Eine Veranstaltung in der Aula der Universität Tübingen, vermutlich 1937 Foto: Universität Tübingen

Als erste Hochschule nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft konnte die Universität Tübingen im August 1945 den Lehrbetrieb teilweise wieder aufnehmen – um den Südwesten Deutschlands in eine demokratische Zukunft zu führen, hofften Vertreter der französischen Besatzungsmacht.

Tübingen - Das Museum der Universität Tübingen beherbergt große Schätze: Die etwa 38 000 Jahre alten Elfenbeinfigürchen aus der Vogelherdhöhle bei Heidenheim im Schloss Hohentübingen zählen zu den ältesten bekannten Kunstwerken der Welt. Im Rittersaal sind Gipsabgüsse antiker Objekte zu bewundern, die das Institut für Klassische Archäologie Anfang des 19. Jahrhunderts zu sammeln begann. In dem lichtdurchfluteten Saal mit Götterstatuen, mythischen Wesen, griechischen Dichtern und römischen Kaisern fallen derzeit aber vor allem sechs schwarze begehbare Würfel auf. Wer sie betritt, wird mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte konfrontiert – dem Nationalsozialismus. Siebzig Jahre nach dem Ende der Gewaltherrschaft beleuchtet das Museum, welche Rolle die Universität Tübingen in dieser Zeit spielte.

„Tübingen war die deutsche Universität, die nach der Einführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1933 die wenigsten jüdischen Mitarbeiter entließ“, sagt Ernst Seidl, Direktor des Museums. Allerdings nicht, weil sich die Hochschule gegen die Weisung der Nazis gestellt hätte, die wenige Wochen nach ihrer Machtübernahme jüdische und politisch missliebige Beamte aus dem Staatsdienst zu entfernen begannen. Sondern weil es an der 1477 gegründeten Hochschule schon zuvor kaum jüdische Gelehrte – und Studenten – gab. Antisemitismus und nationalkonservative Tendenzen seien an der Universität bereits früher verbreitet gewesen – unter Professoren wie Studenten, so Seidl. Am 30. Januar 1933, dem Tag, als Reichspräsident Paul Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannte, zogen dessen Anhänger in Scharen mit Fackeln durch die Stadt.

Zur Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten gehörte auch die Entmachtung der Universitäten. Innerhalb weniger Monate wurden die Selbstverwaltungsgremien ihrer Rechte enthoben, aus der Ordinarienuniversität wurde eine strikt hierarchische Führeruniversität. Bei der Ernennung des Rektors hatten nicht mehr die Professoren, sondern das Reichserziehungsministerium das letzte Wort. Am deutlichsten zeigte sich Hermann Hoffmann in der Rolle als Führerrektor. Der Neurologe und Psychiater, der 1936 aus Gießen an den Neckar kam und 1937 Rektor wurde, ließ sich in SA-Uniform und mit Kampfbinde, mit SA-Standartennummer und Auszeichnungen aus erstem Weltkrieg und von den Nazis für die Rektoren-Galerie der Universität porträtieren.

Gefördert wurden Wissenschaften, die der Nazi-Ideologie dienten

Der Tübinger Historiker Hans-Joachim Lang hat untersucht, wie sich die Universität unter den neuen Machthabern zu einer Mustereinrichtung der Nazis entwickelte. Im Inventarbuch des Instituts für Biochemie ist am 18. März 1933 die Anschaffung einer Hakenkreuzfahne vermerkt. Um die Hochschule auf nationalsozialistischen Kurs zu bringen, berief das württembergische Kultministerium den Germanisten Gustav Bebermeyer im April 1933 zum „Beauftragten mit besonderen Vollmachten an der Universität“. Alle jüdischen und politisch nicht genehmen Wissenschaftler wurden vertrieben, Studenten jüdischer Abstammung wurden aus der Hochschule gedrängt mit der Begründung, dass sie ohnehin keine Arbeit bekämen.

Gefördert wurden die Wissenschaften, die der Nazi-Ideologie dienten. 1934 richtete Tübingen als erste Universität einen Lehrstuhl für Rassenkunde ein, zehn Jahre zuvor war bereits eine Gesellschaft für Rassenkunde gegründet worden. Dort sollten zum einen die menschlichen „Rassen“ und ihre Abstammung erforscht, zum anderen Personen herausgefiltert werden, die aus Sicht der Nazis „erbbiologisch minderwertig“ galten und aus dem „Volkskörper“ ausgeschieden werden sollten. Unter anderem dienten die von Mitarbeitern des Instituts angelegten Karteien von 1943 an für die Deportation von Sinti und Roma ins Konzentrationslager Auschwitz. Gefragt war auch Forschung, die im Blick auf Krieg nützlich erschien. So widmeten sich Botaniker der Züchtung von Sojabohnen, um das Land autark zu machen, Physiker strebten nach einer „deutsche Physik“, in Abgrenzung zu Albert Einstein.

