Simone Metzger schenkt ausgedienten Legehennen ein Zuhause – in ihrem Garten, inmitten einer Stuttgarter Reihenhaussiedlung. Besuch bei einer Frau, die jedes Tier respektvoll behandelt.
Gestank. Dreck. Hitze. Als Simone Metzger zum ersten Mal im Ganzkörperoverall in einer Halle stand, in der sich Zehntausende Hennen tummelten, traute sie erst ihren Sinnen nicht, dann wurde sie innerlich ganz ruhig. Sie erinnert sich, dass sie Hühner von Sitzstangen pflückte wie Kirschen von Bäumen. Eins nach dem anderen trug sie die Tiere nach draußen, wo die Transportboxen bereitstanden. „Manche sahen nicht mehr wie Hühner aus. Sie hatten keine Federn mehr, eitrige Abszesse, gebrochene Flügel.“ Simone Metzger funktionierte. „Die Stimmung unter den Helfern war gut. Der Rettungsgedanke überwog.“
Als die Stuttgarterin vor fünf Jahren beschloss, ausgedienten Legehennen ein Zuhause zu schenken, wollte sie unbedingt wissen, wo diese herkamen, wie sie gelebt hatten. Mit 30 anderen Freiwilligen war sie mitten in der Nacht aufgestanden, um beim Ausstallen zu helfen. Rettet das Huhn heißt der Verein, der das möglich machte. In Absprache mit ausgewählten Betrieben holen die Mitglieder jedes Jahr rund 12 000 Hühner aus der Massentierhaltung – nachdem diese in zwölf Monaten jeweils rund 300 Eier gelegt haben. Statt im Schlachthaus landen die Hennen als Haustiere bei Privatleuten. 141 915 konnten sie bisher vermitteln, so steht es auf der Homepage des Vereins.
„Hühnerparadies“ steht über dem Tor
Ein sonniger Mittwochvormittag in einer Reihenhaussiedlung in Stuttgart-Vaihingen. Simone Metzger schenkt sich ein Glas Wasser ein. Kaum steht sie am Küchenfenster, kommt eine Handvoll Hühner angesaust. Von hier aus hat sie den besten Blick auf den gerade einmal 300 Quadratmeter großen Garten hinterm Haus. Ein Stück Bullerbü mitten im Wohngebiet. „Hühnerparadies“ steht über dem Tor, hinter dem es leise gackert und gluckst. Als Metzger das Gelände betritt, scharen sich die Hennen um sie, blicken erwartungsvoll auf den kleinen weißen Eimer, den sie in den Händen hält. Sie hat Trauben und Pflaumen mitgebracht und jede Menge Haferflocken. Ein kleiner Snack für zwischendurch. „Komm, Hermine, komm Schatz!“ Das schwarzgefiederte Huhn pickt ihr gierig aus der Hand. „Das ist die Chefin“, erklärt Metzger. „Sie hat die Hühnerbande im Griff, regelt alles mit Blicken. Aggressiv ist sie überhaupt nicht.“
Vor drei Jahren hat die Stuttgarterin Hermine aus einer Privathaltung übernommen. Mit fünf Artgenossinnen streift die Henne durch den naturbelassenen Garten, scharrt unterm Quitten- und unterm Apfelbaum. Nimmt ein Bad im Sand oder legt ein Ei in eins der weich gepolsterten Nester, die Simone Metzger hier und da kreiert hat.
Abends klettern die Hennen in den kleinen roten Hühnerstall, den die 56-Jährige mit ihrem Lebensgefährten zusammengeschraubt hat. „Den haben wir konfiguriert wie ein Auto“, erzählt sie lachend. Links sind die Legenester, rechts die Sitzstangen. Der Boden ist mit Sägespänen bedeckt, darunter eine Schicht Sand, „das hält Parasiten fern“. Der Stall steht auf Stelzen und bietet so bei schlechtem Wetter einen zusätzlichen Unterschlupf. Die elektrisch betriebene Hühnerklappe öffnet sich morgens um 7.30 Uhr automatisch, überwacht von einer Videokamera. Seit 15 Jahren wohnt Simone Metzger in dieser Idylle. Ihre zwei Kinder sind zum Studieren fortgezogen.
Zum ersten Mal Gras unter den Füßen
Die Schwäbin hat ein Herz für Tiere, seit sie denken kann. Regelmäßig nimmt sie Pflegehunde aus Rumänien auf. Kater Levi hat sie aus schlechter Haltung adoptiert, kümmert sich ehrenamtlich um ein Pferd aus der Nachbarschaft. Vor fünf Jahren dachte sie darüber nach, welches tierische Hobby noch zu ihr passen könnte. Imkerei? „Bienen waren mir zu kompliziert“, erzählt sie schmunzelnd.
