Michael Tame leitet das Projekt an der Oscar-Paret-Schule. Foto: factum

Welche Lehren können Schüler von heute aus dem Holocaust ziehen? Ein Lehrer der Oscar-Paret-Schule in Freiberg hat dazu ein Projekt angestoßen – das nun sogar von der EU gefördert wird.

Freiberg - Wie kann man die Schrecken des Mordes an Millionen Juden nach mehr als 70 Jahren für die nächste Generation erfahrbar machen? Mit dieser Frage hat sich der Lehrer Michael Tame an der Oscar-Paret-Schule in Freiberg beschäftigt. Und hat ein ungewöhnliches Projekt gestartet, das durch das Erasmus-Programm der EU mit 120 000 Euro gefördert wird. Seine Schüler werden zwei Jahre lang die Biografien von Freiberger Holocaust-Opfern recherchieren. „Damit hat man sich hier noch nicht so richtig auseinandergesetzt“, sagt Michael Tame. So gebe es in Freiberg zum Beispiel keine Stolpersteine für die Opfer des Holocaust. Die Ergebnisse ihrer Recherchen werden die Schüler den Einwohnern der 16 000-Einwohner-Stadt in einer Ausstellung präsentieren.

Außergewöhnlich ist das Konzept aber aus anderen Gründen. Allen voran die Internationalität des Projekts: Die Freiberger Schüler arbeiten dafür mit Altergenossen aus Spanien, Portugal und Lettland zusammen. So werden alle Schüler die Partnerschulen in den anderen Ländern besuchen. Vier solcher einwöchigen Aufenthalte sind geplant, den Auftakt als Gastgeber macht die Oscar-Paret-Schule.

Dort soll eine Vielzahl von Lehrern in der AG „Learning from the Holocaust“ das Thema aufgreifen, jeder mit einem anderen Ansatz. „Wir haben ein Team von zehn bis fünfzehn Kollegen, die das Projekt unterstützen wollen“, sagt Tame, „da sind natürlich viele Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer dabei. Aber wir haben auch Fachfremde, wie es ich selbst bin.“ Mit im Boot seien auch Kunst- und Religionslehrer.

In dem Freiberger Projekt wird es zum Beispiel um die Aufarbeitung des Holocaust in der Kunst gehen. Oder sie werden die Frage diskutieren, wie sich die Kirchen im Dritten Reich positioniert haben. „Uns geht es nicht darum, nur Wissen zu vermitteln. Wir wollen unsere Schüler zu mündigen und weltoffenen Bürgern erziehen“, sagt Tame. Daher will er Fragen stellen: Was können wir heute noch aus dem Holocaust lernen? Was ist der Wert der Demokratie? Und wie können wir verhindern, dass so etwas je wieder passiert?

Genau 18 angehende Neuntklässler haben sich für die AG angemeldet. Bei ihnen handelt es sich sowohl um Schüler der Real- und Gemeinschaftsschule sowie des Gymnasiums an der Oscar-Paret-Schule. Und das hat auch einen Grund, wie Tame erklärt: „Weil wir mit Schülern und Kollegen von allen drei Schultypen zusammenarbeiten, wollen wir Begegnungen schaffen, die sonst im Alltag nicht passieren würden.“ Dadurch soll auch der Dialog im eigenen Haus gestärkt werden.

Lediglich acht Wochen hatte Michael Tame Zeit, ein Konzept für die AG aufzustellen. „Das war eine richtige Hauruck-Aktion“, sagt der Englisch- und Chemielehrer. „Aber da wir uns mit dem Projekt bei der Europäischen Union auf Fördermittel bewerben wollten, mussten wir die Bewerbungsfrist einhalten.“ Der Kraftakt gelang, Michael Tame reichte den Antrag ein und die EU bewilligte die Gelder. Die AG ist auf zwei Jahre angelegt und soll Anfang September beginnen.

Tame wählte die Partnerschulen aus

„Uns geht es dabei darum, von der Perspektive der anderen Schulen aus Spanien, Portugal und Lettland zu lernen“, erklärt Michael Tame. So soll auch ein internationaler Dialog entstehen. Die Partnerschulen hat Michael Tame selbst ausgewählt. Er hat die Projektidee auf einer Internetplattform vorgestellt und ungefähr 50 Bewerbungen bekommen. Drei wurden ausgewählt, was gar nicht so einfach war.

Mit den so gefundenen Partnerschulen ist er zufrieden: „Jede Schule bringt ihre eigenen Besonderheiten mit.“ Die Einrichtung in Lettland arbeitet zum Beispiel eng mit einer jüdischen Gemeinde zusammen, die im Zweiten Weltkrieg Opfer des Holocaust wurde. In Deutschland sind Besuche von Gedenkstätten wie dem Konzentrationslager in Dachau geplant. Und es geht um die Freiberger Opfer.

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