Beim Absturz einer Gondel am Lago Maggiore sterben am Pfingstsonntag 14 Menschen – nur ein kleiner Junge überlebt. Experten suchen nun nach der genauen Unfallursache. Eine Vermutung: die Seilbahn war womöglich veraltet.
Stresa - Roberta P. hatte ihrer Schwester noch eine Nachricht aus der Seilbahn geschickt: „Wir fahren jetzt hinauf, es ist ein Paradies hier“, tippte die 40-jährige Ärztin aus Süditalien auf Whatsapp. Wenige Minuten später waren sie und ihr Mann Angelo tot: abgestürzt mit der Gondel, die vom mondänen Ferienort Stresa am Lago Maggiore auf den rund 1400 Meter hohen Monte Mottarone führt. Italien und insbesondere das Piemont, zu dem Stresa gehört, stehen nach dem Unfall unter Schock. Regionalpräsident Alberto Cirio, der am Pfingstsonntag umgehend zum Unglücksort gefahren war, zeigte sich erschüttert: „Dieses Wochenende sollte der Tag des Neubeginns und des Lächelns werden. Stattdessen sehe ich zerstörte Leben und zerstörte Hoffnungen.“
Das Wetter war strahlend schön
Tatsächlich ereignete sich die Tragödie am ersten Wochenende nach den weitgehenden Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen durch die Regierung. Das Wetter war strahlend schön, die Luft klar. Doch nun kämpfen sich Rettungskräfte an dem steilen Waldhang durch Gestrüpp und über umgefallene Bäume.
Der Mottarone gilt als einer der schönsten Aussichtsberge Italiens: Von seinem Gipfel aus sieht man neun Seen, die malerischen Borromäischen Inseln im Lago Maggiore, den Monte Rosa, die Po-Ebene. Auf den Wanderwegen in den Bergen tummelten sich unzählige Touristen, die Cafés an den Uferpromenaden entlang des Sees waren voll – überall genossen die Menschen am Pfingstwochenende die Rückkehr in eine Art von Normalität. Dann kam am frühen Sonntagnachmittag die Nachricht von dem Unfall.
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In der abgestürzten Gondel, die für den Transport von maximal 40 Personen zugelassen war, befanden sich 15 Personen: Im Rahmen der noch bestehenden Corona-Schutzmaßnahmen ist die Kapazität weiterhin um über die Hälfte reduziert. Fünf Familien – vier aus Italien und eine aus Israel – kamen ums Leben. Bei den Israelis handelte es sich um ein in Norditalien lebendes Paar mit zwei kleinen Kindern. Der fünfjährige Sohn Eitan ist der einzige Überlebende des Unglücks. Der Junge liegt nun schwer verletzt in einer Turiner Klinik – und ist Waise. Unter den Toten befinden sich auch seine Urgroßeltern, die den Bomben- und Raketenhagel in der Heimat hinter sich lassen wollten, um mit ihrer Familie ein paar unbeschwerte Tage in Italien zu verbringen.
Zugseil gerissen plus Bremsversagen
Der Vorgang des Unfalls ist laut Olimpia Bossider, Staatsanwältin von Verbania (Piemont), inzwischen weitgehend klar: Die Unglückskabine befand sich kurz vor 13 Uhr wenige Meter vor der Bergstation, als offenbar das Zugseil riss. Weil anschließend die Bremsen nicht funktionierten, die in einem solchen Fall automatisch in das Tragseil greifen und die Kabine blockieren, raste die Gondel in der Folge mit rasch steigender Geschwindigkeit talwärts, sprang beim Passieren eines Pfeilers, der wie eine Schanze wirkte, aus dem Tragseil und stürzte rund 20 Meter in die Tiefe.
Nach dem Aufprall auf die steilen Felsen überschlug sich die Kabine mehrmals und wurde erst einige hundert Meter unterhalb der Aufprallstelle von zwei Bäumen aufgefangen. Mehrere der Opfer wurden aus der Gondel geschleudert.
Weitgehend ungeklärt ist die Frage, wie es zur fatalen – und eigentlich äußerst unwahrscheinlichen – Kombination der beiden Unfallursachen, Riss des Zugseils und gleichzeitiger Ausfall der Bremse, hatte kommen können. Die Seilbahn war zwar alt, sie wurde 1970 anstelle einer zuvor bestehenden Zahnradbahn in Betrieb genommen, aber sie wurde regelmäßig generalüberholt – zuletzt zwischen 2014 und 2016. Die letzte Kontrolle des Trag- und des Zugseils erfolgte im vergangenen Herbst. Laut der mit der Überprüfung beauftragten Firma sind keine Schäden festgestellt worden. Wegen der Pandemie war die Seilbahn im Winter und im Frühling mehrere Monate still gestanden. Sie hatte ihren Betrieb erst vor wenigen Wochen, am 26. April, wieder aufgenommen.
War die Anlage zu alt?
Die Vermutung steht im Raum, dass letztlich einmal mehr eine veraltete und nicht mehr den modernen Konstruktionsstandards entsprechende Anlage für den Tod der 14 Passagiere verantwortlich ist. Ein Unglück mit ähnlich gelagerter Ursache hatte sich am 14. August 2018 ereignet, als beim Einsturz des 50 Jahre alten Morandi-Viadukts in Genua 43 Menschen starben.
Er wolle den Ermittlungen zur Unfallursache nicht vorgreifen, erklärte der Mailänder Professor für Technikkonstruktion, Gianpaolo Rosati, am Montag gegenüber der Zeitung „La Stampa“. Aber: „Wir haben in Italien generell sehr viele alte Infrastrukturen, und diese weisen andere Eigenschaften auf als neue. Nicht nur wegen ihres Alters, sondern auch konzeptionell und bezüglich ihrer Konstruktion. Das kann zum Problem werden“, betont Rosati, der auch Mitglied der Expertenkommission bei der Untersuchung des Brückeneinsturzes in Genua war.
Wie das Morandi-Viadukt wird nun auch die Seilbahn auf den Monte Mottarone zum Fall für die Justiz: Staatsanwältin Bossi kündigte an, ein Ermittlungsverfahren wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung oder wegen fahrlässiger Verursachung einer Katastrophe einzuleiten. Italiens Infrastrukturminister Enrico Giovannini kündigte unterdessen die Einsetzung einer ministeriellen Untersuchungskommission an.