Achtung, Rind. Die Rasse Salers mit rötlichem Fell und spitzen Hörnern hat ihr Revier im Rheinauenwald bei Kappel-Grafenhausen. Foto: Thomas Kaiser

Der Rheinauenwald in Südbaden bietet nicht nur seltenen Vögeln eine Heimat, sondern seit knapp drei Jahren auch einer Salers-Herde, die erst die Bedingungen für das Ökosystem schafft. Es gibt nur wenige vergleichbare Projekte im Land.

Kappel-Grafenhausen - Weitergehen oder stehenbleiben, das ist hier die Frage: Eine stattliche Kuh mit kastanienrotem Fell und spitzen Hörnern steht mitten auf dem Weg und rührt sich nicht vom Fleck. „Die geht gleich weiter“, sagt der Landwirt Tilmann Windecker beruhigend. Es ist ja noch nicht einmal der Bulle der Herde mit 40 Tieren, die weit verstreut zwischen den Bäumen weidet. Aber näher als auf 25 Meter sollte man sich den Tieren nicht nähern. Schließlich ist es ihr Revier im Rheinauenwald bei Kappel-Grafenhausen (Ortenaukreis), der unmittelbar an das Naturschutzgebiet Taubergießen angrenzt. Gut 100 Hektar Fläche in Wald und Feld stehen den Rindern der französischen Rasse Salers zur Verfügung. Die sogenannten „Wilden Weiden“ am Oberrhein sind weiträumig umzäunt aber begehbar. Knappe vier Kilometer südlich, in Rust, steht der Europapark.

Warum aber leben seit knapp drei Jahren Rinder im Rheinauenwald? „Wir haben auf Entwicklungen reagieren müssen“, erklärt Jochen Paleit, seit zehn Jahren Bürgermeister der Gemeinde Kappel-Grafenhausen. „Die Maisflächen haben sich ausgedehnt, bis in das Naturschutzgebiet hinein.“ Straßen- und Siedlungsbau mussten mit Ausgleichsflächen kompensiert werden, mit Streuobstwiesen zum Beispiel. „Aber das hat der Landwirtschaft weitere Flächen entzogen, diesen Prozess mussten wir aufhalten.“ Hinzu kam ein weiteres Problem: Der Rheinauenwald bei Kappel-Grafenhausen ist Poldergebiet, er gehört zu dem Rückhalteraum, der vom kommenden Jahr an bei Hochwasser geflutet werden kann.

Eine Verordnung ermöglicht die Waldweide der Rasse aus der Auvergne

So wie er nach der Rheinbegradigung im 19. Jahrhundert gewachsen war, konnte der Wald damit nicht bleiben. „Der Wald muss wieder geöffnet werden“, erklärt Bernhard Ihle. Er hat praktisch sein gesamtes Berufsleben dem Rheinwald gewidmet, hat jahrelang das einzige Auenwaldforstamt des Landes geleitet und auch das Projekt der Waldweide am Rhein betreut. Es gibt im Land nur wenig vergleichbare Beispiele. Denn normalerweise dürfen Rinder nicht im Wald weiden, ausnahmsweise wurde aber im Zusammenspiel von Kommune, Land und Forst 2016 eine „Schonwald-Verordnung“ erlassen. Nun darf das genügsame Vieh aus der Auvergne mit amtlichem Segen den Graswuchs flach halten, trampelt nebenbei unerwünschte Pflanzen platt und hinterlässt für Insekten wertvolle Nahrung. Der Rheinwald soll insgesamt so licht werden wie früher: Nicht zu viele, aber stabile Hochstämme, also lediglich ein paar Eichen, Buchen, Ahorn und Ulmen sollen sich über Grasfläche und Sträuchern erheben. Ein Teil der Hochstämme ist bereits durch das Eschensterben verschwunden, andere morsche Stämme fällt die Axt.

Der Weg ist wieder frei, die Rinderherde arbeitet sich stoisch in das Waldinnere voran. Zwischenfälle mit Menschen gab es bisher nicht, nur mit einem Hund. Den hatte der Herdenbulle wohl für einen Wolf gehalten und verscheucht, vermutet der Viehhalter. Die Rinderherde steht ganzjährig draußen, und Tilmann Windecker hat ein wachsames Auge auf sie. „Sie ernähren sich von dem, was sie finden“, sagt der Bauer. „Das reicht. Zugefüttert wird nur im Notfall und bei Schnee.“

Das Kalben bekommt der Landwirt meist erst mit, wenn es vorbei ist. Im Gegensatz zu normalem Nutzvieh bleiben die Jungrinder zwei, statt drei Jahre auf der Weide, bevor ein Teil von ihnen geschlachtet wird. „Das Fleisch ist anders, magerer“, erklärt Windecker. Ein ortsansässiger Metzger schlachtet die Rinder und vermarktet das Fleisch. In der Gastronomie ist es begehrt, sein Name als „Wilde Weiden Fleisch“ ist geschützt. Aber betriebswirtschaftlich effizient ist die Viehhaltung im Wald nicht. Der Landwirt bekommt eine Landschaftspflegeprämie. Außer den Rindern hat Windecker noch sechs scheue Konik-Pferde auf der Weide, die sich meist weit abseits halten.

Die Gemeinde hat nun fünf Millionen „Ökopunkte“ angesammelt

„Die Rendite ist eine andere“, betont der Bürgermeister Jochen Paleit – und lädt zu einem Besuch im Frühjahr ein, wenn seltene Vögel wie Neuntöter und Wendehals zu sehen sind. „Wir haben eine ökologische Lösung für unsere Flächenprobleme gefunden, die Natur und Mensch nützt.“ Und der Gemeinde sogar in finanzieller Hinsicht hilft. Für die 100 Hektar große Waldweide hat die Gemeinde vom Landkreis fünf Millionen „Ökopunkte“ bekommen. Diese sind – ähnlich wie Emissionszertifikate – eine begehrte Währung geworden. Mit dem Kauf von Ökopunkten können sich Bauherren von eigenen Ausgleichsmaßnahmen befreien. So wie es auch die öffentliche Hand beim Autobahn- oder Gleisbau tut. Kappel-Grafenhausen habe bereits 120 000 Ökopunkte für je einen Euro an das Regierungspräsidium Freiburg verkauft – für den Ausbau der nahen A 5, berichtet Paleit. Und damit bares Geld erlöst für einen neuen Kindergarten und den Ausbau der Schule in der 5000 Einwohner zählenden Landgemeinde.

Weitere wilde Weiden im Land

Seit Frühjahr 2016 dürfen in einem Biotop nahe Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis) karpatische Büffel des Landwirts Werner Kornhaas auf einem sieben Hektar großen umzäunten Bereich den wuchernden Schilfbestand abweiden. Dadurch wurde wieder Brutraum für den Kiebitz geschaffen. Auch die ebenfalls seltenen Vogelarten Bekassine, Rotschenkel und Zwergtaucher kommen nun wieder häufiger vor. Das Regierungspräsidium Freiburg betreut das Projekt, das aus dem Sonderprogramm Biologische Vielfalt des Landes Baden-Württemberg finanziert wird.

Im Naturschutzgebiet Rieselfeld im Freiburger Westen nahe der A 5 hält der landwirtschaftliche Pächter des Tiergeheges Mun­denhof, der Glottertäler Metzger Ulrich Reichenbach, seit Anfang 2018 eine Herde asiatischer Wasserbüffel auf einer Fläche von sechs Hektar. Die genügsamen Tiere grasen als Landschaftspfleger energiearme Pflanzen und Schilf ab. Stadt und Regierungspräsidium Freiburg unterstützen das Projekt.

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