Das Thema Rasse und Volk beschäftigte nicht nur die Naturwissenschaften. Ahnenforscher wollten nachweisen, dass die klassische Antike der Kultur der Arier beziehungsweise Germanen nachfolgt und diese die älteste Kultur des Abendlandes seien. Ein riesiger Bücherturm ließe sich errichten mit pseudowissenschaftlichen Veröffentlichungen, die sich von 1933 bis 1945 mit Themen wie Rasse und Charakter, Rasse und Religion oder Rasse und Unterkiefer befassten. Die Volkskundler schufen ein „Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers“. Die 300 Schallplatten schenkte der Reichsbund der Deutschen Beamten Hitler 1937 zum 48. Geburtstag. Der gab einen Teil des Werks zurück. Die Platten sind ebenso erhalten wie Mikroskope oder Stühle, die mit Hakenkreuzen versehen wurden.

Die Aufarbeitung erst in den 60er Jahren

Tübingen startet nach Kriegsende als erste deutsche Uni mit dem Lehrbetrieb

Nicht verwirklicht hingegen wurden die Pläne von Robert Wetzel. Der Mediziner und NS-Dozentenführer wollte die Universität mit damals etwa 2200 Studenten deutlich ausbauen. Mit zusätzlichen medizinischen und naturwissenschaftlichen Forschungsstätten außerhalb des damaligen Stadt­gebiets sollte Tübingens Uni Anschluss an größere wie München und Berlin schaffen. Dennoch galt sie Tübingen - als Vorzeigeuniversität.

Als die Franzosen im April 1945 in Tübingen einmarschierten, konnte das Sommersemester nicht wie geplant beginnen. Doch bereits am 20. August 1945 startete Tübingen als erste deutsche Universität wieder mit dem Lehrbetrieb nach Kriegsende. Zunächst durften allerdings nur die evangelische und die katholische Fakultät mit 400 Studenten wieder lehren. Mitte Oktober folgte dann die vollständige Wiedereröffnung.

Eine treibende Kraft war der spätere SPD-Politiker Carlo Schmid, der in den 20er Jahren in Tübingen Rechtswissenschaften studiert hatte. Der Sohn eines Deutschen und einer Französin hatte rasch das Vertrauen der französischen Militärregierung gefunden. In einer ersten Entnazifizierungswelle wurden etwa 40 Hochschullehrer entlassen, bis September folgten weitere 119, die der NSDAP oder ihren Unterorganisationen angehörten. In den folgenden Jahren gelang jedoch vielen die Rückkehr an die Hochschule.

Die Aufarbeitung beginnt erst in den 60er Jahren

Eine Aufarbeitung der unrühmlichen Vergangenheit fand zunächst nicht statt. Erst in den 60er Jahren hakten Studenten nach, nachdem das Porträt von Rektor Hoffmann in SA-Uniform wiederaufgetaucht war. An der Universität selbst begann die Auseinandersetzung 1977 mit der Publikation „Hochschule und Nationalsozialismus“, weitere Veröffentlichungen folgten.

Wie vieles aber noch immer im Verborgenen schlummert, wurde manchem klar, als 2009 in den Beständen des ehemaligen Rassenkundlichen Instituts rund 600 Handabdrücke von Juden aus dem Ghetto von Lodz entdeckt wurden. Die hatte der ehemalige Tübinger Wissenschaftler Hans Fleisch­hacker 1943 ausgewertet. Damit wollte der Anthropologe und SS-Obersturmbannführer in seiner Habilitation „die rassische Sonderstellung“ der Juden nachweisen. Auch Fleischhacker arbeitete später wieder an den Universitäten Tübingen und Frankfurt.

„Als Museum wollen wir, dass die Sachen aus den Regalen und Archiven herauskommen“, sagt Museumsdirektor Seidl. „Wir möchten, dass die Geschichten bekannt werden.“ Und auch die Opfer in den Blick kommen. Eines von ihnen ist der Stuttgarter Arzt Cäsar Hirsch, der in Tübingen studiert hat. 1933 flieht er in die USA. Seine wertvolle Bibliothek wird von der Gestapo beschlagnahmt und 1940 für 1000 Reichsmark der Universitätsbibliothek Tübingen überlassen. 1999 stieß Historiker Lang eher zufällig auf die Bände und forschte nach. Nachfahren Hirschs haben die wertvollen Bücher inzwischen zurückerhalten. Cäsar Hirsch selbst hat sich 1940 das Leben genommen.

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