Foto: Fotoagentur Beytekin / Weiberg

Der Graf singt von der Leidenschaft: 20.000 Zuschauer erlebten Unheilig auf dem Cannstatter Wasen.

Stuttgart - Graue Wolken, Regen, der vorüberzog, Herbst im Sommer – daheim auf dem Sofa mag das das rechte Wetter für die Musik von Unheilig sein. Auf dem Cannstatter Wasen allerdings würden auch die größten Fans der Melancholie lieber im Sonnenschein stehen. Ganz verfehlt ist das nicht, am Freitagabend, denn immerhin: kaum tritt der Graf, der Sänger der Aachener Band, auf die Bühne, bricht hinter ihr, wie auf Bestellung, das Abendrot durch die Wolken. Viele ließen sich abhalten, vom Konzertbesuch – von Wetterprognosen oder Urlaubsplänen: 50.000 finden Platz auf dem Gelände, nur 20.000 sind da. Dennoch wurden Mercedes-Straße und Parkbereich beim Wasen abgesperrt – ein kleines Verkehrschaos und ein etwas längerer Fußmarsch für die Fans sind die Folge.

Entschädigt werden sie mit großem Pathos, vom ersten Augenblick an: „Könnt ihr die Leidenschaft spüren, spürt ihr die Erregung“ – mit dieser ­Frage beginnt der Abend. Die Stimme des Grafen schwebt tief und markant über dem Wasen, Synthesizerklänge umspielen sie. „Herzwerk“ heißt das erste Stück nach dem Intro, die wuchtigen Gitarren, die Unheilig hörbar in die Nähe von Rammstein rücken, setzen ein. Eine ebenso große Rolle werden während des Konzertes aber auch die ruhigeren Töne spielen, die Balladen, die sanft von Piano oder Gitarre umspielt werden, die Songs, bei denen die 20.000 mitsingen dürfen. Einspielungen von Publikumsbildern auf den Leinwänden, immer wieder: Gesichter, die begeistert einstimmen, in des Grafen Bekenntnis zum Leben - dunkel, aber sehr bestimmt und emotional.

Der Graf bedankt sich beim Stuttgarter Publikum für die Inspiration

Unheilig sind längst schon das bemerkenswerteste Massenphänomen der neueren deutschen Popmusik: nur wenige Jahre sind vergangen, seit die Band in Ammerbuch, ­nahe Tübingen, als Geheimtipp beim Gothic-Festival „Dark Park“ spielte – „Vor einer überschaubaren Besucherzahl“, kommentierte das Szene-Organ „Stuttgart schwarz“ damals. Ein Jahr später füllten Unheilig den Beethovensaal, wieder ein Jahr später lagen sie an der Spitze der deutschen Charts, mit ihrem Album „Lichter der Stadt“, dessen Songs nun auch auf dem Wasen den größten Teil des Programms ausmachen. Es sind Songs, die während der letzten Unheilig-Tournee entstanden, und der Graf bedankt sich nun auch beim Stuttgarter Publikum für die Inspiration zu ihnen. Und er holt die „Stuttgarter Kinder“ auf die Bühne: jene, die vor dem Unheilig-Auftritt im mitreisenden Kinderparadies („Bitte kein Alkohol und keine Zigaretten im unheiligen Kinderland“ steht am Eingang geschrieben) den Mut fanden, einen kleinen Auftritt einzuproben. Sie stehen nun hinter dem Sänger, der weißes Hemd trägt, schwarze Krawatte, seine Markenzeichen, und führen ihre Choreografie auf.

Familie wird groß geschrieben, in der Welt des Grafen, Zusammengehörigkeitsgefühle werden beschworen: immer wieder tauchen Szenen auf den Leinwänden auf, die Brücken zwischen Generationen schlagen wollen. Der Mann, der seinen bürgerlichen Namen nicht preisgeben will und der sich selber zur mehrheitsfähigen Gothic-Ikone mit Sehnsuchtsblick am Horizont stilisiert hat, beschwört das Weltgefühl seiner Jugend, erzählt in seinen Liedern von Industrie und Großstadt und davon, dass es sich trotz allem lohnt, zu leben – „Geboren um zu leben“ heißt sein größter Hit, er singt ihn noch vor der Zugabe.

Es geht um große Träume, große Freiheit, großes Leben

Und er bewegt sich unermüdlich, auf der Bühne, zu deren Seiten scherenschnitthafte Stadtstraßenfassaden hineinführen ins Labyrinth des Lebens. Er sprintet vorüber, er lässt seine Arme kreisen, er breitet sie aus – und singt ein Duett mit dem Nachwuchsstar Andreas Bourani: „Wie wir waren“. Der Graf wirkt, wenn er vor seinem Publikum plaudert, locker und allürenfrei, man traut ihm den Familienvater zu. Er bedankt sich, sagt „Dankeschön“ und „Dankeschön“, und dann, zu Scherzen aufgelegt, auch einmal „Bitteschön!“ Und augenblicklich geht er wieder auf, in seiner Pose, singt mit eindringlicher Stimme, leidenschaftlich gepresst in den Tiefen, zu einer Musik, die eingängige Rhythmen und Melodien geschickt mit psychedelischen Klangeffekten und krachenden Gitarren garniert. Es geht um große Träume, große Freiheit, großes Leben. Die Sonne geht unter, der Graf blickt auf seine Gemeinde und sagt: „Wollen wir noch einmal alle gemeinsam singen?“

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