Der typische Griff an der Haltestelle geht zum Handy. Foto: stock.adobe.com/Maria_Savenko

Warten müssen alle mal. So ist das Leben. Aber was hat das Smartphone ständig dabei zu suchen, fragt sich unsere Kolumnistin?

Eigentlich habe ich mir fest vorgenommen, nicht darüber zu schreiben. Weil ich mir alt und ewig gestrig vorkomme, hängen geblieben, nahezu fossil. Weil mir mein Umfeld einen nervtötenden Widerspruchsgeist bestätigt hat – natürlich wird dieser Text alle Negativurteile bestätigen.

 

Versucht habe ich es. Um die Angelegenheit aufzuschieben – bis zur Abgabe ist noch genügend Zeit –, verlasse ich den Schreibtisch und streife unter dem Vorwand dringender Erledigungen durch das Viertel. Maultaschen besorgen, solange die Metzgerei mit den nettesten Verkäuferinnen der Welt noch existiert (ein weiterer Wermutstropfen, aber darüber verliere ich jetzt kein Wort, nur eine Menge Tränen).

Sie stören die Stadtnaturbetrachtungen

Die Löwenzähne entlang der Mauer leuchten in heftigem Gelb gegen Trottoir-Grau und Himmelblau an. Zwei Amselmänner kämpfen im Ahorn um ihr Revier. Auf dem Spielplatz gegenüber quietscht die Pumpe, die Kids grölen begeistert, während sie Wassereimer herumschleppen. Ich latsche, schon zufriedener werdend, an einem in weißem Blütenschaum explodierten Busch vorbei. Von ihm hat mein Schwiegervater bei seinem letzten Besuch ein paar pflaumenartigen Früchte probiert. Sie schmeckten nicht übel.

Doch da vorne sitzen sie, auf der Wartebank an der Bushaltestelle, da stehen sie, da laufen sie auf und ab – und zerstören nicht nur meine Stadtnaturbetrachtung, sie sind auch der Grund dafür, weshalb ich (natürlich erst nach dem traurigen Maultaschenkauf) mein Notebook wieder anwerfe, um genau jene Jeremiade herunterzuhacken, die ich eigentlich vermeiden wollte.

Wo bleibt das Vorbild für die Kinder?

Alle hängen über ihren Smartphones. Und das, obwohl kleinere Menschen mit ihnen zusammen warten. Mitten im Frühling. An manchen Fußgängerampeln hängt folgendes Schild: „Bei Rot stehen bleiben. Kindern Vorbild sein.“ Bitte, Kindern auch im öffentlichen Raum ein Vorbild sein und nicht aufs Handy schauen! Einfach ist das nicht. Ich habe oft das Gefühl, mein Gerät sei ein weiteres Körperteil, das so lange juckt, bis man ihm wieder seine völlige Aufmerksamkeit widmet. Gibt es auch andere Möglichkeiten, unausgefüllte Minuten herumzubringen und sich dabei sogar besser, entspannter zu fühlen? Harmlose Tätigkeiten, draußen durchführbar, die Jüngere nicht auf die irre Idee bringen, es ginge niemals ohne?

Haare drehen, Nägelkauen, Nasebohren fallen weg, zu privat. Leute beobachten, sich überlegen, was sie wohl gerade denken und wohin sie unterwegs sind. Herumliegende Kippen aufheben und wegwerfen. In den Himmel schauen. Auf einem Bein stehen (gar nicht so leicht). Ein ABC im Kopf erfinden, mit Obst, Gemüse, Schimpfworten. Die Augen schließen, lauschen. Beckenbodenübungen durchführen (merkt kein Mensch). Einfach mal gar nichts tun. Einen Reim machen auf „Handybenutzer“ oder „Handyglotzer“ nach dem Vorbild des alten Kinderspruchs „Rotgeher – Totgeher“.