Die herausragende Christine Binder spielt die versoffene Mama Norma. Foto: Martin Bernklau

Die Uni-Theatergruppe bringt Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“ auf die Bühne.

Stuttgart-Plieningen - Es geht hoch her unter den Wolkenkratzern Manhattans. Und es geht bei Woody Allen, mit dem unvergleichlichen jüdischen Witz, tief hinab in die Seelen dieser New Yorker Künstlerszene. Seinen Oscar-Film „Hannah und ihre Schwestern“ hat Jürgen von Bülow mit seiner Theatergruppe der Uni Hohenheim auf die Bühne des Euroforums gebracht. Am Samstagabend war die Premiere der geistreich rasanten Tragikomödie.

Ein bisschen abgedreht sind sie natürlich alle. Aber Hannah ist das Gutchen unter den drei Schwestern. Sie hilft der koksenden Holly immer mal wieder mit dicken Dollars aus. Auch die anspruchsvolle Lee, als Anonyme Alkoholikerin zur Muse und zum blöden Püppchen des Malers Frederick abgesunken, kann sich bei ihr anlehnen. Sogar für die Mama, altgeil und versoffen, und für den gockelig blasierten Dad hat sie noch viel zu viel Verständnis. Nach dem Ende ihrer Ehe mit dem Gagschreiber Mickey – einem Selbstporträt Woody Allens – versucht Hannah den Literaten Elliot glücklich zu machen.

Kein Zuschauer stürzt in Verwirrung

Thanksgiving ist das amerikanische Familienfest schlechthin. Wie sich das hochneurotische Familien-Netz immer auf dieses traditionelle Beisammensein hin verwickelt, verquirlt und verquickt, das ist nicht so einfach darzustellen, zumal Woody Allen im Film auch mit Rückblenden und Parallel-Schnitten arbeitet. Aber Jürgen von Bülow hat das mit seiner Truppe dramaturgisch richtig gut hingekriegt, die Erzählstränge so sauber sortiert, dass kein Zuschauer in Verwirrung stürzen muss.

Ein knappes Dutzend Akteure bespielt bestimmt doppelt so viele Rollen, was schon dadurch etwas leichter handhabbar ist, dass es mehr um Typen und um eine Kaskade von Gags und Sottisen geht als um feinsinnige Charakterzeichnungen. Neben den Schwestern (Marie-Luise Thein, Sabine Häcker, Susanne Geisel), ihren jeweiligen Männern und wechselnden Lovern (Yannick Bantel, Steffen Kahle, Alexander Wiedmann) sind da auch noch Freunde, Kollegen und Eltern zugange – und vor allem auch viererlei Ärzte und Seelenklempner, denen sich der hypochondrische Woody-Mickey (Jacob Ewert) anvertraut.

Eine locker spielfreudige Truppe

Den einzelnen Szenen gibt ein souverän ironischer Moderator (Simon Ansel) kommentierenden Zusammenhalt. Die Pianistin (auch technisch-musikalisch große Klasse am E-Piano: Katharina Pott) liefert nicht nur den Soundtrack, sondern auch den roten Teppich für die großartigen Gesangsnummern, mit denen Christine Binder brilliert. Als Mutter Norma hat sie eigentlich nur eine in ihrer Trinkerinnen-Tristesse stark vertiefte Nebenrolle, schafft es damit aber auch, das Theater um Facetten von Musical und jazzig swingendem Chansonabend zu bereichern. Die vielleicht erfahrenste und wandlungsfähigste Schauspielerin des Ensembles ist auch in ihren differenziert gezeichneten Arzt-Rollen das Highlight in einer durchweg souveränen, locker spielfreudigen Truppe.

Genial einfach das Bühnenbild: Zwei Kästen mit New-York-Panorama wandeln sich zum Atelier-Regal oder zum Lotterbett im Hotel. Am heutigen Montag und morgen gibt es jeweils um 20 Uhr weitere Vorstellungen im Euroforum, dazu noch einmal am 3. und 5. Juni.

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