit auf EU-Boden ins Netz.
Nancy Faeser erklärt ihre Motivation zum Verbot folgendermaßen: "Rockerkriminalität ist von großer Brutalität geprägt. Auseinandersetzungen im Rockermilieu gefährden immer wieder völlig unbeteiligte Menschen. Mitglieder der Gruppierung ›United Tribuns‹ haben schwerste Straftaten begangen: Sexualstraftaten, Menschenhandelsdelikte und versuchte Tötungsdelikte. Deshalb habe ich heute die Gruppierung ›United Tribuns‹ verboten."
Die Gefahr
Von dem Verein gehe eine "schwerwiegende Gefährdung für individuelle Rechtsgüter und die Allgemeinheit aus". Im Kampf mit konkurrierenden Rocker- und rockerähnlichen Gruppierungen sowie anderen Organisationen sei es zu teilweise schwersten Straftaten gekommen – vor allem die Fehde zwischen den United Tribuns und den Hells Angels sorgte in der Vergangenheit immer wieder für Zündstoff. Zwangsprostitution, Menschenhandel, Betrugs- und Drogendelikte, den Tribuns wird vieles zugeschrieben – mit dem Verbot sollen sie in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Thüringen seit Mittwochmorgen, 6 Uhr, Geschichte sein.
Und auch die in VS so häufig gesehenen, schwarz-weißen Kutten müssen per Gesetz verschwinden: Die Kennzeichen der United Tribuns dürfen ab sofort "weder verbreitet noch öffentlich oder in einer Versammlung verwendet werden", dem Verein und seinen Teilorganisationen sei jede Tätigkeit in Deutschland untersagt.
Info: Die Geschichte der United Tribuns
Die Wiege der United Tribuns steht in Villingen-Schwenningen – hier ist es der ehemalige bosnische Boxer Armin Culum, der auf viele Namen hört, unter anderem auf Almir Culum, Boki, aber auch als Rotlicht-König von VS gerühmt worden ist, und der infolge des Bosnienkriegs nach Deutschland kam, der den Anfang macht. Als Türsteher im Großraum Villingen-Schwenningen begann seine Laufbahn, doch bald schon soll er das Rotlichtmilieu für sich entdeckt und mit der Eröffnung zweier Bordelle gemeinsam mit weiteren Türsteherkollegen geprägt haben.
Waren bis dahin die "Black Jackets" im Landkreis vorherrschend, erreichten die United Tribunes in der Szene bald Kultstatus und wurden sie letztlich sogar laut Innenministerium "zu einer der mächtigsten und mitgliederstärksten Gruppierungen in Deutschland". Dank reichlich Testosteron und Muskelbergen lässt sich ihr Hang zu Kampfsport und Bodybuilding zwar belegen, eine Bruderschaft, wie sie glauben machen wollten, sind die United Tribunes aber nicht. "Tatsächlicher Zweck der ›United Tribuns" ist es jedoch, einen Machtzuwachs innerhalb des Rockermilieus anzustreben und dies regelmäßig auch mit Gewalt, insbesondere gegenüber anderen Rocker- beziehungsweise rockerähnlichen Gruppierungen, durchzusetzen. Mitglieder und Führungspersonen der United Tribuns begehen teils erhebliche Gewaltdelikte", fasst das Ministerium die Motivation zusammen.
Erkennbar sind die Tribuns durch verschiedene Aufnäher auf ihren Kutten, so genannte Patches. Der wohl bekannteste zeigt zwei muskelbepackte Arme mit Händen, zum Gruß verschränkt.