So landete sie bei Rettet das Huhn und stand eines Nachts in einer Legehennen-Industrieanlage. Als sie am nächsten Tag die Hühner dabei beobachtete, wie sie zum ersten Mal Gras unter den Füßen spürten, sei das ein überwältigender Moment gewesen. „Die steigen aus der Transportbox und denken: Wie geil ist das denn! Die können nackt und hässlich sein, aber ab dem zweiten Tag stolzieren sie wie die Königinnen herum. Schmeißen sich ins Sandbad, in die Sonne, genießen das Gras, den Wind, die Luft, das tolle Futter. Sie fangen an zu leben.“
Nur wenigen Hühnern ist das vergönnt. In Deutschland werden rund 45 Millionen Legehennen gehalten. Im Alter von 16 bis 18 Monaten enden sie als Abfall der Eierindustrie überwiegend als Tierfutter oder in Brühwürfeln. Simone Metzger betrachtet ihre Hühner deshalb auch als Botschafterinnen. Hinter dem Garten führt ein Spazierweg entlang. Mit vielen Passanten kommt sie ins Gespräch. „Kinder fragen nach den Hühnern, wollen sie streicheln. Erwachsene fragen nach den Eiern.“ Metzger sagt, sie wolle niemanden belehren und auch niemandem das Frühstücksei vermiesen, aber wenn es passe, dann erzähle sie schon, wie die meisten Legehennen ihr Dasein fristen.
Zu Tausenden auf engstem Raum
Die Versicherungskauffrau kann über tierquälerische Massentierhaltung dozieren wie ihre Kollegen über Haftpflichtpolicen. Dann fallen Worte wie Hölle und Albtraum. Das System beschreibt Metzger so: „Im Alter von vier Monaten kommen die Hennen in die Industrieanlage. Sie leben dort zu Tausenden auf engstem Raum. Zwölf Monate stehen sie auf Beton- oder Gitterböden, sehen nie das Tageslicht und können keins ihrer Bedürfnisse ausleben.“ Nach einem Jahr werde der gesamte Bestand ersetzt.
Metzger berichtet von sogenannten XL-Eiern und von Zwangsmauser und welche Qualen die Hühner Tag für Tag erlitten. Sie selbst hat für sich die Konsequenzen gezogen: Seit sechs Jahren ernährt sie sich vegan. „Es gibt keine Haltung, die irgendwie erträglich wäre.“ Und sie ist überzeugt: Jeder könne etwas bewegen im Tierschutz. Auch kleine Veränderungen machten Sinn. „Man kann etwas tun, indem man genauer auf seinen Einkaufszettel guckt und vor allem auf Fertigprodukte verzichtet, in denen oft Industrie-Eier verarbeitet werden.“
Simone Metzger ist gerne unter Gleichgesinnten. Das sei wichtig, um nicht an dem vielen Leid zu verzweifeln. Wer sie in ihrem Garten mit ihren Hühnern erlebt, spürt den Respekt, den sie den Tieren entgegenbringt. „Sie sind eben alle einfach zauberhafte Individuen, die neugierig sind und ständig Neues entdecken“, schwärmt sie. „Aber das merkt man nur, wenn sie ihre Natur ausleben dürfen und man sie wertschätzt.“ Es sei diese Art von Zusammenleben mit den Tieren, die sie glücklich mache.
Ofelia und Kokoschka sind frech und zutraulich
Jedes Huhn habe seine eigene Persönlichkeit. Hermine, die Chefin, sei ruhig und liebevoll, aber auch unerbittlich und durchsetzungsstark. Polly, eine graue Königsberger Schönheit, reagiere scheu und misstrauisch. Dann sind da noch die zwei braunen Hybridhühner Ofelia und Kokoschka, frech und zutraulich, die beide mit gebrochenen Beinen angekommen seien und Neuankömmlinge erst mal davonjagten. Ebenfalls schwer verletzt, ohne Federn, seien Iris und Lavendel zu ihr gestoßen, zwei weiße Hybridhühner aus der Industrie. Sie verbinde eine enge Freundschaft. Nesthäkchen Holly, ein Nackthalshuhn, sitze gerne auf ihrem Schoß – es wurde in den Fellbacher Weinbergen gefunden, mit gebrochenem Flügel und Hämatomen. Witzig sei die Kleine und gewieft. „Sie kommt gerade in die Pubertät.“
Simone Metzger sagt, dass sich die Hühnerhaltung auch für Anfänger eigne. Maximal 30 Minuten am Tag brauche man für die Stallreinigung und das Füttern. Sie selbst verbringt gerne mehr Zeit mit den Tieren. „Es gibt nichts Schöneres als auf dem Liegestuhl ein Buch zu lesen mit den Hühnern um mich herum.“ Sie verstehe mittlerweile die Sprache der Tiere. Je mehr man sich mit ihnen beschäftige, desto anhänglicher würden sie. „Ich hatte schon richtige Kuschelhühner“, erzählt Simone Metzger.
Der Fuchs wird in die Flucht geschlagen
Was die Haltung angeht, hat der Verein Rettet das Huhn klare Vorstellungen. Ein großzügiger Stall mit erhöhten Sitzmöglichkeiten und geschützten Legenestern, der Schutz bietet vor Waschbären, Füchsen und Mardern, ist Voraussetzung. Auch für Auslauf muss gesorgt sein. Grundsätzlich darf jeder Hühner halten, eine Anmeldung beim Veterinäramt ist allerdings Pflicht.
Simone Metzger hatte aufgrund ihrer Hennenschar bisher noch keine Probleme mit den Nachbarn – im Gegenteil. In den Wintermonaten dürfen die Tiere auch den angrenzenden Garten erkunden. Während der Urlaubszeit übernehmen Nachbarn die Pflege, und als einmal ein Fuchs im Hühnerparadies stand, kamen sie von allen Seiten angerannt und schlugen ihn in die Flucht.
Weitere Informationen zu dem Verein unter: www.rettet-das-huhn.de